Palermo

Wie die Mafia die Gottesmutter instrumentalisiert

Heillose Allianz: In Süditalien finden Kriminelle Gefallen an Marienverehrung und Sakramentenspendung .

Religion und Mafia: Don Mario Frittitta
Wie fließend die Grenzen zwischen Sakramentenspendung und Verbrechen schon seit Jahren sind, beweisen Festnahmen wie die von Don Mario Frittitta, „Beichtvater“ eines Mafiabosses, in Palermo im November 1997. Foto: Stringer (ansa)

Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin rührt an einem Problem, das seit dem Beginn des aktuellen Pontifikats immer größere Bedeutung gewonnen hat: die Macht der Mafia im katholischen Milieu Süditaliens. Die Anwesenheit von Kriminellen bei der Sakramentenspendung, die Deformierung des marianischen Kultes zu mafiösen Zwecken, die Inanspruchnahme von religiösen Plätzen zur eigenen Versammlung und Umdeutung: Es sind Themen, die seit Franziskus an Bedeutung gewonnen haben. Bereits 2014 sprach der Pontifex von einer Exkommunikation aller Mafiosi.

Spielfilme wie „Der Pate“ haben immer wieder die Fantasie beflügelt, wenn Katholizismus und Mafia aufeinandertrafen. Die Realität sieht jedoch nüchterner aus. Viele Mafiaorganisationen praktizieren keine Mafiariten mehr, so der römische Professor Enzo Ciconte schon im Jahr 2016. Das gilt sowohl für die kampanische Camorra wie die sizilianische Cosa Nostra, die durch Film und Fernsehen Berühmtheit erlangt haben. Die einzige große Mafiaorganisation, von der bekannt ist, dass sie immer noch Geheimriten praktiziert, ist die kalabresische 'Ndranghetta. Sie hat mittlerweile den ersten Platz unter den italienischen Mafiaorganisationen eingenommen. Mit den Mafiamorden in Duisburg aus dem Jahr 2007 drängte sie auch ins deutsche Bewusstsein. Laut einer Studie aus dem Jahr 2013 soll sie über 50 Milliarden Euro pro Jahr umsetzen und gilt damit als eines der gefährlichsten Verbrechernetzwerke weltweit.

Nun rückt auch Kalabrien in den Fokus

Auch das ist ein Grund, warum nicht mehr Sizilien oder Neapel, sondern vor allem Kalabrien als Adressat des Vatikans gilt. Bereits 2019 hatte Kardinal Parolin ein deutliches Zeichen gesetzt, indem er einen Gottesdienst in einer Kirche in Gioia Tauro feierte, die auf einem vom Staat konfiszierten, ehemaligen Mafia-Grundstück gebaut wurde. Kriminelle und mafiöse Aktivitäten mit ihren „besorgniserregenden Folgen von Schweigekultur und Korruption“ seien mit der christlichen Botschaft unvereinbar. Gioia Tauro ist für seinen Containerhafen bekannt, der von der 'Ndranghetta infiltriert ist.

Ein anderer Konfliktplatz ist der Wallfahrtsort Santa Maria di Polsi. Die 'Ndranghetta betrachtet das Marienheiligtum de facto als Privatbesitz. Es liegt ganz in der Nähe der Mafia-Hochburg San Luca, das Corleone der 'Ndranghetta. Alljährlich kommen die Mafiaclans bei einer Wallfahrt zusammen, um sich hier zu besprechen und Rechenschaft über ihre Tätigkeiten abzulegen. Giuseppe Fiorini Morosini, der damalige Bischof von Locri-Gerace, hielt der 'Ndranghetta im Jahr 2010 bei einem Besuch des Heiligtums vor, dass sie den heiligen Ort der „Madonna vom Berge“ schände.

Synkretismus um "Mamma Santissima"

Der Marienkult innerhalb der kalabresischen Mafia stellt einen Synkretismus dar, den Polizeirecherchen immer mehr zutage fördern. Innerhalb des Verbrechensnetzwerkes existieren weitere Geheimorganisationen. So „La Santa“, eine Abkürzung von „Mamma Santissima“, der Heiligsten Mutter. Dem Selbstverständnis der Mafiosi folgend ist die Gottesmutter Maria die Patronin der 'Ndranghetta. Die Mitglieder dieser geheimen Exklusivgesellschaft nennen sich Santisti. Die Gesellschaft baut den Mythos auf, dass der erste Santista mit der Geburt Jesu Christi in die Welt gekommen sei.

Bei einer Videoaufnahme der italienischen Polizei konnte zudem ein Treffen von Santisti dokumentiert werden, in dem einerseits christliche Formeln, andererseits esoterische Einsprengsel beobachtet werden konnten. So begann die Sitzung im Namen von „Garibaldi, Mazzini und La Marmora“, allesamt Nationalhelden der Italienischen Einigung im 19. Jahrhundert. Der Bezug der drei zur Freimaurerei und die Mixtur aus katholischem Traditionalismus mutet aber nur auf den ersten Blick paradox an. Mittlerweile ist bekannt, dass die 'Ndranghetta und die süditalienische Freimaurerei in der Vergangenheit kollaborierten. Einen Rang über der Santa steht die Geheimorganisation „Vangelo“ – Evangelium. Diese höhere Organisation kennt als Anfangsritus die Anrufung der Heiligen Drei Könige Kaspar, Melchior und Balthasar, sowie die des Namens Jesu Christi. Bei allen Initiationsriten steht beim Schwur auch ein Heiligenbild parat, meistens von der Gottesmutter Maria. Die Traditionen werden auch im Ausland aufrechterhalten, da sie als Bindeglied zur Heimat und Ausweis eigener Identität dienen. Es sind Assoziationen wie diese, welche die Mafia-Paten zumindest im Bewusstsein der Lokalbevölkerung als katholisch erscheinen lassen und dadurch legitimieren.

Papst: Befreit die Madonna von der Mafia!

Insbesondere die Vereinnahmung Mariens als Beschützerin der Mafia-Clans stößt in Rom auf Widerstand. Wie die Mutter Gottes zur Chiffre eines Mafia-Kultes wird, zeigen Bilder aus Süditalien, wo bei Marienprozessionen die Madonnenstatuen Station am Sitz der Paten machen, um dort ihre Reverenz zu erweisen. Im Sommer 2016 geschah ähnliches, als die Heilige Barbara bei einer Prozession im sizilianischen Paterno minutenlang vor dem Wohnhaus des Clans Santapaola abgesetzt wurde. Die Madonna müsse von der Mafia „befreit“ werden, so fordert es Papst Franziskus.

Wie gut die Chancen darauf stehen, bleibt ungewiss. Während die Bischöfe Süditaliens in den letzten Jahren deutlicher denn je Stellung beziehen, ist das lokale Loyalitätsnetzwerk gut ausgebildet. Priester erteilen die Sakramente bei Taufen, Hochzeiten und Bestattungen der Clans.

Als Michele Pennisi als Erzbischof von Monreale im Jahr 2017 dem berühmten Mafiaboss Tito Riina die katholische Bestattung verwehrte, stieß das in Sizilien teils auf Unverständnis. Dabei gab Pennisi dieselbe Losung aus, wie sie der Vatikan wiederholt: „Man kann nicht gleichzeitig Christ und Mafioso sein.“

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