Würzburg

Pater Bernward Deneke: Wie mit dem Tod leben?

Pater Bernward Deneke über seine Furcht vor dem Tod und eine christliche Sterbekultur.

Melaten-Friedhof Köln
Dieses Leben hört nicht einfach mit dem Tod auf, sondern wir gehen in ein anderes Leben hinüber – und sehen einander wieder. Foto: Oliver Berg (dpa)

Pater Deneke, haben Sie Angst vor dem Tod?

Angst nicht, Furcht schon. Aber vermutlich zu wenig. Der Wüstenvater Sisoes klagte, als er hochbetagt starb: „Ich habe noch nicht angefangen, Buße zu tun.“ Was soll ich dann erst sagen? Und der Pfarrer von Ars fürchtete den Tod, weil er als Priester vor seinen Richter treten müsse. Auch ich muss einmal als Priester vor meinen Richter treten…

Wie bereiten Sie sich als Priester auf Ihren Tod vor?

Vor allem durch das Gebet der Komplet, die wir im Wigratzbader Priesterseminar allabendlich singen. Sie beginnt mit den Worten: „Eine ruhige Nacht und ein vollkommenes Ende gewähre uns der allmächtige Herr.“ Es folgen Gewissenserforschung und Bitte um Vergebung, später das Sterbegebet des Gekreuzigten: „In Deine Hände, Herr, empfehle ich meinen Geist“, der Abschiedsgesang des greisen Simeon und am Ende die marianische Antiphon, zum Beispiel das Salve Regina mit der Bitte: „Nach diesem Elend zeige uns Jesus, die gebenedeite Frucht Deines Leibes.“ Ist das nicht eine großartige Vorbereitung auf den Tod? Überhaupt haben Schlafengehen und Sterben vieles gemeinsam. Wer den Tag bewusst abschließt, bereitet sich immer auch auf den Tod vor. Erwähnt sei noch das Gebet des Rosenkranzes. Darin spricht man immerhin 53 Mal: „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes.“

Wie könnte eine katholische Ars moriendi aussehen? Etwa Totenkopf auf dem Schreibtisch als Memento mori?

Der fehlt mir noch! Aber wahrscheinlich würde er rasch an Eindruckskraft verlieren. Hilfreicher sind häufige Friedhofsbesuche mit Gebet für die Verstorbenen; dabei werden wir immer auch an unseren Tod erinnert. Beim Memento mori geht es ja nicht um Gruseleffekte, sondern um das realistische Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit und darum, die Dinge des Lebens vom Ende her zu betrachten. Dadurch erhalten zum Beispiel auch Krankheiten, die uns wie Vorboten des Todes heimsuchen, einen neuen Sinn. Die Praxis der Ars moriendi besteht vor allem in dem Bemühen, unser Leben in Ordnung zu bringen: die Beziehung zu Gott und zum Mitmenschen (Stichwort „Versöhnung“), aber auch die äußeren Angelegenheiten. Sterbende fühlen sich oft gerade im Blick auf ihre chaotischen Hinterlassenschaften schwer belastet. Hier gilt es, Präventivmaßnahmen zu ergreifen. Erwähnt sei schließlich das „tägliche Sterben“, von dem Paulus spricht, denn bei jedem Akt christlicher Entsagung stirbt etwas vom alten Menschen in uns.

"Die Praxis der Ars moriendi besteht vor allem in dem Bemühen,
unser Leben in Ordnung zu bringen:
die Beziehung zu Gott und zum Mitmenschen (Stichwort „Versöhnung“),
aber auch die äußeren Angelegenheiten."

Sollte der Gedanke an den Tod auch junge Katholiken beschäftigen?

Unbedingt. Und das nicht nur deshalb, weil der Tod auch sie schon ereilen kann. Sie sollen vielmehr die ganze Wirklichkeit in den Blick bekommen, zu der nun einmal das Sterben gehört. Früher erlebten Kinder häufiger als heutzutage das Sterben von Familienmitgliedern, und wenn das im gläubigen Kontext geschah, ging davon kein Schaden aus, im Gegenteil. Schädlich hingegen wirkt sich die Vertuschung des Todes oder seine mediale Banalisierung und Sensationalisierung aus.

Wie kann man an den Tod denken, ohne dass man die Freude am Leben verliert?

Da frage ich zurück: Welchen Wert kann eine Lebensfreude haben, die auf Verdrängung beruht? Sie steht auf wackligem Fundament. Eine Lebensfreude aber, die auch den ernsten Tatsachen ins Auge blickt, ist echt. Wir dürfen nicht vergessen, dass der Tod der große Desillusionierer und Entmythologisierer ist. An ihm zerschellen ebenso trügerische Hoffnungen wie unnötige Ängste. Es sind aber genau diese beiden Dinge, die der wahren Freude im Wege stehen.

Spricht die Kirche genug vom Leben nach dem Tod und den Letzten Dingen?

Obwohl die Menschen bei diesem Thema ihre Ohren spitzen, hüllen sich viele Kirchenvertreter eschatologisch leider in tiefes Schweigen oder reichen allenfalls homöopathische Dosen dar. Wen wundert's, wenn dann Wellness-Thanatologen und Esoteriker mit ihren einlullenden Botschaften das Feld beherrschen?

Die Kirche ist eigentlich Expertin für Sterben und Tod. Der Erfahrungsschatz ist ungeheuer reich. Nutzt sie ihn genug?

Nicht nur der Erfahrungsschatz ist reich – Jesus Christus selbst bedient sich der Kirche, um durch ihr sakramentales Wirken die Menschen sicher in sein Reich zu führen. Darin ist die Kirche unüberbietbar und unersetzbar. Das Verhalten vieler ihrer Vertreter aber erinnert mich an hochqualifizierte Mediziner, die das Feld der Heilkunst kampflos irgendwelchen Quacksalbern und Kurpfuschern überlassen.

Haben Sie einen gläubigen Menschen beim Sterben begleitet, dessen Tod Sie beeindruckt hat?

Nicht nur einen. Wenn ich aber ein Beispiel nennen soll: Einmal war ich beim Tod einer dreizehnfachen Mutter anwesend. Der Ehemann und die Kinder umstanden betend ihr Sterbebett, der jüngste Sohn lag bei ihr. Die Gottergebenheit dieser Frau hat sich auf alle übertragen. Bei der Sakramentenspendung und der Anempfehlung ihrer Seele hatte ich den Eindruck, das Zimmer verwandle sich in eine lichtdurchflutete Kapelle.

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