Sankt Ottilien

Vergebung nach der Krise

Durch die Krise, die die Pandemie hervorgerufen hat, ist Verzeihung ein brandaktuelles Thema geworden. Der Direktor der Katholischen Akademie und der Abtprimas der Benediktinerkongregation von St. Ottilien im Gespräch über Verzeihung auf Basis der Benediktsregel.

Vergebung
In Zeiten der Krise kommen die menschlichen Schwächen zum Vorschein. Umso wichtiger ist dann die Vergebung. Foto: (200776929)

Als Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zu Beginn der Corona-Pandemie sagte: „Wir werden in ein paar Monaten einander viel verzeihen müssen“, sprach er ein großes Wort gelassen aus und bewies zugleich psychologischen Weitblick. Denn dem Gesundheitsminister war klar, dass kein Mensch ohne Fehler ist und dass diese in Krisensituationen umso stärker in Erscheinung treten, als man es mit zuvor in dieser Dimension Unbekanntem zu tun hat und deshalb nicht über erprobte Strategien verfügt. Die Katholische Akademie hat das Thema Vergebung in dem Gespräch zwischen Joachim Hake und Abtprimas der Benediktinerkongregation von St. Ottilien deshalb aufgegriffen und über deren verschiedene Facetten gesprochen.

Noch um Verzeihung bitten, bevor es gefordert wurde

Joachim Hake, der Direktor der Akademie, begann seinen Austausch mit Abt Jeremias mit der Frage nach dem benediktinischen Verständnis von Vergebung und Verzeihung sowie dessen Relation zu den ägyptischen Wüstenvätern. Aus gutem Grund. Denn Abt Jeremias Schröder OSB hatte vor dem Zoommeeting, dem Teilnehmer aus der gesamten Bundesrepublik zugeschaltet waren, die Novizen des in Ägypten neu gegründeten Klosters seiner Kongregation unterrichtet.

Die Spruchweisheiten der Wüstenväter wurden, wie Schröder ausführte, vor 40 Jahren von Anselm Grün und Fidelis Ruppert wiederentdeckt und ihr reifes psychologisches Instrumentarium in verschiedenen Veröffentlichungen entfaltet. In ihnen finden sich auch Hinweise zum Thema Vergebung nach der Krise wie etwa dieses, von Hake zitierte Wort: „Die Demut besteht darin, dass Du deinem Bruder verzeihst, noch bevor er dich darum gebeten hat.“ Genau diese geistliche Grundhaltung einzuüben ist, wie Abt Jeremias betonte, das Ziel der Benediktsregel, in der das Vaterunsergebet deshalb bewusst immer wieder im Verlauf der Tagzeitenliturgie gebetet wird. Jeremias Schröder konkretisierte die Facetten der Vergebung in den Klöstern seiner Kongregation an lebendigen Beispielen wie etwa dem deutlich stärkeren Temperament der ägyptischen Novizen oder der Notwendigkeit für ihn selbst als Abt, um Vergebung zu bitten.

Vergebung schließt den Verzicht auf das Richten ein

Nach der Situation in den Benediktinerklöstern nahmen Hake und Schröder das Thema Vergebung im politischen Raum in den Blick. Schröder reagierte mit Hochachtung auf die religiöse Wachheit und das Bewegende der Geste Spahns, auf dessen Satz von der notwendigen Vergebung manch einer mit der Häme reagierte, er wolle sich wohl im Vorhinein von seinen Fehlentscheidungen freisprechen. Schröder verwies demgegenüber auf die Tatsache, dass wir alle immer wieder neu der Vergebung bedürfen und dass Spahns Satz deshalb Raum zum Atmen gebe. Hake fügte hinzu, dass Spahn damit auch die Endlichkeit des Lebens, die Verwundbarkeit, die verdrängte Sterblichkeit wieder in den Blick gerückt hätte. Abt Jeremias erweiterte diesen Denkraum, um den Bereich der Unendlichkeit, der gerade durch den Fokus auf die Endlichkeit aufscheine.

Genau dies ist ja der Grund, warum die Regel Benedikts die tägliche Konfrontation mit dem unberechenbaren Tod als eines der Werkzeuge der geistlichen Kunst benennt. Vergeben zu können schließt, so Hake und Schröder, den Verzicht auf das Richten ein. Es führt zu der Erkenntnis, dass niemand ein letztgültiges Urteil über andere zu sprechen imstande ist. Diesen Verzicht leisten zu können, erfordert Demut. Die aber „ist vor allem eine Form von Realismus“, wie Abt Jeremias sagte und zugleich den Zusammenhang von humilitas und Humor hervorhob.

 Ursprüngliche Ordnung der Benediktiner durch Pandemie gestärkt

Dies führte die Gesprächspartner zu der Frage, ob sich die via benedictina mit ihrem Wechsel aus Gebet und Arbeit in der Pandemie bewähre. Abt Jeremias bejahte dies und fügte hinzu, dass es zugleich gewissermaßen korrigierend wirkte, da die ursprüngliche Ordnung stärker zutage trat und haltend wirkte. Kritisch sah Schröder die kurz nach Ausbruch der Pandemie erfolgten Buchveröffentlichungen, die als benediktinische Hilfestellung im Lockdown fungieren sollten. „Wir sind keine Tausendsassas“, betonte er.

Auf die Missbrauchskrise angesprochen, reagierte Schröder mit spürbarer Betroffenheit und bezeichnete besonders die Fälle im eigenen Kloster als größte Krise seines Lebens. Dass es besonders hier innerkirchlich an Kommunikation mangelte, wurde ebenfalls deutlich. Den Umgang des Bistums mit seinem Kloster bezeichnete er mit dem bemerkenswerten Satz: „Ihr habt mich unter die Straßenbahn geworfen“. Empathisch beschrieb der Abt seine Gespräche mit den Opfern und es wurde in heilsamer Weise spürbar, dass die nassforsche Schließung von Akten, das Verschweigen, Vertuschen und Verdrängen nicht flächendeckend greift.

Vergebung setzt Vertrauen voraus

Besonders berührend war seine Schilderung der genauen Wahrnehmung der Opfer, die ungeachtet der ihnen angetanen Gewalt oder des Missbrauchs einen wachen Blick für die Befindlichkeit der Täter bewahrt haben. Hake zitierte ausführlich aus Schröders Predigt zum Thema aus dem Jahr 2010, in der zum Ausdruck kommt, dass Verzeihung, auch die Bitte um Vergebung, Zeit braucht. Abt Jeremias hat deshalb von einer öffentlichen Vergebungsbitte abgesehen und stattdessen Einzelgespräche mit den Opfern gesucht, in denen er seine Hoffnung artikulierte, dass Vergebung irgendwann möglich sein könne. Vergebung aber setzt Vertrauen voraus. Dieses zu schaffen war dieses Gespräch ein wichtiger Baustein, für den man dankbar sein kann.

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