Bonn

Leitartikel: Bischöfe als Geschichtspolitiker

Das Bischofswort zum Weltkriegsende erinnert an einen Zeitgeist, der nicht nur Geschichtswissenschaft bedient, sondern auch Geschichtspolitik betreiben möchte.

Deutsche Bischöfe zum Ende des 2. Weltkriegs
Der Duktus des Bischofsworts erinnert zumindest in Teilen an einen politischen wie moralischen Zeitgeist der Gegenwart, der nicht nur Geschichtswissenschaft bedient, sondern auch Geschichtspolitik betreiben möchte. Foto: Frank Rumpenhorst (dpa)

Wer schweigt, stimmt zu. Geht es nach dem jüngst erschienen Bischofswort zum 8. Mai, dann macht die Deutsche Bischofskonferenz genau von diesem Sprichwort Gebrauch: „Indem die Bischöfe dem Krieg kein eindeutiges „Nein“ entgegenstellten, sondern die meisten von ihnen den Willen zum Durchhalten stärkten, machten sie sich mitschuldig am Krieg.“ Es handelt sich um die radikalste und deutlichste Passage in dem gesamten Dokument. Dass sie in den Medien so begierig aufgenommen wurde, verwundert angesichts ihrer Griffigkeit nicht.

Handlungen der Bischöfe in historischen Kontext einordnen

Dabei folgt der skandalös empfundenen Erklärung ein ganzes Kapitel, das sich bemüht, die Handlungen der Bischöfe in den historischen Kontext einzuordnen. Patriotischer Zeitgeist und eine gelähmte Bischofskonferenz sind dabei nur zwei Erklärungen. Lobend hervorzuheben ist die Deutlichkeit, mit der auf Stalin als Wegbereiter des Zweiten Weltkrieges verwiesen wird, die Rote Armee demnach kaum als „Befreier“ gelten könne. Es ist der stärkste Teil des Dokuments – schwächelt aber zugleich an jenen Stellen, wo „traditionelle“ Überzeugungen als Übel ausgemacht werden. Dass möglicherweise nicht nur Ideen der Vergangenheit, sondern prinzipiell politische Überzeugungen und Zeitgeist innerhalb der Kirche ein Problem sein könnten – daran scheitert das Bischofswort.

Denn der Duktus erinnert zumindest in Teilen an einen politischen wie moralischen Zeitgeist der Gegenwart, der nicht nur Geschichtswissenschaft bedient, sondern auch Geschichtspolitik betreiben möchte. Daraus entspringen kuriose Details wie etwa die Feststellung, dass die Entspannungspolitik eine Voraussetzung für das „neue Europa“ ab Ende der 1980er war. Kurios deswegen, weil politische Erfolge herausgehoben werden, obwohl der spirituelle Kampf von Papst Johannes Paul II. aus katholischer Perspektive eher zu nennen wäre als der europäische Integrationsprozess mit der Europäischen Union als Erfüllung.

Unterstellung autoritärer Herrschaft in Nachbarländern ist keine Bagatelle

Ähnlich verhält es sich mit dieser Feststellung: „Der alte Ungeist der Entzweiung, des Nationalismus, des „völkischen“ Denkens und autoritärer Herrschaft erhebt vielerorts, auch in Deutschland, sein Haupt, ja er ist in einigen Ländern zur dominierenden Kraft geworden.“ Dieselbe Bischofskonferenz, die wenige Zeilen später zum Mut zur Wahrheit aufruft, bleibt merkwürdig diffus in ihrer Andeutung, welche autoritären Diktaturen in Europa gemeint sein könnten; was eingedenk der Forderung nach Völkerverständigung noch paradoxer erscheint, denn die Unterstellung einer autoritären Herrschaft in Nachbarländern ist keine Bagatelle.

Vielleicht wäre es daher an der Zeit, an Bonifaz VIII. zu erinnern, der das Bonmot der schweigenden Zustimmung ins Leben gerufen hat. Allerdings hieß die Aussage im Original: „Wer schweigt, scheint zuzustimmen.“ Das ist ein kleiner, aber gewichtiger Unterschied. Pius XII. hat im Geheimen mehr Menschenleben retten können, weil er keinen offenen Schlagabtausch riskierte. Ebenso haben viele Hirten ihre Lämmer vor Gefahren bewahrt, weil sie nicht in den offenen Widerstand gingen. Diese maßvolle Abwägung entspricht thomistischer Vernunft. Vermutlich handelt es sich aber dabei auch um eine „traditionelle Lehre“, die unter den Hammer des aktuellen Zeitgeistes käme.

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