Aus den Zeitschriften

Zum fünfzigjährigen Konzilsjubiläum befassen sich zwei Aufsätze mit den lehramtlichen Aussagen der Kirchenversammlung über die Gottesmutter Maria. Karl-Heinz Menke, Dogmatiker in Bonn, zeichnet in Communio (6/2012 Schwabenverlag Ostfildern) die Entstehungsgeschichte des mariologischen Schlusskapitels der Kirchenkonstitution nach. Achim Dittrich erschließt im Forum Katholische Theologie (4/2012 Verlag Schneider Druck Rothenburg/ Tbr.) Bedeutung und Geschichte des Titels „Maria Mutter der Kirche“, den Papst Paul VI. im November 1964 in der Konzilsaula proklamierte. Bereits in der Vorbereitungsphase diskutierte man in der Theologischen Kommission unter der Leitung von Kardinal Ottaviani darüber, ob die Marienlehre in einem eigenen Dokument dargestellt oder in die Kirchenkonstitution integriert werden sollte. Verfasser des Entwurfs zur Mariologie war der Franziskaner Carlo Balic, ein Vertreter der römischen Schultheologie, seine Kontrahenten waren die Konzilsberater Gerard Philips und René Laurentin. Den sogenannten mariologischen Maximalisten, die eine konstitutive Miterlöserschaft Marias wegen ihrer ebenbürtigen Verdienste vertraten, standen auch die Berater Joseph Ratzinger, Karl Rahner und Yves Congar ablehnend gegenüber. Sie vertraten die Ansicht, dass die Privilegien Marias aus der Heilsgeschichte, aus ihrer Urbildlichkeit als Tochter Zion und Ersterlöste herzuleiten seien. Eine Abstimmung in der Generalkongregation am 29.Oktober 1963 über die Frage, ob die Mariologie als separates Dokument oder als Bestandteil der Kirchenkonstitution erarbeitet werden solle, erbrachte einen knappen Sieg derjenigen, die eine Integration wünschten und damit auch eine Sichtweise auf Maria als Urbild der Kirche (ekklesiotypische Mariologie) vertraten. Von Joseph Ratzinger wurde diese Abstimmung als „geistige Wasserscheide des Konzils“ bezeichnet, da sie am Anfang der sogenannten progressiven Konzilsmehrheit stand, die das Ende der Vorherrschaft der Neuscholastik und deren Ablösung durch eine biblisch-patristische und ökumenisch ausgerichtete Theologie bedeutete. Auf Wunsch des Papstes wurde die Kommission zur Erarbeitung einer neuen Vorlage paritätisch besetzt. Obwohl Paul VI. zum Abschluss der zweiten Sitzungsperiode Anfang Dezember 1963 deutlich machte, dass er den Titel „Mutter der Kirche“ wünsche, wurde er nicht in den Entwurf aufgenommen. Paul VI. hat es zwar hingenommen, dass der Titel kein einziges Mal in der Endfassung des Schlusskapitels der Kirchenkonstitution vorkam, proklamierte aber dann am Ende der dritten Sitzungsperiode am 21. November 1964 Maria als „Mater Ecclesiae.“ Menke deutet diesen Titel in Analogie zu Israel, das sich Gott gegenüber als „Braut“ und „Tochter“ versteht: „Maria ist in Analogie zu Israel Bundespartnerin des Erlösers: Ihr Ja-Wort ist nicht Miterlöserschaft, sondern Bundespartnerschaft.“ Dies entspricht nach Menke genau dem, was die Kirchenkonstitution mit der Rede von der Kirche als dem „Ursakrament“ meint: „Von Christus untrennbares, aber keineswegs mit ihm identisches Mittel und Werkzeug zur Heimholung aller Menschen.“ Dies entspricht auch der Ansicht der Kirchenväter, für die die Lehre von Maria nicht von der Lehre über die Kirche zu trennen war. Menke weist darüber hinaus darauf hin, dass die Kirchenväter immer betont haben, dass Maria der Kirche aber auch gegenübersteht: „Sie haben da, wo sie die Kirche in Maria personifiziert sahen, zugleich unterstrichen, dass die im Voraus Erlöste und zur Mutterschaft des Erlösers befähigte Frau in gewisser Weise Ursprung der Kirche ist.“ Nach Lumen gentium ist Maria „kein passives Instrument des Erlösers, sondern die ,neue Eva‘, die im Unterschied zur ,alten Eva‘ die ihr geschenkte Gnade des sündelosen Ja-sagens angenommen hat und deshalb von Irenäus mit Recht ,Ursache des Heils‘ genannt wird.“ Mit sehr großer Mehrheit wurde am 18.11.1964 die endgültige Fassung des Marienkapitels von den Konzilsvätern angenommen. Achim Dittrich zeigt in seinem Beitrag im Forum Katholische Theologie (4/2012 Verlag Schneider Druck Rothenburg/Tbr.), dass Paul VI. mit der Verleihung des Titels „Mutter der Kirche“ die „relationale Erhabenheit der Gottesmutter über die Kirche“ aussagen wollte. Da es zur Zeit des Konzils noch keine umfassende Untersuchung über den Mater-Ecclesiae-Titel gegeben hat, waren Congar und Laurentin der Meinung, er sei zu wenig in der Tradition begründet. In seiner Dissertation von 2009 weist der Verfasser auf die zahlreichen impliziten Aussagen bei den Vätern und auf den ersten ausdrücklichen Beleg bei Berengaudus im neunten Jahrhundert hin: „Maria ist Mutter und zugleich Tochter der Kirche.“ Er kann die große Verbreitung des Titels im Hochmittelalter nachweisen und seine Wirkungsgeschichte bis zum Internationalen Mariologischen Kongress in Lourdes 1958 am Vorabend des Konzils. Bereits in der Vorbereitungsphase des Konzils war der Titel in der Überschrift des Entwurfs für ein Mariendokument enthalten. In der ersten Sitzungsperiode sprachen sich etwa der Weihbischof von Krakau Karol Wojtyla und Kardinal Montini von Mailand für eine Integration der Marienlehre in die Lehre von der Kirche aus. Beide späteren Päpste forderten den Mater-Ecclesiae-Titel für Maria. Kardinal Bea und der Erzbischof von Paderborn Lorenz Jäger hielten demgegenüber diesen Titel für ökumenisch inopportun. In diesem Zusammenhang fragt der Verfasser, „ob bei der empfohlenen ökumenischen Zurückhaltung eine katholische Marienrede im Hinblick auf protestantische Kritik überhaupt möglich ist …“.

Bischof Hermann Volk von Mainz sprach sich im Sommer 1963 gegen den Mater-Ecclesiae-Titel aus. Zu einer Abstimmung über den Titel in der Generalkongregation ist es nie gekommen. In der Theologischen Kommission schwächte Laurentin den Titel erst zu „Mater in ecclesia“ ab, „und strich ihn dann ganz.“ Vor der dritten Sitzungsperiode kritisierte Karl Rahner vor den deutschen Bischöfen im August 1963 die Rede von der Mittlerschaft und Miterlöserschaft Marias, nicht aber den Titel Mutter der Kirche. In seinem „Kleinen Konzilskompendium“ nannte er ihn zwar „mehrdeutig, aber korrekt verstehbar.“ Entschieden sprach sich demgegenüber Bischof Hermann Volk gegen den Titel aus. In der Konzilskommission waren Philips, Congar und Laurentin gegen den Titel. Dem Auftrag des Papstes meinte man mit Formulierungen wie „Mutter Gottes, Mutter der Menschen“ (Lumen gentium 54) genügen zu können. Am Ende einer heftigen Debatte im Plenum rief Kardinal Frings die zerstrittenen Väter zu einem Kompromiss auf, man könne „nicht alle persönlichen Vorlieben berücksichtigen … gerade, wenn sie umstritten seien und wenn man die ökumenische Wirkung bedenken müsse“. Eine Anfrage von Paul VI., ob man nicht die Lauretanische Litanei um die Anrede „Mater ecclesiae“ erweitern könne, wurde von der Theologischen Kommission abgelehnt. Nachdem das mariologische Kapitel der Kirchenkonstitution am 18. November 1964 mit überwältigender Mehrheit angenommen worden war, kündigte Paul VI. am selben Tag an, am Ende der Sitzungsperiode Maria als „Mutter der Kirche“ zu proklamieren. Als Paul VI. den Titel am 21. November 1964 vor den versammelten Vätern proklamierte, wurde dies mit großem Beifall aufgenommen. Im Weltkatechismus von 1992 wurde der Titel erwähnt und im Kompendium des Katechismus von 2005 ausdrücklich erläutert. Johannes Paul II. ließ an der Außenfassade des Apostolischen Palastes ein vom Petersplatz aus sichtbares Mosaik von Maria mit dem Jesuskind anbringen und mit „Mater ecclesiae“ beschriften. In seiner Enzyklika „Redemptoris mater“ erinnerte Johannes Paul II. an die Proklamation des Titels durch Paul VI. Die heutige Erweiterung der Lauretanischen Litanei um die Anrufung „Mater ecclesiae“ geht auf eine Anordnung von Johannes Paul II. zurück. Michael Karger

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