Bratislava

Mit Gewalt orthodox

Die Slowakei entschuldigt sich für das Verbot der mit Rom unierten Kirche durch die Kommunisten. Erinnerungen an dunkle Zeiten.

Bischof Peter Gojdic
Von den Kommunisten verfolgt, von Johannes Paul II. 2001 seliggesprochen: Bischof Peter Gojdic. Foto: Wikipedia (Lizenz:CC BY-SA 4.0), Misko3

Der slowakische Staat hat sich durch Parlamentspräsident Boris Kollar für das kommunistische Verbot der griechisch-katholischen Kirche entschuldigt. Anlass war die Enthüllung einer Gedenktafel für den unierten griechisch-katholischen Bischof Pavol Peter Gojdic im kommunistischen Konzentrationslager Leopoldov durch Kollar. Die griechisch-katholischen Kirche war 1950 in der Tschechoslowakei aufgelöst und gewaltsam in die orthodoxe Kirche eingegliedert worden. Bischof Gojdic und sein Weihbischof Vasil Hopko wurden verhaftet, ebenso viele Priester. Der Bischof starb 1960 an seinem 72. Geburtstag im Gefängnis Leopoldov. Er war zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Im Zweiten Weltkrieg war er der einzige slowakische Bischof, der sich für die Juden eingesetzt hatte, weshalb er postum die Auszeichnung „Gerechter unter den Völkern“ erhielt. Weihbischof Hopko erlebte die Wiederzulassung der Kirche 1968. Er war zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt worden und kam nach der Haft von 1964 bis 1968 ins Konzentrationskloster Ossegg. Er starb 1976.

Der Kirche war nur ein Schattendasein erlaubt

Seit 1968 war die griechisch-katholische Kirche wieder erlaubt und war das einzige positive Relikt der Reformer um Alexander Dubcek. Aber die nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen erfolgte „Normalisierung“ der politischen Verhältnisse, hatte der Kirche nur ein Schattendasein erlaubt. Erst die samtene Revolution 1989 brachte neue Freiheit für die Kirchen. Die griechisch-katholische Kirche der Slowakei ist eine der 23 mit Rom vereinigten unierten Ostkirchen als Rituskirche der Römisch-katholischen Kirche. Von Papst Benedikt XV. stammt das Wort, die Kirche „sei weder lateinisch noch griechisch oder slawisch, sondern katholisch“. Das Päpstliche Jahrbuch nennt die Riten der Kirche und zählt außer dem lateinischen Ritus die Riten der Ostkirche auf. In Osteuropa sind vor allem katholische Rituskirchen in der byzantinischen Tradition vertreten, darunter die Slowakisch-katholische Kirche. Sie nennt sich noch heute „griechisch-katholisch“, während sich die größte unierte Kirche in der Ukraine meist als „ukrainisch-katholisch“ vorstellt.

Unionen orthodoxer Bischöfe haben in verschiedenen Jahrhunderten versucht, das Schisma des Jahres 1054 zu beenden. Die unierten Gläubigen erkennen den Primat des Papstes an und Rom ließ ihnen ihre Sonderrechte wie die Volkssprache im Gottesdienst und die Weihe verheirateter Männer zu Priestern. Während die ukrainisch-katholische Kirche auf die Union 1596 von Brest zurück geht, ist die griechisch-katholische Kirche der Slowakei durch die Union von Užhorod 1646 entstanden. Moskau bekämpfte diese Unionen, die nach den polnischen Teilungen nur in Österreich und Ungarn überlebten. Die Gläubigen in der Slowakei, dem alten Oberungarn, erhielten 1816 das Bistum Prešov.

Der Westen war informiert, aber die Ökumene schwieg

1946 verboten die Machthaber in Moskau die unierte Kirche in der Sowjetunion, wo in Lemberg ein Erzbischof residierte, dessen Jurisdiktion die Gebiete der Union von Brest umfasste. Da der tschechoslowakische Präsident Edward Beneš die seit 1919 zur Tschechoslowakei gehörende Karpato-Ukraine an die Sowjetunion abgetreten hatte, waren 1946 auch Gläubige der Union von Užhorod betroffen. 1948 wurde die rumänisch-katholische Kirche in Rumänien verboten. 1950 folgte das Verbot auch für die griechisch-katholische Kirche in der Tschechoslowakei. Die erst nach dem Ersten Weltkrieg entstandene Orthodoxe Kirche der Tschechoslowakei hatte zwar die orthodoxen Gläubigen der Karpato-Ukraine verloren, bekam aber von Moskau über 300.000  neue „Gläubige“ und 1951 vom Patriarchat Moskau die Autokephalie.

Nur in Polen, Ungarn, Bulgarien und Jugoslawien gab es nach 1950 noch griechisch-katholische Kirchen. In der Sowjetunion, Rumänien und in der CSR geschahen die Eingliederungen in die Orthodoxe Kirche durch Pseudosynoden weniger vom System unter Druck gesetzter Priester, die die „Rückkehr in die orthodoxe Kirche“ verkündeten. Der Westen war zwar informiert durch Flüchtlinge und Emigranten, aber die Ökumene schwieg.

Heute gibt es Literatur über die Rom Treugebliebenen im Untergrund. Papst Johannes Paul II. hat Märtyrer in der Ukraine und in Rumänien seliggesprochen, auch in der Slowakei. Durch die Seligsprechungsprozesse und Zeitzeugen ergibt sich ein genaues Bild der Verfolgung. Die griechisch-katholischen Gotteshäuser wurden von der Orthodoxen Kirche übernommen, die katholischen Priester, die nicht orthodox werden wollten, wanderten ins Gefängnis. Da viele Priester als Verheiratete geweiht worden waren, spielten sich viele Tragödien ab. Ich sprach 1966 mit zahlreichen orthodoxen Priestern in der Slowakei, darunter am Gründonnerstag mit einem etwa 50-jährigen Dorfpriester und seiner Frau. Als er erfuhr, dass einer meiner Begleiter ein Priester aus Deutschland war und der andere ein amtsbehinderter Priester aus Prag, der als Nachtwächter arbeiten musste, erzählte der Pfarrer seine Geschichte. Als junger griechisch-katholischer Pfarrer war er 1948 ins Dorf gekommen. 1950 wurde er vor die Alternative gestellt, ins Gefängnis zu gehen oder orthodox zu werden. Er müsse sich bis morgen entscheiden.

"Du hättest ins Gefängnis gehen müssen"

Abends kamen Männer seiner Gemeinde und baten ihn zu bleiben und orthodox zu werden. „Wir wissen nicht, wen uns die Kommunisten als Pfarrer schicken. Wenn Sie bleiben, werden wir katholisch bleiben und nur äußerlich als Orthodoxe gelten.“ Dann stellte uns der Pfarrer die Frage: „Wie hätten Sie entschieden?“ Der deutsche Priester war ratlos. Er wisse das nicht. Der Priester aus Prag, der lange im Gefängnis gewesen war, gab zur Antwort: „Du hättest ins Gefängnis gehen müssen!“ Die Pfarrersfrau schaute ihren Mann an und sagte: „Siehst Du, das habe ich auch gesagt!“ Ostern feierten wir 1966 in Kaschau, wo wir einen Priester kannten, der mit seiner Familie und einigen Freunden im Wohnzimmer die Eucharistie feierte. Er war 1950 ins Gefängnis gekommen und arbeitete nach der Entlassung auf dem Bau. Die Kommunisten hatten seiner Familie Besuche im Gefängnis erlaubt, da sie glaubten, die Familie könnte den Vater überreden, orthodox zu werden. Doch die Frau und die Kinder bestärkten ihn in der Treue zu Rom. In vielen Priesterfamilien entstanden Hauskirchen als Basisgruppen für das Überleben der unierten Kirche. 1968 konnten sich die Gemeinden entscheiden, orthodox zu bleiben oder wieder katholisch zu werden. 205 Pfarreien wurden wieder griechisch-katholisch. Erst nach der Wende von 1989 blühte die Kirche wieder auf. Sie hat heute über 350.000 Gläubige in drei Diözesen. Auch eine slowakische griechisch-katholische Eparchie im kanadischen Toronto gehört zur Metropolie Prešov.

Der Autor ist emeritierter Professor für Kirchengeschichte


Hintergrund:

Der slowakische Parlamentspräsident Boris Kollar hat sich am 25. Mai offiziell für das Verbot der griechisch-katholischen Kirche vor 70 Jahren und für das den griechisch-katholischen Bürgern in der Folge zugefügte Leid entschuldigt. In seiner Ansprache erklärte Parlamentspräsident Kollar, die griechisch-katholische Kirche sei zwar rehabilitiert und es sei ihr auch ein Teil ihrer Besitztümer rückerstattet worden, sie sei aber „nie gesellschaftlich dergestalt rehabilitiert worden, dass sich Vertreter des Staats für diesen beispiellosen Schritt entschuldigt hätten“. Der griechisch-katholische Erzbischof von Prešov Jan Babjak erwiderte auf Kollars Entschuldigung, eine solche hätte längst erfolgen sollen, „aber besser jetzt als nie“. Nun könne man „dieses Kapitel der Historie schließen“ und müsse es „nicht weiter öffnen“. Anlass für Kollars Entschuldigungsbitte war die Enthüllung einer Gedenktafel für den griechisch-katholischen Bischof Gojdic.
DT/KAP

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