Rom

Noch grassieren Verschwörungstheorien um den Malteserorden

Neue Spitze bei den Maltesern. Ein Gespräch mit dem Malteser-Experten Constantin Magnis über die Wahl von Marco Luzzago an die Spitze des ältesten Ritterordens der Welt.

Marco Luzzago
Marco Luzzago, Statthalter des Großmeisters des Souveränen Malteserordens, am 8. November 2020 in Rom. Foto: Cristian Gennari (Romano Siciliani)

Eine mit Spannung erwartete Wahl in Zeiten von Corona: Wegen der Reisebeschränkungen und aus gesundheitlichen Gründen haben am Sonntag 44 von insgesamt 56 Mitgliedern des Großen Staatsrats des Souveränen Malteserordens in Rom den siebzigjährigen Norditaliener Marco Luzzago zum Nachfolger des bisherigen Großmeisters Giacomo della Torre gewählt, der Ende April im Alter von 75 Jahren verstorben war. Luzzago, ein Unternehmer aus Brescia, wird aber nur für ein Jahr das Amt eines Statthalters ausüben, wobei er dieselben Rechte und Pflichten wie ein Großmeister hat. 

Verwaltungsreform wird fortgesetzt

Die wichtigste Aufgabe des neuen Ordensleiters, der dem Orden seit 1975 angehört, aber erst 2003 als Professritter die ewigen Gelübde ablegte, wird die zwar begonnene, aber noch nicht abgeschlossene Verfassungsreform sein, die die Malteser vor allem seit den turbulenten Monaten beschäftigt, in denen ein Konflikt zwischen dem damaligen Großmeister, dem Briten Matthew Festing, und dem deutschen Großkanzler Albrecht von Boeselager für Aufsehen sorgte. Papst Franziskus hatte schließlich im Januar 2017 Festing zum Rücktritt gezwungen und den Weg dafür freigemacht, dass der ursprünglich vom Großmeister entfernte Großkanzler Boeselager in sein Amt zurückkehren konnte. Gleichzeitig entmachtete der Papst den Päpstlichen Legaten beim Malteserorden, Kardinal Raymond Leo Burke, indem er seinen damaligen Vertrauten, den Substituten und Erzbischof Angelo Becciu, zu seinem Delegaten für den Orden ernannte. Burke hat seither sein Amt als Prälat bei den Maltesern nicht aufgeben müssen, trat aber dort nie mehr in Erscheinung. 

Es ist eine verwickelte Geschichte, die 2016 und 2017 den Malteserorden erschüttert hat. Es geht um Fraktionen unter den Mitgliedern, um den Verdacht, die „progressiven“ Deutschen wollten den Orden in eine rein humanitär arbeitende Nichtregierungs-Organisation verwandeln. Als Beleg werden Hilfsprojekte genannt, bei denen Malteser International auch die Verteilung von Kondomen tolerierte. Sodann um eine millionenschwere Erbschaft, die über dunkle Kanäle den Orden erreicht haben soll. Und nicht zuletzt um das Verhältnis der Malteser zum Vatikan, der mit einer Einsetzung einer Päpstlichen Kommission zur Untersuchung des Streits in der Ordensregierung und dann mit der Absetzung des Großmeisters Festing in nicht gewohnter Weise in die inneren Angelegenheiten des Souveränen Ritterordens eingegriffen hat. 

Ein Bild des Ordens

In einer zweijährigen Recherche hat der Journalist Constantin Magnis diesen Kirchenkrimi aufzuklären versucht. Bis 2017 Chefreporter beim Magazin „Cicero“ machte er sich dann an ein Buch, führte neunzig Stunden Interviews mit insgesamt fünfzig Protagonisten und Zeugen der Geschichte, sichtete Hunderte von internen Dokumenten, Briefen, Mails und Protokollen.

Herausgekommen ist ein Buch, das jetzt unter dem Titel „Gefallene Ritter. Malteserorden und Vatikan – Der Machtkampf zwischen zwei der ältesten Institutionen der Welt“ bei „HarperCollins Germany“ erschienen ist. Ein buntes und kontrastreiches Bild des Ordens von innen, bei dem nicht nur die Charakterzüge, Stärken und Schwächen der Handelnden herausgearbeitet werden, sondern unzählige Details den Leser mit ins Geschehen hineinnehmen – bis hin zu der genauen Zahl an Fasanen und Rebhühnern, die bei den häufigen Treibjagden Festings geschossen wurden. 

Das geringste Übel gewählt 

Die jüngste Wahl an der Spitze des Ordens kommentiert Magnis im Gespräch mit der „Tagespost“ vorsichtig: „Ich glaube nicht, dass der neue Statthalter die Lagerbildung komplett entschärfen kann. Er war in den letzten Jahren eine eher zurückhaltende Figur, die zumindest nicht zur weiteren Polarisierung beigetragen hat. Er gilt als anständiger, frommer Mann, mit dem man arbeiten kann. Aber schon die Tatsache, dass er kooperativ ist, wird ihm in bestimmten Kreisen den Ruf einbringen, eine Handpuppe der Ordensregierung zu sein. Es gab halt keine große Auswahl. Gewählt werden können nur Professritter, und dann auch nur die adeligen. Da bleiben nicht viele übrig. Man hat unter diesen Umständen das geringste mögliche Übel gewählt.“ Die Wahl eines Statthalters gebe den Maltesern die Möglichkeit, so Magnis weiter, überhaupt Reformen umzusetzen, was sie unter einem Interims-Leiter nicht konnten. „Man hat sich also Zeit gekauft. In diesem Jahr könnte man nun etwa die Adelsregel für den Großmeister kippen, und so den Pool der wählbaren Kandidaten schlagartig enorm erweitern.“ 

Noch ein Statthalter?

Auf die Frage, ob das in einem Jahr möglich sei, meint Magnis, dass man dann noch einmal einen Statthalter wählen könne, um sich so weitere Zeit verschaffen. „Der Papst will die Reform, die Ordensregierung will die Reform – und der neue Päpstliche Delegat Silvano Maria Tomasi will das auch. Teile der Professritter werden sich gegen die Reform stemmen und die Frage wird sein, ob man sie zur Kooperation bewegen kann. Im Zweifel wird der Vatikan Druck machen.“ 

Zum neuen Delegaten Tomasi meint Magnis weiter, dass diese Ernennung viele skeptisch mache. „Einerseits wegen seiner Vermittlerrolle in der CPVG-Trust Spendenaffäre, andererseits weil er einer der Kommissare war, die im Auftrag des Papstes den Rausschmiss Boeselagers untersucht hat. Diese Skepsis beruht aber in beiden Fällen vor allem auf den immer noch grassierenden Verschwörungstheorien. In Wirklichkeit ist beides vermutlich eher ein Vorteil, weil Tomasi die Malteser wirklich von innen kennt, abgesehen davon, dass er selbst Mitglied ist. Ihm wird am Herzen liegen, den Orden spirituell zu erneuern und auf die Kirche auszurichten. Sicher steht er nicht für eine Säkularisierung der Malteser. Allerdings wird er die Reformen massiv vorantreiben, anders als sein Vorgänger als päpstlicher Delegat, Kardinal Becciu. Der hat sich offenbar von diversen Parteien vereinnahmen lassen, und hat versucht, auch wirtschaftlich in den Orden hineinzuregieren. Andererseits war er völlig apathisch, was die Reformen anbetraf. Die Erleichterung im Orden war jedenfalls groß, als er abgelöst wurde.“ 

Befreit von der Armut

Für das Überleben der Malteser als religiöser Orden der Kirche schätzt Magnis die Frage der Professritter als existenziell ein. Aber es werde ein schwieriger Prozess, denn die amtierenden Professen wollten ihr Leben nicht plötzlich ändern. „Darum arbeitet die Ordensregierung an einer Doppellösung“, meint der Journalist: „Geringfügige Änderungen für Professen, die bereits im Orden sind. Etwa beim Armutsgelübde, von dem sie per Indult befreit sind. So ein Indult kann aber kirchenrechtlich nur individuell und vom Papst selbst erteilt werden. Beides ist nicht geschehen, die Indulte sind also eigentlich ungültig. Das mindestens wird geklärt werden müssen. Für neu zu weihende Professritter sollen dann neue, straffe Regeln gelten. Viel stärkere Einbindung in die Ordenswerke, tatsächliche Erfüllung der Armutsgelübde, vielleicht auch ein echtes Gemeinschaftsleben. Bisher wehren sich aber viele Professritter strikt dagegen. Der Papst hat klargemacht, dass er diese Sonderformen, die Gelübde zu leben, nicht mehr lange dulden wird. Notfalls könnte er dann auch beginnen, Druck auf einzelne, unkooperative Professritter auszuüben.“ 

Was die nicht geweihten Stände betreffe, so boome der Orden, meint Magnis weiter, auch in Deutschland. „Noch nie in der jüngeren Ordensgeschichte gab es so viele Mitglieder. Der Ruf ins zölibatäre Leben dagegen ist ein wilder, radikaler Ruf in eine unverwässerte Liebesbeziehung mit Gott. Die Idee, diese Beziehung im Umfeld von rundlichen Pensionären zu leben, die das komfortable Leben wohlhabender Junggesellen führen, ist für viele junge Menschen glaube ich einfach abschreckend.“ 


Das Buch „Gefallene Ritter. Malteserorden und Vatikan – Der Machtkampf zwischen zwei der ältesten Institutionen der Welt“ von Constantin Magnis ist bei „HarperCollins Germany“ erschienen. Hamburg 2020. gebunden, 302 Seiten, EUR 24,– 

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