Augustinus als Richter

Der Kirchenlehrer war kein Denker im Elfenbeinturm, er stand als Bischof von Hippo voll im Leben. Von Johannes Hellebrand
Foto: INT | Der heilige Augustinus.
Foto: INT | Der heilige Augustinus.

Augustinus von Hippo (354–430), dessen Gedenktag die Kirche am Sonntag feiert, hat bis heute einen überragenden Ruf als Theologe und Philosoph. Als Bischof war er aber auch Seelsorger und engagierter Richter; so heißt es schon in der Biografie des Possidius: „Wenn Augustinus von Christen oder von Menschen irgendeiner Sekte als Richter verlangt wurde, dann hörte er sich den Fall aufmerksam und gewissenhaft an. ... Oft blieb Augustinus bis zur Zeit des Mittagsmahles, manchmal auch den ganzen Tag nüchtern, weil er in diesen richterlichen Angelegenheiten unausgesetzt nachforschte und die Sache zur Entscheidung bringen wollte.“ Dies bestätigt der Kirchenvater selbst: „Vor dem Mittag und nach dem Mittag nehmen mich die Menschen voll mit ihren Angelegenheiten in Anspruch“; ihm blieben nur „sehr spärliche Zeittröpflein“ für anderes; gerne würde er wie die Mönche „körperliche Arbeit verrichten, um dann die übrigen Stunden zum Lesen, Beten oder Studium dieses oder jenes Buches der Heiligen Schrift frei zu haben, als dass ich unter dem verwirrenden Durcheinander fremder Prozesse leide.“

„Augustinus selbst

lastete die

Bischofsrichtertätigkeit dem Apostel Paulus an“

Zur zeitlichen kam also die emotionale Belastung hinzu; in einer Psalmenexegese beschreibt Augustinus detailliert und sachkundig die Anliegen, mit denen Böswillige und Gierige ihn belästigten, und er lobt die „gehorsamen Gläubigen, die uns nur selten aufsuchen und mit unseren Urteilen sehr leicht zufrieden sind, uns nicht streitend abnutzen, sondern gehorchend eher trösten“. Was er in den „sehr spärlichen Zeittröpflein“ der Nachwelt hinterlassen hat, ist freilich bewundernswert. Noch faszinierender ist indes die Vorstellung, was er hätte schaffen können, wenn er wie geplant nach der Bekehrung (386/387) mit Gleichgesinnten zusammengelebt und publiziert hätte und nicht 391 zum Priester und 395/396 zum Bischof geweiht worden wäre, was dann auch die Richtertätigkeit nach sich zog.

Diese wird von den Römisch-Rechtlern auf Kaiser Konstantin zurückgeführt; der Streit um ihre Einordnung (echte übertragene Gerichtsbarkeit, Schieds- oder innerkirchliche Friedensgerichtsbarkeit) wurde im letzten Jahrhundert heftig, aber ohne Ergebnis geführt. Augustinus selbst lastete die Bischofsrichtertätigkeit dem Apostel Paulus an, der die innerkirchliche Streitschlichtung damit begründet hatte: Es könne nicht angehen, dass Christen sich vor einem heidnischen Richter stritten; es müsse doch kluge Menschen in der Kirche geben, die einen Streit schlichten könnten. In der Folgezeit konzentrierte sich diese Streitschlichtung dann auf die Bischöfe, bis sie Anfang des vierten Jahrhundert von Konstantin zumindest anerkannt wurde.

Dabei ist eine scharfe Trennung zwischen innerkirchlicher Verbandsgerichtsbarkeit gegenüber Priestern, Mönchen und Laien und Rechtsprechung zwischen (christlichen) Bürgern nicht möglich. Auch kann nicht streng zwischen Streitschlichtung und -entscheidung unterschieden werden: Christen und Heiden gingen halt nicht zum bürokratischen, eventuell korrupten, Gebühren nehmenden staatlichen Richter, sondern zum Bischof, der den Streit schneller, gerechter und unentgeltlich „erledigte“. Unsere heutige, formale Differenzierung zwischen Streitbeendigung unter Vermittlung des Richters und Entscheidung des Streits durch ihn passt nicht für die damalige Bischofsrichtertätigkeit; sie ist auch heute nicht unproblematisch: Es gibt Richter, die mit einer solchen Autorität die Parteien zur Einigung bewegen, dass man genauso gut von einer Entscheidung des Richters sprechen kann.

Die Bischofsrichtertätigkeit kann zudem nicht mit der audientia episcopalis gleichgesetzt werden: In der Audienz beim Bischof konnten auch andere Anliegen vorgetragen werden, insbesondere Bitten um Interventionen bei Behörden und Richtern. Diese Seite des Bischofsamts beschreibt schon Possidius, und Augustinus beklagt sich bitter über die Beschwernisse der Intervention und die Enttäuschung, wenn sich herausstellte, dass Personen, für die er sich einsetzte, ihn unrichtig oder unvollständig informiert hatten.

Aus Augustinus' Briefen wissen wir einiges über die Fälle, mit denen er als Richter zu tun hatte. Dabei verlief die Grenze zwischen Zivil- und Strafrecht anders als in modernen Rechtsordnungen: Vieles, was heute als strafrechtliches Delikt angesehen wird, aus dem zusätzlich zivilrechtlich Schadensersatz verlangt werden kann, wurde früher nur zivilrechtlich geahndet: Es gab lediglich eine Buße zugunsten des Geschädigten, keine staatliche Strafe.

Tauchten schwierige Rechtsfragen auf, hatte Augustinus keine Scheu, sich an Rechtskundige zu wenden: In Briefen arbeitete er die juristischen Fragen klar heraus und ließ er erkennen, dass er die Grundstrukturen und -begriffe des Römischen Rechts beherrschte. Im Übrigen war sein „alter ego“ Alypius gelernter Jurist, von dem er zweifellos viel gelernt hat.

Sicherlich kam Augustinus sein exzellentes analytisches Denken, seine Eloquenz und sein Organisationstalent, das Cornelius Mayer für den Bereich seines scriptoriums dargestellt hat, der zügigen, gerechten und allseits befriedigenden Entscheidung von Rechtsstreitigkeiten zugute. Dass er trotzdem viel zu tun hatte, kann (auch wenn die Afrikaner streitsüchtig gewesen sein sollen) nur daran gelegen haben, dass die Qualität seiner Rechtsprechung neben seinem allgemeinen guten Ruf die Menschen anzog. Dennoch hat er wegen seiner Vorliebe für Paulus und wegen dessen Empfehlung zur innerkirchlichen Streitschlichtung – abgesehen von einigen Appellen an seine Gläubigen – nichts unternommen, um die Belastung durch die Bischofsrichtertätigkeit zu reduzieren; hinzu kam, dass er die Rechtsprechung als Seelsorge betrachtete.

Ein weiterer Grund, warum Augustinus die Richtertätigkeit „sorgfältig und gewissenhaft“ wahrgenommen hat, liegt offenbar darin, dass er den lebendigen Kontakt zu den Menschen mit ihren vielfältigen Nöten als Erfahrungsquelle, als Verbindung zur Realität schätzte und für sein literarisches Werk, aber auch für seine Predigten nutzte: Er war halt nicht der (einsame) theologische und philosophische Denker im Elfenbeinturm, sondern ein Mann, der als Bischof, das heißt Seelsorger, Administrator, Richter, Intervenient und Kirchenpolitiker, voll im Leben stand und erst dann, wenn er die daraus resultierenden Pflichten erfüllt hatte, sich dem Denken und Schreiben über Gott, Mensch und Welt widmete. Er konnte und wollte nicht all das ausschalten, was er tagsüber erlebt, erfahren und gefühlt hatte:

Gute und schlechte Erfahrungen mit Prozessbeteiligten, ungewöhnliche Verfahrenskonstellationen, problematische gesellschaftliche Zustände und stets neue Erkenntnisse zu Grundstrukturen und Grundbegriffen des Römischen Rechts, aber auch Fortschritte im juristischen Denken, Argumentieren und Entscheiden. Darüber hinaus das Lernen im Umgang mit streitenden oder zerstrittenen, aber auch abweisenden Personen, die Probleme des Sich-Verständlichmachens und des Verstehens einfacher Menschen, sowie Begegnungen mit zutiefst menschlichen Regungen wie etwa Rache, Eifersucht, Gier, Geiz und Neid, aber auch mit berechtigter Verletztheit und legitimer Abwehr ungerechter Angriffe. An dieser Stelle wären ferner zu nennen die Schwierigkeiten bei der Wahrheitssuche und das Finden einer gerechten Entscheidung.

Die Liste ließe sich fortsetzen; aber es dürfte jedem einleuchten, dass die „Bodenhaftung“ durch Seelsorge und Richtertätigkeit tiefe Spuren im Denken und Handeln des Theologen, Philosophen, Menschen und Bischofs Augustinus hinterlassen hat: Er hat unter der Richtertätigkeit gelitten und sich über das Verhalten der Beteiligten und über die Nichtigkeiten, um die sie stritten, geärgert. Aber er hat die Bischofsrichtertätigkeit nicht nur „sorgfältig und gewissenhaft“, sondern auch gerne ausgeübt, um hieraus für sein schriftstellerisches Werk, aber auch für seine Predigten thematisch und argumentativ zu schöpfen, was Theologen und Philosophen mehr berücksichtigen sollten.

„Römisch-Rechtler hätten allen Grund, sich mehr mit „Augustinus als

Richter“ zu beschäftigen“

Aber auch die Römisch-Rechtler hätten allen Grund, sich mehr mit „Augustinus als Richter“ zu beschäftigen, da die Quellenlage zur „audientia episcopalis“ im engeren Sinne unbefriedigend ist und sich oft geändert hat – insgesamt mit restriktiver Tendenz, was kirchlicherseits nie kritisiert wurde –, ein Indiz dafür, dass diese Aufgabe den Bischöfen trotz der darin liegenden staatspolitischen Bedeutung durchaus lästig war. Nur wenige hatten indes wie Hilarius von Poitiers grundsätzliche Bedenken dagegen, dass Bischöfe überhaupt als Richter fungierten. Im Übrigen kommt es für das „Wesen“ der Bischofsrichtertätigkeit weniger darauf an, was die Kaiser mit ihr bezweckten; bedeutsamer ist vielmehr, wie die Bischöfe sie betrachteten und praktizierten. Da von den meisten Bischofsrichtern nichts Schriftliches vorhanden ist, sollten die Römisch-Rechtler daher dankbar dafür sein, dass Augustinus als der bekannteste Bischofsrichter ein OEuvre hinterlassen hat, das sich, wenn auch verstreut, mit dieser Richtertätigkeit befasst.

Damit sind wir bei der Frage, was Augustinus hinsichtlich der Richtertätigkeit nicht für Rechtsphilosophen, Theologen und Römisch-Rechtler als Fachleute, sondern für heutige Laien „Interessantes“ von sich gegeben hat. Da damals weder die Protokollierungspflicht für das Verfahren noch der schriftliche Begründungszwang für gerichtliche Entscheidungen galt, fehlen uns unmittelbare Unterlagen zur augustinischen Bischofsrichtertätigkeit; mittelbar können wir allerdings Diverses verstreut aus seinen Briefen, Predigten und Büchern entnehmen.

Der Autor ist Staatsanwalt und hat 2009 bei Echter (Würzburg) „Augustinus als Richter“ veröffentlicht. Einschlägige Zitate finden sich im Aufsatz des Autors „Augustinus als Richter, dargestellt anhand von Zitaten aus dem augustinischen Gesamtwerk“ bei Mayer, Augustinus – Recht und Gewalt, Würzburg 2010.

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