Vatikanstadt

Professorales Manifest

Ein kirchenpolitisch zugespitzter Band über die Rolle der Bischofskonferenzen.

Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz
Das Weiheamt ist derzeit zahlreichen kritischen Anfragen ausgesetzt. Die Debatte über die Rolle der Bischofskonferenzen knüpft daran an. Foto: Andreas Arnold (dpa)

Wer Kardinal Hermann Volk (1903–88) bei der bis heute zitierten „Würzburger Synode“ erlebte, erinnert sich wohl noch: Immer wenn das Synoden-Präsidium ihn als Redner ankündigte, strömten augenblicklich die Journalisten in Scharen aus den Fluren in die Aula. Er gab eine spannende Kurz-Vorlesung und deckte dramatisch den theologischen Hintergrund der anstehenden Frage auf. Aber er machte keine Kirchenpolitik. Er verachtete eine „Theologie mit Anliegen“. Die Wahrheit, die von Gott kommt, hätte Leuchtkraft aus sich selbst. Strategische Ziele theologisch zu bemänteln, war ihm zuwider.

Die Autoren zielen auf Machtzuwachs für die Bischofskonferenz ab

Die Publikation „Die Lehrkompetenz der Bischofskonferenz“ widmet sich einer Thematik, die beim Zweiten Vaticanum nicht ausdiskutiert wurde. Doch wird deren Fortführung keineswegs sine ira et studio betrieben. Die Herausgeber Thomas Schüller und Michael Seewald geben gar nicht erst vor, sie aufzuarbeiten, sondern sie zielen in ihrem Vorwort unumwunden auf einen Machtzuwachs für die „Deutsche Bischofskonferenz“ – aus aktuellem Anlass. Sie möchten dem sogenannten Synodalen Weg theologische Schützenhilfe leisten. Durch die Artikel der zwölf Autoren soll sich klären, „ob die Bischofskonferenzen zu Orten ,heilsamer Dezentralisierung‘ werden oder ob sich weiterhin ein – sc. vatikanischer – Zentralismus zu behaupten vermag, der die Bischöfe an kurzer Leine hält“.

Die Strukturen innerkirchlicher Kompetenz sind zu verändern – obwohl doch eigentlich Theologie das „Erhellen und Entfalten der im Glauben empfangenen Offenbarung Gottes“ ist (Karl Rahner). So fällt es schwer, diesen Band der Glaubenswissenschaft zuzuordnen; er hat eher den Charakter eines Manifests.
Kirchenpolitische Zuspitzung verdirbt leicht unsere theologische Erkenntnis. Nicht selten ist zu erfahren, dass solche Einseitigkeiten die Perspektive der Wahrheit verstellen. Wir sprechen dann von Vorurteilen. Hans Georg Gadamer, die große Autorität in Fragen der Hermeneutik, nennt das Vorurteil eine „falsche Voreingenommenheit“. Sie bestände in einer Verdunklung „von Wahrheiten aus keinem anderen Grunde, als weil sie alt und durch Autoritäten bezeugt“ seien. Nur ein Beitrag sei genannt, um dieses „alt“, das es zu überwinden gilt, zu konkretisieren: Johanna Rahners „Der Geist weht, wo er will?“

Kirchenpolitik verdirbt theologische Erkenntnis

Beim ersten Lesen möchte Zustimmung aufkommen, wenn in der Studie Walter Kasper als Gewährsmann aufgerufen wird. Im Sinne der Kirchenkonstitution „Lumen gentium“, dass „die Sorge, das Evangelium überall auf Erden zu verkündigen, die ganze Körperschaft der Hirten angeht“ (LG 23), hatte der spätere Kardinal zu Recht herausgestellt, bischöfliche Kollegialität vollziehe sich nicht nur „vertikal“ – via Rom –, sondern auch „horizontal“ – zwischen den Bischöfen selbst. Die später angeführte Bürgschaft Kaspers für den Gedankengang gibt dann der Studie allerdings keinen theologischen Halt mehr. Etwa Kaspers Position zu den frühchristlichen Kirchenstrukturen. Um Kasper hier als Garanten zu retten, bezeichnet die Autorin das Ergebnis des „Streits“ zwischen Kardinal Kasper und Kardinal Ratzinger als „Aporie“ (ebd. 137) und verkennt theologische Daten. Karl-Heinz Menke hat die Auseinandersetzung zwischen den beiden Kardinälen im Detail nachgezeichnet.

Kasper behauptete, verschiedene frühkirchliche Gemeinden hätten sich gleichzeitig und unabhängig voneinander gebildet; die Darstellung der Apostelgeschichte nannte er eine „lukanische Konstruktion“. Mit dieser seiner These wollte er die heutigen Lokalkirchen gegen den „römischen Zentralismus“ aufwerten. Ratzinger widersprach dem Versuch Kaspers, mit Hilfe der historisch-kritischen Forschung die „Wahrheit an sich“ zu finden. Er machte dann – nicht ohne eine gewisse Genugtuung – seinen Kontrahenten auf einen Exegeten aufmerksam, dem man gewiss keine Verteidigung des „römischen Zentralismus“ unterstellen wird: Rudolf Bultmann. Dieser hatte nämlich ohne Umschweife die Priorität der Gesamtkirche vor der Einzelgemeinde herausgestellt (in K.-H. Menke, Das unterscheidend Christliche, Regensburg 2015, 462).

Auch der Apostolische Stuhl wird nicht wohlwollend bedacht

Wenn die Autorin eine Bischofskonferenz in ihrer Beziehung zum Bischof behandelt, betrifft das „alt“ des Hermeneutikers Gadamer zweitens die theologische Identität des Bischofs. Sein „neues“ Verständnis: er ist Kirchenfunktionär. Weder erwähnt noch beachtet der Artikel, was die Kirche über den sakramentalen Vollzug der Bischofsweihe von Gott erbittet: „Sende herab auf diesen Auserwählten die Kraft, die von dir ausgeht, den Geist der Führung, welchen du deinem geliebten Sohn Jesus Christus gegeben hast.“ Weder wird angesprochen noch bedacht, was das Vaticanum II über die Bischöfe formuliert, dass sie „in hervorragender und sichtbarer Weise die Aufgabe Christi selbst, des Lehrers, Hirten und Priesters, innehaben und in seiner Person handeln“ (Konstitution „Lumen gentium“ 21). Eine Blütenlese des verwendeten Vokabulars verdeutlicht ohne längere Argumentation, dass die Exousia des Auferstandenen (Matthäus 28, 18) die heutigen geweihten Hirten anscheinend nicht mehr erreicht: gnadenlos – Gnadenlos. Da ist für den Bischof die Rede von „Hypertrophierung des Eigenstands“, „Selbstsakralisierung“, „Solipsistisch enggeführter Autorität“, „ideengeschichtliche Nähe zu Erzbischof Marcel Lefebvre“. Die vatikanische Erklärung der Bischofsweihe zu einem Sakrament nennt sie gar eine „Dame ohne Unterleib“.

So viel zu der einen Grenze, die die theologischen Vollmachten der Bischofskonferenzen gegenüber dem Einzelbischof einschränkt. Auch die andere – der Apostolische Stuhl – wird nicht eben wohlwollend bedacht. Die Termini: „Kurialzentralistische Bevollmächtigungsstrategie“, „nach dem Vorbild absolutistischer Monarchie strukturiert“, „unterhalb des Differenzierungsniveaus der weltlichen Rechtspartner“, „Kadermentalität“, „restriktive Regularien nach dem Satz des Machiavelli: divide et impera“. Mit Machiavelli sind wir bei der Perspektive des Artikels gelandet: Sein Grundzug erscheint wie eine Abhandlung moderner Politikwissenschaft: Er reflektiert die Entscheidungsprozesse eines Sozialkörpers, den Aufbau von Macht und deren Einwirkung auf die Struktur – ganz im Sinne eines politischen Memorandums.

Soziologische Dynamismen zerreißen die Einheit

Und er beschleunigt munter die Bewegung „Los von Rom“. Obwohl doch nördlich der Alpen Schwierigkeiten und Schmerzen einer Glaubensspaltung täglich zu spüren sind. Der herausragende Theologe Henri de Lubac formulierte schon vor Jahren, dass „die Karte der Schismen, die nacheinander die christliche Kirche zerrissen haben, immer fort und fast vollkommen mit der der großen Kulturfelder übereinstimmt. Dies deshalb, weil die konstitutiven soziologischen Dynamismen jeder Kultur diese normalerweise zu einer exklusiven Haltung verleiten, der sie dann oft genug erliegt.“ Gewiss eine Warnung auch an die deutschen Katholiken und ihren Synodalen Prozess.

Schüller, Thomas/Seewald, Michael: Die Lehrkompetenz der Bischofskonferenz. Dogmatische und kirchenrechtliche Perspektiven, Pustet-Verlag, Regensburg, 240 Seiten,kartoniert, ISBN: 978-37917314-07, EUR 26,95

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