Vatikanstadt

Rom sucht die schöne neue Welt

Die Aktivitäten des Vatikans in Sachen Pandemie und Ökologie zeichnen sich durch einen gewissen Horizontalismus aus.

Vatikan und Horizontalismus
Der Begriff des Horizontalismus spielt in der katholischen Theologie kaum eine Rolle. Aber genau dieser Ausdruck scheint manchmal passend zu sein. Foto: fotolia.de

Peter Turkson ist ein eher bedächtiger Kurienkardinal. Fromm und theologisch gebildet, ohne Aufsehen erregende Allüren. 2003 von Johannes Paul II. in den Kardinalsstand aufgenommen, als er noch Erzbischof von Cape Coast und Präsident der Bischofskonferenz in seinem Heimatland Ghana war, kam er 2009 nach Rom, nachdem ihn Benedikt XVI. zum Präsidenten des Päpstlichen Rats für Gerechtigkeit und Frieden ernannte hatte. Doch dann kam die Kurienreform von Papst Franziskus und Turkson übernahm im August 2016 die Leitung des neu errichteten Dikasteriums für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen, in dem ein Jahr zuvor sein Rat für Gerechtigkeit und Frieden zusammen mit einigen anderen Räten aufgegangen war. In diesem Dikasterium leitet Franziskus selbst die Abteilung für die Migranten, wobei allerdings das dortige Tagesgeschäft der vor der Amazonassynode zum Kardinal ernannte Jesuit Michael Czerny als Stellvertretender Sekretär des Dikasteriums erledigt.

Der Strippenzieher hinter den Kulissen

Der Spitzenmann der Kurie für alle Themen, die dem Papst besonders wichtig sind, wie Ökologie und Klima, Migranten und Flüchtlinge, Gemeinwohl und Sorge um die Armen sowie die Kritik einer Wirtschaft, "die tötet", ist allerdings Kardinal Turkson. So saß er auch neben Papst Franziskus bei der Eröffnungsfeier zur Amazonassynode in den Vatikanischen Gärten, die manche als Inthronisation der Pachamama missverstanden haben, und hielt die Hauptansprache.
Die Aktivitäten des Vatikans auf dem Gebiet der "integralen Entwicklung des Menschen" sind vielfältig, werden direkt von Santa Marta aus gesteuert und haben nochmals eine Intensivierung erfahren, nachdem Melinda Gates im November vergangenen Jahres eine Privataudienz bei Franziskus erhalten hat, was der Vatikan nicht offiziell bestätigt, aber der Vatikankorrespondent des "National Catholic Register", Edward Pentin, vermeldet hat. Bei dieser Gelegenheit dürfte die Gates-Gattin eine erhebliche Summe im Vatikan zurückgelassen haben.

Pfingsten hat Papst Franziskus nicht nur ein "Laudato si "-Jahr für die ganze Kirche ausgerufen, das Pfingsten 2021 mit einem ökologischen Triduum enden soll, auch die Corona-Epidemie beschäftigt nun gleich mehrere Dikasterien der Kurie   federführend ist wieder das Haus von Kardinal Turkson. Als dieser am vergangenen 7. Juli die inzwischen geleistete Arbeit der vatikanischen Covid-19-Kommission vorstellte, hatte sich Papst Franziskus zwei Tage zuvor nach dem Gebet des Angelus auf dem Petersplatz den Appell der Vereinten Nationen zu eigen gemacht, angesichts der Folgen der Corona-Epidemie einen sofortigen und globalen Waffenstillstand in allen Krisengebieten auszurufen. Auch Kardinal Turkson folgte bei seiner Präsentation vor Journalisten ganz der Logik der Vereinten Nationen. Mehr noch: "Wir brauchen eine globale Führerschaft", forderte der Präfekt des Dikasteriums für die integrale Entwicklung, "die die Bande der Einheit wieder herstellt und gleichzeitig das Sündenbock-Denken, die gegenseitige Kriminalisierung, den chauvinistischen Nationalismus, den Isolationismus und andere Formen des Egoismus zurückweist".

Eine Kultur der Begegnung fördern

Wie es Papst Franziskus im vergangenen November in Nagasaki gesagt habe, müsse man "das Klima des Misstrauens brechen" und "der Erosion des Multilateralismus" vorbeugen. Doch nicht nur eine globale Führerschaft und der Multilateralismus sind das erklärte Ziel des Vatikans. "In dem Interesse, einen dauerhaften Frieden aufzubauen", so Turkson, "müssen wir eine Kultur der Begegnung fördern, in der sich Männer und Frauen gegenseitig als Mitglieder derselben Menschheitsfamilie entdecken, dasselbe Credo teilen." Dass mit diesem "Credo" nicht das der katholischen Kirche gemeint ist, machte der Kardinal deutlich, als er die Prinzipien der vatikanischen Friedensarbeit in Corona-Zeiten nannte: "Solidarität, Vertrauen, Begegnung, Gewaltlosigkeit. Wir glauben, dass das die Grundlagen der menschlichen Sicherheit sind."

Das sind alles hehre Ziele. Und mancher mag auch Gefallen daran finden, wie Turkson mit den von ihm genannten Übeln, die es zurückzuweisen gelte, ganz unverhohlen einen klaren Anti-Trumpismus skizziert. Auch das ökologische Jahr, das Franziskus am vergangenen 16. Mai mit einer "Laudato si "-Woche eröffnet hat, dient ja einem guten Zweck. Es gehe darum, hieß es damals in einem Brief des Dikasteriums für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen, die Gläubigen aller Konfessionen dazu zu ermutigen, "ihre Bemühungen in Richtung neuer Wege für die Kirche und für eine ganzheitliche Ökologie zu beschleunigen, indem sie Aktivitäten zu Ehren der Zeit der Schöpfung planen". Dennoch fällt auf, dass diesen Aktivitäten jede explizit kirchliche, geschweige denn christologische oder gar katholische Dimension fehlt. Der Begriff des Horizontalismus spielt in der katholischen Theologie kaum eine Rolle. Karl Rahner hat ihn verwandt, etwa in seinem Aufsatz "Heilsauftrag der Kirche und Humanisierung der Welt" von 1971 für die Zeitschrift "Geist und Leben" (Nr. 44, S. 32 38), als er sich kritisch mit der Tendenz auseinandersetzte, den Glauben auf ein rein gesellschaftspolitisches und -kritisches Engagement auszurichten.

Der Vatikan will sich um den ganzen Planeten kümmern

Aber genau dieser Ausdruck kommt einem in den Sinn, wenn man an die Pressekonferenz von Kardinal Turkson vom 16. Mai zurückdenkt, in der er erstmals die Covid-19-Kommission des Vatikans vorstellte, der immerhin das vatikanische Staatssekretariat, das Mediendikasterium, die Päpstlichen Akademien für das Leben, für die Wissenschaft und für die Sozialwissenschaften zuarbeiten. Eine andere "Task Force" der Römischen Kurie, jene für das "Laudato si "-Jahr 2020/2021, an der ebenfalls mehrere Vatikanbehörden zu einem interdikasteriellen Arbeitsausschuss zusammengefasst sind, hat inzwischen im Mai einen 225 Seiten umfassenden Leitfaden vorgelegt, der zu einer ökologischen Bekehrung in Spiritualität, Bildung und Erziehung sowie im ökumenischen und interreligiösen Dialog anregen will. Ökologie, Klima und die Corona-Pandemie: Der Vatikan will sich um den ganzen Planeten kümmern. Über starke Worte und viel gedrucktes Papier ist er aber noch nicht hinausgekommen.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.