Aus den Zeitschriften

Mit dem Vormarsch der Terrormiliz „Islamischer Staat“ im Irak und in Syrien ist eine gezielte Vertreibung der christlichen Bevölkerung verbunden.

Von der Weltöffentlichkeit bisher weitgehend ignoriert, hat damit die Verfolgung von Christen ein beispielloses Ausmaß angenommen: „Inzwischen rechnen Menschenrechtsorganisationen damit, dass von den weltweit gut 2, 1 Milliarden Christen 200 Millionen – also jeder zehnte – unter Diskriminierung, schwerwiegenden Benachteiligungen und Anfeindungen zu leiden haben.“ Auf diesen alarmierenden Befund macht Hans Maier in seinem einleitenden Beitrag zum Themenheft „Christenverfolgung“ der Internationalen Katholischen Zeitschrift Communio (4/2014 Schwabenverlag Ostfildern) aufmerksam. Zudem hätten Menschenrechtserklärungen in jüngerer Zeit nicht mehr eindeutig den Rechtsanspruch auf Religionswechsel beinhaltet, wie er in der UNO-Deklaration von 1948 formuliert worden war: „Jeder Mensch hat Anspruch auf Gedanken- Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht umfasst die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung allein oder in Gemeinschaft mit anderen in der Öffentlichkeit oder privat, durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Vollzug von Riten zu bekunden.“ Bereits 1948 hatten Saudi-Arabien und die damaligen kommunistischen Staaten diesen Artikel abgelehnt. Auch die Spannungen unter den christlichen Konfessionen werden vom Verfasser nicht verschwiegen; so würden etwa von orthodoxer Seite Konversionen als „Proselytenmacherei“ bekämpft und die jeweiligen Landeskirchen in den Ländern der russischen Föderation dabei auch vom geltenden Recht unterstützt. Besonders gefährlich sei der Übertritt vom Islam zum christlichen Glauben. Werde doch nach der Scharia – nicht nach dem Koran – der Abfall vom Glauben als „todwürdiges Verbrechen“ angesehen. Christenverfolgung in Indien, Sri Lanka, auf den Molukken, in Thailand und Nordkorea zeigen, dass es sich um ein weltweites Phänomen handelt. Ein Ergebnis des Einmarsches der US-Armee und ihrer Verbündeten in den Irak sei gewesen, dass bis heute etwa die Hälfte der 1, 5 Millionen Christen ihre Heimat wegen anhaltender Verfolgung verlassen mussten. Geltendes Recht verbiete etwa in Afghanistan den Austritt aus der eigenen Religion. Richtig ist sicher die Beobachtung von Maier: „Angesichts der Dimension, die das Problem inzwischen angenommen hat, fällt die Behutsamkeit auf, mit der sich religiöse Autoritäten darüber äußern.“ Seine Bewertung, dass diese Zurückhaltung „nicht unverständlich sei“, steht allerdings im Widerspruch zur Lage der verfolgten Christen vor allem im Nahen und Mittleren Osten und in Afrika, wie sie Maier selbst benannt hat.

Volker Kauder, Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, macht auf die Arbeit des „Stephanuskreises“ aufmerksam. Es handelt sich dabei um eine Arbeitsgemeinschaft von siebzig Abgeordneten seiner Fraktion, die sich die Verbesserung der vielfach verzweifelten Lage von verfolgten Christen weltweit zum Ziel gesetzt hat. Kauder sieht die bessere Verankerung des Rechtes auf Religionswechsel als wichtiges Ziel an: „Für uns ist die Frage nach der Zulässigkeit einer Konversion die praktische Nagelprobe der Religionsfreiheit.“ Allerdings setze dies in den einzelnen Staaten ein westliches ziviles Personenstandrecht voraus, wie es von den Christen in Ägypten und den arabischen Christen gefordert werde: „Sie wollen keine Staatsbürger zweiter Klasse sein, die sich eine Anerkennung jenseits des sunnitischen Islam, der vielfach fraglos als Regelfall vorausgesetzt wird, erkämpfen müssen.“ Von Tobias Mayer werden die Ergebnisse einer Publikation des amerikanischen Vatikankorrespondenten John L. Allen, in Deutschland bekannt durch seine tendenziösen Bücher über Papst Benedikt XVI., über den „Krieg gegen Christen“ zusammengefasst. Allein in den letzten zwanzig Jahren sollen Schätzungen zufolge um die zwei Millionen Christen Verfolgungen zum Opfer gefallen sein.

Da die Verfolgungen meist durch kulturelle, ethnische, sprachliche und wirtschaftliche Faktoren mit verursacht seien, würden sie allzu oft nicht als Christenverfolgung wahrgenommen. Für Allen steht aber fest, dass die Christen „heute die weltweit am meisten verfolgte religiöse Gruppierung“ darstellt, „deren Märtyrer zudem viel zu oft unbemerkt leiden müssen“. Hinzu komme das Schweigen der Kirche, die um der „political correctness“ und um den interreligiösen Dialog nicht zu gefährden, für die Brüder und Schwestern in der Verfolgung oftmals nicht entschieden genug eintrete. Für die veröffentlichte Meinung gelte: „Um die Linke zu erregen, sind die Opfer zu christlich und für die Rechte sind sie zu fremd.“

Weltweit zeigt sich ein erschreckendes Gesamtbild: In China betreibe der Staat eine repressive Religionspolitik gegen alle Christen außerhalb der Staatskirche. In Indien seien gewaltsame Übergriffe von Hindu-Extremisten an der Tagesordnung. Im Irak und in Syrien sind die Christen auf der Flucht vor dem islamitischen Terror. in Nordkorea sollen um die 80 000 Menschen wegen ihres christlichen Glaubens in Konzentrationslagern um das tägliche Überleben ringen. In der Türkei sei eine schleichende Verschlechterung der Lage zu beobachten. Zwei Drittel der fünfzig für Christen gefährlichsten Staaten sind Staaten mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit. Islamisten machen auch in Afrika immer mehr von sich reden.

Allen geht auch auf die Diskriminierung von Christen in den westlichen Staaten ein: „Oftmals entstehe in Gesellschaften mit christlichen Mehrheiten ein Gefühl der Unverwundbarkeit, das die gegenwärtigen Gefahren ausblendet oder unterschätzt. Ob es um friedliches Zusammenleben und Dialog, um christlichen Pazifismus und Solidarität mit den Armen, um Religionsfreiheit oder um den Schutz des Lebens von Anfang bis zum Ende geht – überall führt christliche Haltung in eine Ausgesetztheit mit brisantem Potenzial.“ Etwa wenn Christen darauf bestehen, dass die Ehe nur zwischen Mann und Frau geschlossen werden kann, oder Ärzte sich gegen Abtreibung oder Euthanasie aussprechen, werden sie von der sich als tolerant verstehenden westlichen Gesellschaft wegen ihrer Überzeugungen ausgegrenzt. Boykottdrohungen von Abgeordneten gegen eine Rede des Papstes vor dem Deutschen Bundestag oder vor Studenten und Professoren der Universität Rom sind symptomatisch.

An den Tiroler Pallottinerpater Franz Reinisch, der sich nach seiner Einberufung zur Wehrmacht weigerte, den Fahneneid auf Adolf Hitler abzulegen, und deswegen 1942 hingerichtet wurde, erinnert Heribert Niederschlag. Erstaunlich ist, dass der von Bischof Josef Stimpfle begonnene Weg zur Seligsprechung von seinem Nachfolger Viktor Josef Dammertz nicht weiter fortgesetzt worden war, nachdem ein Gutachter bei Pater Reinisch „keine Spur von heroischem Tugendgrad erkennen“ konnte und zum Ergebnis kam, dass der Pater, Mitglied der Schönstattbewegung, es stets an kirchlichem Gehorsam habe mangeln lassen. Hier fühlt man sich an die jahrzehntelange innerkirchliche Missachtung des Märtyrers Franz Jägerstätter erinnert, dessen Seligsprechung 2007 erfolgte. Inzwischen wurde erfreulicherweise der Seligsprechungsprozess für Pater Reinisch eröffnet. Entgegen der heutigen Verharmlosung des DDR-Kommunismus erinnert Thomas Brose an die Tatsache, dass jedes öffentliche Bekenntnis zum Christentum im Arbeiter- und Bauernstaat Verfolgung nach sich zog. Wichtig ist auch seine Aussage, dass „die katholische Kirche der ideologischen Auseinandersetzung mit dem atheistischen Weltanschauungsstaat zu keiner Zeit aus dem Weg ging“.

Vom Kirchenhistoriker Andreas Merkt werden die Thesen einer katholischen Historikerin zurechtgerückt, die pauschal die Kirche der Märtyrer als eine Erfindung des vierten Jahrhunderts zur Diffamierung und Verfolgung von Juden und Heiden bezeichnet hat. Sehr schön zeigt das angeführte Zitat von Hippolyt aus dem dritten Jahrhundert die christologische Begründung des Martyriums: „Wenn er (Christus) nicht von derselben Natur wäre wie wir, würde er vergeblich befehlen, dass wir den Lehrer nachahmen sollen … er hat seine eigene Menschheit als Erstlingsfrucht aufgeopfert, damit du, wenn du in Bedrängnis bist, nicht entmutigt werdest, sondern, indem du bekennst, einer wie der Erlöser zu sein, in der Erwartung lebest zu erhalten, was der Vater dem Sohn gewährt hat.“

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