Vatikanstadt

Kommentar: Ratzingers Verdienst

Das Vademecum der Glaubenskongregation macht die Kirche zur einzigen internationalen Institution, die sich ein genau definiertes Verfahren für die Verfolgung aller Missbrauchsverbrechen gegeben hat.

Papst Franziskus
Alle Wege führen bei Missbrauch immer über Rom: Der Vatikan hat einen neuen Leitfaden zum Umgang mit Missbrauchsfällen verabschiedet. Foto: Alessandra Tarantino (AP)

Haarklein dröselt das von der Glaubenskongregation vor einer Woche in sieben Sprachen verbreitete Vademecum auf, wie die katholische Kirche auf den Verdacht eines von einem Kleriker begangenen Missbrauchsvergehens reagiert, welche Schritte einzuleiten sind, wie der Fall gemeldet, untersucht und wenn nötig in einem Verfahren geklärt wird. Der sorgsame Umgang mit den Opfern kommt genauso zur Sprache wie die Optionen für den Täter, die zum Beispiel in der Entlassung aus dem Klerikerstand bestehen können. Dieser Leitfaden ist Frucht des Missbrauchs-Gipfels im Vatikan im Februar 2019.

Alle Fällen sollen zu gerechtem Urteilsspruch führen

Hauptbezugspunkt sind die Normen des Motu proprio „Sacramentorum sanctitatis tutela“ von 2001, mit dem die Glaubenskongregation die Zuständigkeit für diese Straftaten erhielt, allerdings in der überarbeiteten Fassung von 2010, und das Schreiben „Vos estis lux mundis“ von Papst Franziskus vom Mai 2019, das ebenfalls ein Ergebnis des vatikanischen Spitzentreffens war. Das Ziel: Bis in die letzten Winkel der Kirche, bis in die jungen Ortskirchen Afrikas oder die entlegensten Andentäler hinein soll jeder Verantwortliche der Kirche genau wissen, nicht nur, was bei einem Verdachtsfall sofort zu unternehmen ist, sondern welche Wege – und die führen bei Missbrauch immer über Rom – zu beschreiten sind, damit ein Fall zu einem gerechten Urteilsspruch führt und nicht irgendwo versandet.

Die katholische Kirche ist damit die einzige internationale und weitverzweigte Institution, die sich ein genau definiertes Verfahren für die Verfolgung aller Missbrauchsverbrechen gegeben hat. Zwanzig Jahre hat das jetzt gedauert. Es begann damals mit der Skandalwelle in der Kirche der Vereinigten Staaten. Der entscheidende Motor, der diese Entwicklung eingeleitet und weiter hartnäckigst vorangetrieben hat, war Kardinal Joseph Ratzinger, zunächst als Glaubenspräfekt, dann als Papst. Ein bleibender Verdienst.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier .