Turin

Turiner Grabtuch: Die Reliquie des Karsamstags

Turin lädt zur Verehrung des Grabtuchs Jesu im Internet ein.

Turiner Grabtuch
Das Bild des Leidens Christi: Wissenschaftliche Untersuchungen sprechen für die Echtheit des Turiner Grabtuchs. Foto: Paul Haring (KNA)

Am Karsamstag um 17 Uhr findet eine Andacht vor dem Grabtuch Christi in der Kathedrale von Turin statt, die live im italienischen Fernsehen und weltweit im Internet übertragen wird. Damit reagiert der Erzbischof von Turin, Cesare Nosiglia, auf die vielen Anfragen von Gläubigen, die um eine besondere Ausstellung der heiligsten Reliquie der Christenzeit anlässlich der Corona-Pandemie baten.

Schon 1578, als die Pest Mailand heimsuchte, hatte der heilige Kardinal Karl Borromäus gelobt, zu Fuß zum Grabtuch Jesu zu pilgern, wenn die Seuche abklingt. Damals wurde es in Chambery, in der Schlosskapelle des Hauses Savoyen, verwahrt. Um dem berühmten Erzbischof entgegenzukommen, überführten die Savoyer es in ihre neue Residenzstadt Turin, in dessen Kathedrale es fortan eine neue Heimat fand. Allein in diesem Jahrtausend strömten sechs Millionen Gläubige zu den drei Grabtuchausstellungen 2000, 2010 und 2015.

Das Grabtuch ist wie eine Zeitkapsel

Warum aber dieses große Interesse an der berühmtesten aller Reliquien gerade in unserer doch so aufgeklärten und kirchenkritischen Zeit? Weil das Turiner Grabtuch so etwas wie eine Zeitkapsel ist, ein Code, der erst heute entschlüsselt und verstanden werden kann. 1898 bemerkte der Fotograf Secondo Pia, dass das Abbild auf dem 4,30 Meter langen Leinen, das dem Betrachter eher schattenhaft erscheint, die Eigenschaften eines fotografischen Negativs aufweist; auf seiner fotografischen Platte erschien es plötzlich realistisch wie ein Foto.

Spätere Untersuchungen an Computern der US-Raumfahrtbehörde NASA ergaben, dass es noch mehr ist: Ein Hologramm, das sich in ein dreidimensionales Modell umrechnen lässt. Kein Künstler war je in der Lage, ein Bild mit solchen Eigenschaften zu malen. Und tatsächlich fanden amerikanische und italienische Wissenschaftler, die 1978 jeden Quadratzentimeter des Grabtuchs scannten und unter dem Elektronenmikroskop untersuchten, keinerlei Spuren von Farbe. Das Körperbild kam zustande durch die Vergilbung der obersten Fasern der Leinenfäden des Gewebes, einer Schicht, dünn wie die Haut einer Seifenblase. Sie ist dort am intensivsten, wo das Leinen dem Leichnam am nächsten gekommen war. Der Körper selbst muss also gestrahlt, sich in Energie umgewandelt haben und „brannte“ dabei sein Abbild in das Tuch.

Relikt des wohl größten Wunders der Geschichte

Aber das Grabtuch ist nicht nur ein Relikt des wohl größten Wunders der Geschichte, der Auferstehung, in der Jesus von Nazareth sich als Sohn Gottes erwies. Es verkündet, als „Kreuzweg in einem Bild“, auch die Geschichte der Passion, jener Stunden, in denen er am intensivsten „ganz Mensch“ war, als er das ganze Leid der Welt auf sich nahm, um es schließlich durch seinen Opfertod zu überwinden.

Längst können Gerichtsmediziner mit seiner Hilfe minutiös rekonstruieren, wie sich die Geißelung, der Transport des Querbalkens, die Annagelung an diesen, der Zug auf den Kreuzesstamm, die Durchnagelung der Füße und schließlich der stundenlange Todeskampf Jesu zugetragen hat. Am Ende hatte sich ein Lungenödem gebildet, der Kreislauf des Gekreuzigten kollabierte, es kam zu einem Herz- und Atemstillstand. Der Soldat, der ihm seine Lanze in die Seite rammte, durchstieß die mit Flüssigkeit gefüllte Lunge und traf den blutreichen Herzvorhof. Tatsächlich flossen also „Blut und Wasser“ aus der Seite des Herrn, wie es Johannes, hier mehr Pathologe als Theologe, beschrieb. Der Mann am Kreuz, in dem wir Gott erkennen, war tot!

Was die Blutgruppe AB des Toten aussagt

Das ist, wie gesagt, die Erkenntnis der Wissenschaft. Sie hat auch festgestellt, dass Pollen im Grabtuchgewebe von Pflanzen stammen, die nur zwischen Hebron und Jerusalem wachsen und in den Monaten März und April blühen. Sie hat Straßenstaub an den Füßen, dem Knie und der Schläfe des „Mannes auf dem Grabtuch“ gefunden, dessen geologische Signatur der von Straßenstaub aus Jerusalem entspricht. Sie entdeckten Münzabdrücke auf den Augen, die von Prägungen des Pontius Pilatus aus den Jahren 29–30 nach Christus stammen. Und sie haben nicht nur die Blutgruppe des Toten als AB identifiziert, die nach Skelettuntersuchungen über 50 Prozent der Juden des ersten bis dritten Jahrhunderts hatten, sondern auch einen genetischen Marker, den „Cohen Haplotype“, der ihn als Nachkommen Aarons und Angehörigen der Priestersippe ausweist. Das ist, was ich mit der Metapher von der „Zeitkapsel“ meinte: 1 900 Jahre lang haben die Menschen das Grabtuch verehrt, doch erst jetzt, Dank der Wissenschaft, beginnt es zu „sprechen“ und wird verstanden. Ausgerechnet jener Wissenschaft, die uns glauben machen wollte, dass Gott tot ist oder es zumindest auch ohne ihn geht. Ein starker Glaube braucht keine Beweise.

Aber sind wir nicht alle ein bisschen Thomas, der dann doch lieber seinen Finger in die Wunden des Herrn legen wollte, bevor er von ganzem Herzen ausrief: „Mein Herr und mein Gott!“? Schon deshalb ist das Grabtuch in unserer wissenschaftsgläubigen Zeit ein wichtiges Instrument in der Neuevangelisierung: Es lässt uns auf Tuchfühlung mit den Passionsberichten der Evangelien gehen, es lässt uns das Geheimnis des Ostermorgens erahnen.

Dunkelste Stunde unserer Zeit

So ist es ein Segen, dass es uns ausgerechnet am Karsamstag gezeigt wird, in einer der dunkelsten Stunden unserer Zeit, inmitten der Corona-Pandemie. Wie sagte doch Papst Benedikt, als er 2010 nach Turin pilgerte und vor dem Grabtuch meditierte: „In der Dunkelheit des Todes des Sohnes Gottes kommt das Licht einer neuen Hoffnung, das Licht der Auferstehung. Und mir scheint, dass wir bei der Betrachtung dieses heiligen Leinens mit den Augen des Glaubens etwas von diesem Licht erheischen.“

Ja, das Grabtuch verheißt uns, dass auf die tiefste Finsternis des scheinbaren Todes Gottes das Licht seiner Auferstehung folgt und dass der Tod keineswegs das letzte Wort hat. Damit bezeugt es die uralte Osterbotschaft der Kirche: „Christus ist auferstanden. Wahrhaft auferstanden!“

Hier geht es zur Liveübetragung

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.