Jahr des heiligen Josef

"Sein Schweigen ist zugleich sein Wort" 

Freude über das Josefsjahr: Eine Katechese des emeritierten Papstes Benedikt XVI. über seinen Namenspatron.

Papst Benedikt XVI. zelebriert die Heilige Messe in der Basilika der Verkündigung in Nazareth
Während seiner Pilgerfahrt ins Heilige Land besuchte Papst Benedikt XVI. die Verkündigungsbasilika in Nazareth. Foto: Imago images

Heiliger Vater, Papst Franziskus hat das Josefsjahr ausgerufen und erinnert die Gläubigen an die Erhebung Josefs zum Patron der Kirche im Jahr 1870. Welche Hoffnung verbinden Sie damit? 

Ich bin natürlich besonders erfreut darüber, dass Papst Franziskus den heiligen Josef so sehr ins Bewusstsein der Gläubigen rückt und habe daher das Apostolische Schreiben "Patris Corde" mit besonderer Dankbarkeit und innerster Zustimmung gelesen, das der Heilige Vater aus Anlass der Erhebung des heiligen Josef zum Schutzpatron der ganzen Kirche vor 150 Jahren erlassen hat. Es ist ein sehr einfacher, von Herzen kommender und zu Herzen gehender Text, der aber gerade so eine große Tiefe enthält. Ich denke, dass dieser Text von den Gläubigen immer wieder gelesen und bedacht werden sollte und so zu einer Reinigung und Vertiefung unserer Heiligenverehrung im Allgemeinen und des heiligen Josef im Besonderen beitragen sollte. 

Die Schrift überliefert kein Wort des heiligen Josef, aber gibt es eine neutestamentliche Aussage, die sein Wesen besonders treffend ausdrückt?

Ja, es gibt kein Wort des heiligen Josef, das uns in seiner Geschichte im Neuen Testament überliefert wäre. Aber es gibt eine Entsprechung zwischen dem Auftrag des im Traum erscheinenden Engels und dem Handeln des heiligen Josef, die ihn als Person deutlich charakterisiert. In der Geschichte von der ihm im Traum ergangenen Weisung, Maria zu seiner Frau zu nehmen, ist seine Antwort einfach in dem einen Wort gegeben: "Er stand auf und tat, wie ihm befohlen war" (Matthäus 1, 24). Noch stärker erscheint die Entsprechung zwischen Auftrag und Handeln in der Geschichte von der Flucht nach Ägypten, in der die gleichen Worte gebraucht werden: "Er stand auf und nahm das Kind und seine Mutter" (Matthäus 2, 14). Ein drittes Mal werden die beiden Worte genauso wieder gebraucht auf die Nachricht vom Tod des Herodes und von der Möglichkeit zur Heimkehr ins Heilige Land. Es folgen die beiden Wörter, die charakteristisch sind für Josef, unmittelbar aufeinander: "Er stand auf und nahm das Kind und seine Mutter" (Matthäus 2, 21). Die nächtliche Information über die Gefährlichkeit des Archelaus hat nicht dieselbe Autorität wie die vorangegangene Information.

Die Antwort im Tun des heiligen Josef lautet viel einfacher: "Nachdem er im Traum darüber informiert worden war, ging er nach Galiläa" (Matthäus 2, 22). Schließlich erscheint auf eine ganz andere Weise in der Erzählung von der Anbetung der Weisen aus dem Morgenland dieselbe Grundhaltung: "Als sie in das Haus kamen, sahen sie das Kind mit Maria seiner Mutter" (Matthäus 2, 11). Der heilige Josef kommt in der Begegnung zwischen den Weisen und dem Kind Jesus nicht vor. Auch dieses stille Nicht-Erscheinen ist charakteristisch und zeigt sehr deutlich, dass er mit der Gründung der heiligen Familie einen Dienst auf sich nahm, der ihm zwar ein Äußerstes an Entschiedenheit und Organisationsfähigkeit abverlangte, aber zugleich von ihm ein Äußerstes an Verzicht forderte. Sein Schweigen ist zugleich sein Wort. Es drückt das Ja zu dem aus, was er mit der Verbindung mit Maria und so mit Jesus auf sich nahm. 

Welche Eindrücke haben Sie von Ihren Pilgerfahrten ins Heilige Land mitgenommen, die besonders mit dem Leben Ihres Namenspatrons verbunden sind? 

Ich muss dazu zunächst sagen, dass bei den Führungen durch das Heilige Land, die ich erlebt habe, der heilige Josef kaum erscheint. Dass er an den großen Stätten des öffentlichen Wirkens Jesu in Galiläa, besonders am See Gennesareth und seiner Umgebung sowie in Judäa, nicht genannt wird, ist normal. Es würde seiner Grundhaltung des schweigenden Gehorsams und Zurücktretens widersprechen. Wohl aber könnte man sich in Nazareth wie in Bethlehem ein Wort über den heiligen Josef vorstellen. Besonders Nazareth verweist auf seine Gestalt. Es ist ja ein Ort, der außerhalb des Neuen Testaments nirgends schriftlich erwähnt ist.

Die völlige Abwesenheit von nazarethanischen Überlieferungen außerhalb des Neuen Testaments ist so beeindruckend, dass Pierre Benoit, einer der bedeutendsten Exegeten und langjähriger Präsident der dominikanischen  cole Biblique im Heiligen Land, mir persönlich gesagt hat, er sei am Ende zur Gewissheit gekommen, dass es Nazareth überhaupt nicht gegeben habe. Gerade noch rechtzeitig, bevor er diese vermeintliche Einsicht veröffentlichen konnte, kamen die Nachrichten über die erfolgreichen Ausgrabungen in Nazareth, die uns diesen Ort neu geschenkt haben. Der Chef der franziskanischen Gruppe von Ausgräbern hat aber seinerseits gestanden, dass er angesichts langer vergeblicher Bemühungen, Spuren vom alten Nazareth zu finden, nahe daran war, das Bemühen aufzugeben. Umso glücklicher war er, als er die ersten Spuren und schließlich den ganzen Ort wiederentdeckte. 

Der vom Alten Testament vorhergesehene Messias

In der Tat war es für Matthäus, der jedem Geschehen im Leben Jesu ein alttestamentliches Wort zugrundelegte und so zu beweisen suchte, dass Jesus wirklich der vom Alten Testament vorhergesehene Messias war, eine Schwierigkeit, dass es keine prophetische Vorhersage gab, die irgendwie von Nazareth gesprochen hätte. Dies war eine Grundschwierigkeit in der Legitimation Jesu als des Verheißenen: Nazareth trug keine Verheißung in sich (vgl. Johannes 1, 46). Matthäus hat aber dennoch drei Wege gefunden, um auch den Nazoräer Jesus als Messias zu legitimieren. Die messianische Trilogie des Jesaja in Kapitel 7   9   11 bringt in Kapitel 9 die Vorhersage, dass gerade im Land der Finsternis ein Licht aufstrahlen wird. Das Land der Finsternis hat Matthäus im fast heidnischen Galiläa gefunden, in dem Jesus seinen Weg begann. 

Eine zweite Legitimation von Nazareth ergibt sich für Matthäus aus der vom Heiden Pilatus festgelegten Kreuzesinschrift, in der Pilatus bewusst den "Titel" (Rechtsgrund) für die Kreuzigung Jesu angibt: "Jesus der Nazoräer, der König der Juden" (Johannes 19, 19). Das in zwei verschiedenen Formen überlieferte Wort vom Nazarener und Nazoräer weist zum einen wohl auf das totale Gottgeweihtsein Jesu hin, zum anderen aber hält es seine geographische Herkunft fest. So ist Nazareth als Teil des Geheimnisses Jesu durch den Heiden Pilatus mit der Gestalt Jesu selbst unzertrennbar verbunden. 

"Das Geheimnis des heiligen Josef
hat mit dem Ort Nazareth von innen her zu tun."

Schließlich könnte ich mir vorstellen, dass eine im Heiligen Land gehaltene Katechese über den heiligen Josef einen dritten Gesichtspunkt ins Spiel bringt, der beide vorangegangenen zusammenfasst und ihnen eine neue Tiefe gibt. In einem der bekanntesten und schönsten deutschen Weihnachtslieder sehen wir Jesus als Röslein, das uns von der Jungfrau Maria in der Heiligen Nacht geschenkt wurde. Wenn in dem heute üblichen Text am Anfang von einem "Ros" die Rede ist und dann in der zweiten Strophe Maria als das "Röslein" erklärt wird, wovon Jesaja sagt und Maria als die Jungfrau und Mutter kennzeichnet, die uns das Blümlein gebracht hat, so liegen in dem Text Verschiebungen vor, die nach Klärung verlangen. Meiner persönlichen Vermutung nach stand am Anfang nicht das "Ros", sondern das "Reis", und so sind wir direkt am Text des Propheten angelangt, der so lautet: "Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor" (Jesaja 11, 1). 

Das Geheimnis des Sprosses

Der Baumstumpf Isais, des Stammvaters der Dynastie Davids, die die Verheißung ewigen Bestands erhalten hatte, weist auf den für glaubende Israeliten unerträglichen Widerspruch zwischen Verheißung und Wirklichkeit hin: Die davidische Dynastie ist untergegangen, und nur ein toter Baumstumpf ist übriggeblieben. Aber nun wird gerade der tote Baumstumpf zum Zeichen der Hoffnung: Aus ihm wächst unerwartet noch einmal ein Reis herauf. Dieses Paradox ist in den Stammbaum Jesu bei Matthäus 1, 1–17 und Lukas 3, 23–38 als lebendige Gegenwart ausgelegt und trägt für die Evangelisten einen stillen Verweis auf die Geburt Jesu aus der Jungfrau Maria in sich. Josef ist zwar nicht der wirkliche biologische Vater Jesu, aber er ist es vor dem Recht, vor dem Gesetz, das für Israel konstitutiv ist. Das Geheimnis des Sprosses (des Reises) wird hier noch tiefer: Aus dem Eigenen des Stammes Isais kommt kein Leben mehr; der Baumstumpf ist wirklich abgestorben. Dennoch bringt er neues Leben im Sohn der Jungfrau Maria, dessen rechtlicher Vater Josef ist. 

Dies Ganze hat mit dem Thema Nazareth insofern zu tun, als das Wort Nazareth in sich das Wort „nezer“, „naser“ (Reis, Sproß) zu enthalten scheint. Der Name Nazareth könnte dann geradezu mit Sproßdorf übersetzt werden. Ein deutscher Forscher, der sein Leben lang in Israel verweilte, hat geradezu die Theorie aufgestellt, Nazareth sei wohl nach dem babylonischen Exil als eine Ansiedlung von Davididen entstanden, und dies sei in dem Namen verhüllt angedeutet gewesen. Wie dem auch sei: Das Geheimnis des heiligen Josef hat mit dem Ort Nazareth von innen her zu tun. Er ist es, der als Reis aus der Wurzel Isais die Hoffnung Israels ausdrückt. 

"Schließlich gab es immer eine Primel
als Zeichen des Frühlings,
den der heilige Josef mit sich bringt."

Der heilige Josef wird traditionell als Helfer für eine gute Sterbestunde angerufen. Wie stehen Sie zu diesem Brauch?

Dass der heilige Josef während der Zeit des verborgenen Wirkens Jesu gestorben ist, kann als sicher gelten. Er wird zum letzten Mal in Lukas 4, 22 nach Jesu erstem öffentlichen Auftreten in der Synagoge in Nazareth genannt. Die Verwunderung über das, was Jesus gesagt und wie er es gesagt hat, schlägt bei der Menge in Zweifel um, wenn sie fragt: „Aber ist dies nicht der Sohn Josefs?“ (Lukas 4, 22). Wenn er hernach nicht mehr erwähnt wird, während seine Mutter und seine „Brüder“ sich zu Wort melden, so ist es ein sicheres Zeichen, dass er nicht mehr am Leben war. So ist die Vorstellung gut begründet, dass er in den Händen Marias sein irdisches Leben beendet hat. Ihn zu bitten, dass er auch uns gütige Begleitung in der letzten Stunde verschaffe, ist so eine wohl begründete Form von Frömmigkeit. 

Wie wurde Ihr Namenstag in Ihrer Familie begangen?

Der Josefstag war der Namenstag von Vater und mir, der, wenn es irgend möglich war, gebührend begangen wurde. Die Mutter hatte sich meistens irgendwie ein wichtiges Buch (zum Beispiel den kleinen Herder) abgespart. Außerdem gab es eine eigene Namenstagstischdecke, die dem Frühstück seine Feierlichkeit sicherte. Dazu wurde Bohnenkaffee getrunken, den Vater sehr liebte, aber den wir uns normalerweise nicht leisten konnten. Schließlich gab es immer eine Primel als Zeichen des Frühlings, den der heilige Josef mit sich bringt. Endlich hat die Mutter eine Torte mit Zuckerguss gebacken, die vollends das Außergewöhnliche des Festes ausdrückte. So war vom Morgen an das Besondere des Joseftags in überzeugender Weise gegenwärtig. 

Haben Sie die Fürsprache Ihres Namenspatrons in Ihrem Leben persönlich erfahren? 

 Wenn ich eine Gebetserhörung spüre, so teile ich ihren Ursprung nicht unter den verschiedenen Fürbittern auf, sondern weiß mich ihnen allen zusammen verpflichtet. 

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.