Vatikanstadt

Papst sagt Korruption den Kampf an

Mit einem Motu proprio hat Papst Franziskus veranlasst, dass Kurienchefs nur noch Geschenke im Wert von bis zu vierzig Euro annehmen dürfen. Auch Geldanlagen in Steuerparadiesen sind künftig verboten. Gründe für die neue Regelung hat der Papst genug.

Konzert in Kalifornien
Papst Franziskus spricht via Videoschalte, projiziert auf eine Leinwand, bei "Vax Live: The Concert to Reunite the World" im SoFi Stadium und zeigt sich erneut als Mahner. Foto: Jordan Strauss (Invision/AP)

Der Missbrauchstäter Theodore McCarrick war ein Meister darin, hoch gestellte Mitarbeiter der Kurie mit Geldgeschenken einzuwickeln. Dass selbst Kardinäle ein sehr einnehmendes Wesen haben können, ist so alt wie die Geschichte dieses geistlichen Stands. Dem hat Papst Franziskus jetzt einen Riegel vorgeschoben. Mit einem Motu proprio hat er vor einer Woche Führungskräften im Vatikan untersagt, Geschenke im Wert von mehr als vierzig Euro anzunehmen.

Keine Geldanlagen in Steuerparadiesen mehr

Außerdem ist es ihnen künftig verboten, Geld in Steuerparadiesen anzulegen oder ethisch fragwürdige Investments einzugehen. Die neue Regelung betrifft vor allem Kurienchefs – von Kardinälen, die Dikasterien leiten, bis hin zu Vizedirektoren mit Exekutivverträgen – und gilt außerdem für alle, die richterliche, kontrollierende Aufgaben wahrnehmen oder eine Aufsichtsfunktion innehaben. Diese leitenden Mitarbeiter müssen ab sofort sowohl bei der Einstellung wie dann im Abstand von jeweils zwei Jahren eine Erklärung unterschreiben, in der sie versichern, in Vergangenheit und Gegenwart nichts mit Korruption, Betrug, Terrorismus, Geldwäsche, Steuerhinterziehung oder Ausbeutung von Minderjährigen zu tun gehabt oder zu tun zu haben.

Das neue Schreiben des Papstes ergänzt sein Motu proprio vom Juni 2020, in dem er bereits die Regeln für die Vergabe öffentlicher Aufträge verschärft hatte. Der neue Erlass sei notwendig, schreibt Franziskus jetzt, weil sich Korruption „in verschiedenen Formen auch in anderen Sektoren als dem Beschaffungswesen manifestieren kann“. Daher sähen internationale Vorschriften und Praktiken für Mitarbeiter in Schlüsselpositionen des öffentlichen Sektors besondere Transparenz-Verpflichtungen vor.

Glaubwürdigkeit der Kirche wahren

Es mag viele Gründe für Franziskus geben, das Finanzgebaren im Vatikan unter Kontrolle zu bekommen, zu dem selbst der Präsident der Vermögensverwaltung des Heiligen Stuhls, Bischof Nunzio Galantino, jetzt gegenüber der katholischen Zeitung „Avvenire“ sagte: „Niemand leugnet die Existenz von fragwürdigen Praktiken.“ Deshalb sei die vatikanische Justiz sehr an einer umfassenden Aufarbeitung interessiert. Schließlich diene eine gute und transparente Verwaltung dazu, Glaubwürdigkeit und Ansehen der Kirche zu wahren, so Galantino. Das Interesse des Vatikans, bei der Ausgabenpolitik und der Verwaltung von Geldern internationale Standards zu erreichen, ist aber auch ganz praktischer Art.

Wieder einmal haben die Emissäre von Moneyval im vergangenen September knapp zwei Wochen lang das Bank-, Finanz- und Aufsichtswesen des Vatikans geprüft. Moneyval ist der 1997 gegründete Expertenausschusses des Europarats für Maßnahmen gegen Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung, dessen Expertise sich auch der kleine Kirchenstaat des Papstes unterwirft, um im Konzert der europäischen Bankinstitute mitspielen zu können. Der nächste, die römische Kurie betreffende Bericht von Moneyval steht nun unmittelbar zur Veröffentlichung an.

Aufklärung durch eigenes Verschulden verzögert

Allerdings hat die Vatikanjustiz da ein gewaltiges Problem, das weit über die Geldumschläge für den einen oder anderen Kardinal hinausgeht: Seit Oktober 2019 geht es mit der Aufklärung des Supergaus in Sachen Geldgeschäften nicht richtig weiter: der misslungenen Investition in die Luxusimmobilie in der Londoner Sloane Avenue. Hier haben nicht äußere Faktoren wie Brexit, Corona oder Betrüger ein Finanzloch von 350 Millionen Dollar in die Kassen des vatikanischen Staatssekretariats gerissen, sondern offenbar eigenes Verschulden.

Aus fünf vom Dienst suspendierten Vatikanmitarbeitern nach der Razzia vom 1. Oktober 2019 wurden später sechs, zwei Chefs der vatikanischen Geld-Aufsichtsbehörde AIF, der schweizerische Präsident und René Brülhart und der italienische Direktor Tommaso Di Ruzza, verloren ihren Job, Polizeichef Domenico Giani musste gehen und schließlich auch Kardinal Giovanni Becciu, der den Londoner Deal noch als Substitut eingefädelt hatte. Die Aufarbeitung, an der laut Galantino die vatikanische Justiz so sehr interessiert sei, hat in diesem Fall noch nicht einmal begonnen. Den Inspektoren von Moneyval wird das nicht entgangen sein.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Hier kostenlos erhalten!