Als Christ handeln, aber wie?

Ein Sammelband leuchtet neue Wege aus: Pastorale Dienlichkeit als Merkmal christlicher Ethik. Von Urs Buhlmann
Foto: KNA | Weniger Geschäftigkeit und mehr Zeit für Trauerrituale: Der pastorale Umgang mit dem Tod bleibt eine Herausforderung.
Foto: KNA | Weniger Geschäftigkeit und mehr Zeit für Trauerrituale: Der pastorale Umgang mit dem Tod bleibt eine Herausforderung.

Versucht man mit dem Abstand, der mittlerweile möglich ist, zu ergründen, was das Mittel zur Trockenlegung der Grube ist, die durch den technisch klingenden Begriff „Sexueller Missbrauch durch Priester und Kirchenbedienstete“ markiert ist, wird man schnell darauf stoßen, dass das, was vor allem nottut, eine Ethik pastoralen Handels ist. Man muss die Notwendigkeit und Begründetheit eines solchen Ansatzes aber gar nicht mit jenem Ausmaß an Verworfenheit begründen, das der Kirche Schande gebracht hat und noch lange Schaden anrichten wird. Eine schlichte Fragestellung aus dem Alltag der Klinikseelsorge: Soll die Therapie fortgesetzt werden, wenn es keine Hoffnung auf Besserung des Zustandes mehr gibt, beleuchtet das spannende Feld zwischen Recht und Moral, zwischen Sollen und Dürfen von anderer Seite her.

Ein von dem Salesianerpater Markus Graulich und dem als Pfarr- und Krankenhausseelsorger wirkenden Pastoralreferenten Martin Seidnader herausgegebener Sammelband will Wege hin zu einer im Konkreten hilfreichen Pastoralethik weisen. Es geht, wie Karl Kardinal Lehmann im Vorwort formuliert, um die „verantwortliche Zuwendung zu einer Welt“, die zu Recht eine glaubwürdige Verkündigung der Botschaft des Herrn erwarte. Wo dabei Maß zu nehmen ist, bedarf keiner großen Begründung: Der Eichstätter Neutestamentler Lothar Wehr stellt zunächst die ethischen Forderungen Jesu vor, die „ein klares Profil und einen hohen Anspruch erkennen“ lassen. Feindesliebe, Schwurverbot, Ehescheidungsverbot, Ehelosigkeit um des Herrn willen, rechter Gebrauch des Reichtums seien vor dem Hintergrund der hereinbrechenden Gottesherrschaft zu werten und zu leben. Instruktiv beleuchtet Wehr am Beispiel Matthäus die in den Evangelien zu beobachtende Tendenz zur Verschärfung, aber auch Anpassung der jesuanischen Forderungen, schaut auf die zweifach gestufte paulinische Ethik, die bei „einer konkreten ethischen Frage ein bestimmtes Verhalten fordert, ein anderes Verhalten aber als ethisch wertvoller empfiehlt“. Die wichtige Erkenntnis daraus ist, dass bereits die urkirchliche Gemeinde schon nicht mehr in allem dem vom Herrn vorgegebenen Ideal entsprach, aber eben doch in der Lage war, Menschen für das Leben und Handeln nach Jesu Vorbild zu begeistern, wie ihr rasches Wachstum beweist.

Mitherausgeber Graulich, der einer der vatikanischen Spitzenjuristen und Kirchenrechtslehrer in Rom ist, bestimmt die Eigenart des Kirchenrechts so, dass er dessen dienende Funktion in der Vermittlung von Rechtsordnung und Heilsordnung hervorhebt: „Was Kirchenrecht ist, wird auf der Grundlage der neutestamentlichen Heilsökonomie bestimmt.“ Eine ethosstützende Funktion des Rechtes ergebe sich daraus, auch lassen sich Bausteine zu einer Ethik pastoralen Handelns ableiten: Die Würde der Kinder Gottes nach dem alten Grundsatz „neminem laedere, unicuique suum tribuere“ legt den Grund, die Teilnahme aller Gläubigen an der gleichen Sendung entfaltet diese Würde und findet einen Ausdruck in der Maxime, niemanden als bloßes Objekt der Seelsorge zu betrachten und nennt zugleich Diözese und Pfarre als Orte verantwortlich gelebten Christseins.

Grenzen der Mitarbeit und Kompetenz abstecken

Eben jene gottgeschenkte Würde aller hält Seelsorger davon ab, eigenmächtig Voraussetzungen für den Empfang von Sakramenten zu benennen (kommt dieses Recht doch allein der Kirche zu) und befähigt alle Gläubige (mit und ohne Weihe) zur Mitarbeit an innerkirchlichen Räten und Gremien, legt freilich auch der legitimen Obrigkeit die Pflicht auf, die Grenzen jener Mitarbeit und die der Zuständigkeit der Gremien klar zu machen.

Eine so verstandene und aufgebaute Ethik pastoralen Handels sollte, meint Markus Graulich, durch diözesane Ethikkommissionen überprüfbar und durch (schon lange geforderte) Verwaltungsgerichte der Judikatur unterworfen werden. Denn: „Die Gemeinschaft der Gläubigen im Volk Gottes ist nicht nur Rechtsgemeinschaft, sie ist auch ethische Bewährungsgemeinschaft, in der es letztlich um das Heil der Seelen und die Beziehung der Einzelnen zu Gott geht.“

Nie ist diese Wahrheit schmerzlicher und deutlicher zu Tage getreten als durch die Missbrauchsfälle, die Priester und andere für die Kirche Handelnde zu verantworten haben. Wunibald Müller, der Psychotherapeut und Leiter des bei der fränkischen Benediktinerabtei Münsterschwarzach eingerichteten Recollectiohauses, gibt Einblick in seine nun schon Jahrzehnte währenden Erfahrungen mit in diesem Bereich straffällig gewordenen Priestern, wenn er festhält: „Bei vielen Priestern, die Minderjährige missbraucht haben, gibt es diese Einsicht, etwas Verwerfliches getan zu haben, nicht. (...) Sie verstehen sich zum Beispiel als Personen, die dem Kind einen Gefallen erwiesen haben, den Jugendlichen in die Sexualität eingeführt zu haben, dem jungen Menschen, den sie missbraucht haben, durch die Aufmerksamkeit, die sie ihm damit schenken, ihre besondere Wertschätzung zum Ausdruck gebracht zu haben.“

Die Empathie als Fähigkeit, sich in andere einfühlen zu können und zu wissen, was unser Verhalten beim anderen auslösen kann, fehle ihnen. Müller rät zu professioneller Behandlung, die freilich nicht in jedem Fall wird greifen können, ist andererseits gegen die offenbar in der Vergangenheit von Seiten der Obrigkeit gepflegte Übung, den Priester schnell zu einer Beichte aufzufordern: Erst müsse in einer Therapie die eigene Schuld wirklich realisiert und angenommen werden, bevor es am Ende eines langwierigen und schmerzhaften Prozesses, in dem der Täter lernt, die Schuld nicht mehr von sich abzuspalten, sondern als Teil seiner Persönlichkeit anzunehmen, zur sakramentalen Vergebung kommen kann. Müller lässt keinen Zweifel daran, dass er die Linie Papst Benedikts nachvollziehen kann.

Karl Hillenbrand, der Würzburger Generalvikar und Regens, beleuchtet die Voraussetzungen, unter denen heutzutage ein junger Mann zum Priestertum findet und kommt in manchen Punkten zu ähnlichen Ergebnissen wie Müller: Bindungskraft und Gemeinschaftsfähigkeit sind nicht gerade Eigenschaften, die durch die zeitgenössische Kultur gefördert werden. Das habe unmittelbare Auswirkungen auf die Einbindung der persönlichen Erkenntnis, Priester werden zu wollen, in das kirchliche Gesamtgeschehen: Es werde bei den individualistisch geprägten jungen Menschen oft nicht wahrgenommen, dass „die ekklesiale Dimension ja keine sekundäre Hinzufügung zum persönlichen Gerufensein ist, sondern ihr genuiner Lebensraum, weil Berufung durch Gott immer schon auf eine gemeinschaftsbezogene Sendung hin angelegt ist“. Daraus folgt: „Es gibt kein irgendwie geartetes ,Recht auf Weihe‘, wohl aber braucht es ein umfassendes Kriteriengefüge auf ethischer und spiritueller Ebene, um zum Beispiel eine Berufung zum Priester erkennen und beurteilen zu können.“ Dabei muss mit einbezogen werden, dass „in der Priesterausbildung häufig noch Nachreifungen erfolgen beziehungsweise Persönlichkeitsdefizite erkannt und aufgearbeitet werden müssen, damit eine tragfähige, stabile Entscheidung möglich wird.“

Ehe und Zölibat ergänzen einander

Sehr klar formuliert Hillenbrand, dass zur „Berufungsethik“ in der Priesterausbildung eine zugleich realistische wie theologisch kohärente Sicht auf den Zölibat gehört: „Den Zölibat als Preis zu sehen, den man für die Weihe zahlt, greift entschieden zu kurz. Es geht vielmehr darum, Ehe und Ehelosigkeit als zwei einander ergänzende Lebensformen mit entsprechenden ethischen Konsequenzen zu sehen“. Wohl nicht bei allen wird sich der Würzburger Generalvikar beliebt machen, wenn er feststellt, dass die Alternative zum Zölibat keinesfalls das freie Ausleben der Sexualität darstellt: „Die einzige vom Glauben her begründete Alternative zur christlichen Ehelosigkeit ist die christliche Ehe.“ Beide sind für ihn letztlich Berufungen auf unterschiedliche Wege, die aber in ihrem Zeugnischarakter aufeinander verweisen.

Wieder ein anderes, ebenfalls bewegendes Anwendungsfeld pastoraler Ethik beleuchtet Andreas Müller-Cyran, wenn er von der Notfallseelsorge als einem „Karsamstags-Geschehen“ spricht: Vor zu viel Geschäftigkeit warnt er, wenn etwa Angehörigen die Nachricht vom plötzlichen Tod eines Lieben zu überbringen ist. Am Karsamstag sind Leiden und Tod Jesu vorbei, die Zeit der Auferstehung ist noch nicht gekommen. Auch die Seelsorgs-Situation im Fall eines plötzlichen Todes bilde etwas vom Nichtmehr und Nochnicht des Karsamstag ab; eigentlich bleibe nicht viel mehr zu machen als vor allem für die Hinterbliebenen da zu sein. Die Verabschiedung vom Leichnam sei das Wichtigste. Dabei aber, so Müller-Cyran, begegne man dem Grund christlichen Hoffens und Glaubens.

Weitere Moment- und Bestandsaufnahmen aus anderen ethikrelevanten Bereichen pastoralen Tuns runden den Band ab, der einen ebenso visionären wie nützlichen Beitrag hin zu einer spirituell gegründeten, aber pragmatisch ausgerichteten „Bereitschaft zur Dienlichkeit“ (Maria Widl) leistet, wie sie christlichem Handeln gut ansteht.

Markus Graulich/Martin Seidnader (Hrsg.): Unterwegs zu einer Ethik

pastoralen Handels, Echter Verlag,

Würzburg, 2011, 175 Seiten,

ISBN 978-3-429-03436-8, Euro 16,80

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