Krakau/Lemberg

Marian Jaworski: Freund und Kardinal in pectore

Am Samstag starb einer der allerengsten Vertrauten Papst Johannes Pauls II. Auch in ihrem philosophischem und theologischem Denken standen sich die beiden Nahe.

Papst Johannes Paul II. und Marian Jaworski
Papst Johannes Paul II. überreicht Marian Jaworski, Erzbischof von Lemberg (Ukraine), das Birett beim Konsistorium am 21. Februar 2001 im Vatikan. Foto: Wolfgang Radtke (KNA)

Das andere Leben, „das Leben nach dem Tod, der Himmel, bedeutet vollkommene Teilnahme am Leben der heiligen Trinität nach dem Vorbild Jesu Christi“, sagte Marian Jaworski in einem Vortrag, den er 1992 auf der „Internationalen Theologischen Sommerakademie“ im oberösterreichischen Aigen hielt. Und weiter: „Wenn das ewige Leben auf unserer Erkenntnis des Vaters, des einzigen und wahren Gottes, beruht, und auf der Erkenntnis dessen, den Er zu uns gesandt hat, Jesus Christus, dann beruht die Fülle dieses Lebens auf der Erkenntnis Gottes, so wie er uns selbst erkennt, nämlich auf der unmittelbaren Teilnahme an Seinem Leben.“

Diesen Glauben hat Marian Jaworski zeitlebens verkündet, und in dieser Hoffnung ist er am Samstag in Krakau hochbetagt gestorben. Mit Wanda Poltawska und Tadeusz Styczen zählte er zu den engsten Freunden Papst Johannes Pauls II., der diese Freundschaften auch während seines Pontifikats pflegte. Wojtyla und Jaworski kannten und schätzten einander, seit sie 1949 gemeinsam in St. Florian in Krakau als Seelsorger wirkten. Darum galt der Dekan und ab 1981 Rektor der Päpstlichen Theologischen Akademie in Krakau als überaus einflussreiche Person, lange bevor ihn der polnische Papst 1984 zum Bischof und Apostolischen Administrator für die in Polen liegenden Territorien des römisch-katholischen Erzbistums Lemberg ernannte. Am 16. Januar 1991 – als die Sowjetunion für Papst Johannes Paul II. und seinen Freund längst wahrnehmbar wankte – wurde Jaworski zum römisch-katholischen Erzbischof von Lemberg (ukrainisch: Lviv; polnisch: Lwów) ernannt.

Einflussreicher Intellektueller mit polnisch-ukrainischen Wurzeln

Das war nicht nur, aber doch auch eine biografische Hommage, denn Marian Jaworski kam am 21. August 1926 in der westukrainischen Stadt, die damals – nach dem Zusammenbruch der Habsburger-Monarchie – zu Polen gehörte, zur Welt. Kirchenpolitisch war die Ernennung nicht unheikel, brachen sich doch im Westen der Ukraine mit dem Zerfall der Sowjetunion alte polnisch-ukrainische Animositäten wieder Bahn. Zwar hatten die bis 1989 von den Kommunisten verbotenen und verfolgten unierten Katholiken des byzantinischen Ritus in dieser Region häufig bei den „Lateinern“, die ethnisch betrachtet fast gänzlich Polen waren, spirituelle Zuflucht gefunden. Doch mit dem Weg aus dem Untergrund und der neuen Freiheit machte sich die Neigung bemerkbar, das Territorium konfessionell und rituell zu definieren. So waren die Geistlichen der ukrainisch fühlenden, leidgeprüften Katholiken des byzantinischen Ritus und die der polnisch fühlenden Katholiken des lateinischen Ritus nicht immer ein Herz und eine Seele.

"Jaworski neigte einfach nicht dazu, sich selbst in den Vordergrund zu spielen."

Dennoch wurde der Ukraine-Besuch Johannes Pauls II. 2001 ein Triumphzug ohne Schatten, denn die Liebe beider Ritengemeinschaften zu dem titanenhaften Papst, dem beide Seiten – nicht zu Unrecht – für den Sieg des Glaubens über den kommunistischen Drachen Verdienste zuschrieben, überstrahlte alles. Die unierten Ukrainer wussten, dass es der polnische Papst war, der sie dem vatikanischen und weltkirchlichen Vergessen entrissen und mit starker Hand zur Freiheit geführt hatte. Die allgemeine Euphorie, mit der Johannes Paul II. in Lemberg gefeiert wurde, machten den Besuch auch zur Stunde des Marian Jaworski. Er war wenige Monate zuvor, am 21. Februar 2001, offiziell ins Kardinalskollegium aufgenommen worden, nachdem sein päpstlicher Freund ihn genau drei Jahre zuvor „in pectore“ (im Herzen) zum Kardinal erhoben hatte. 2005 war es dann Jaworski, der dem sterbenden Papst die letzte Krankensalbung spendete.

Weniger bekannt ist jenseits des polnischen Sprachraums das theologische und philosophische Denken von Marian Jaworski, den mit Johannes Paul II. auch der metaphysische Ansatz und die christozentrische Anthropologie verbanden. Jaworski neigte einfach nicht dazu, sich selbst in den Vordergrund zu spielen. Weder als Theologe und Philosoph noch als Bischof. Als Papst Benedikt XVI. 2008 den Rücktritt des damals 82-jährigen Erzbischofs von Lemberg annahm, zog sich dieser still und leise wieder nach Krakau zurück. Dort starb er am Samstag, oder, wie er sagen würde: Er schritt zur „neuen, vollkommenen Teilnahme am trinitarischen Leben Gottes“.

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