Warschau

Kommentar: Polens Kirche kommt im säkularen Zeitalter an

Nur noch ein gutes Drittel der Polen haben 2019 Sonntagsgottesdienste besucht. So traditionsbewusst polnische Katholiken auch sind - man wird nicht umhin kommen, die Spielregeln des säkularen Zeitalters zu akzeptieren.

Kirche in Polen
Blick auf eine Kirche im polnischen Karpacz: Schaut man sich die Zahlen an, die das kirchliche Statistik-Institut Polens vor wenigen Tagen veröffentlicht hat, so erkennt man einen rückläufigen Trend der Messbesucher in Polen. Foto: Imago Images

Charles Taylor sah es schon 2007. In seinem Buch „Ein säkulares Zeitalter“ prognostizierte der kanadische Philosoph auch für ein traditionell katholisches Land wie Polen ein Auseinanderfallen von Zivilgesellschaft und Kirche, nationaler Identität und Glaubenspraxis. Vergleichbar zu dem, was in den westlichen Gesellschaften seit den 1960er Jahren zu beobachten ist. Die Dynamik der Postmoderne oder – wie Taylor es angelehnt an den französischen Soziologen Émile Durkheim formulierte – der „Neo-Durkheimschen Periode“ führten zu einer solchen Entwicklung des verstärkten Individualismus, einem dezidierten Abstand zu religiösen Institutionen.

Mit Mitleid lässt sich der Untergang nicht aufhalten

Schaut man sich die Zahlen an, die das kirchliche Statistik-Institut Polens vor wenigen Tagen veröffentlicht hat, so gibt der Trend Taylor Recht: Auf 36, 9 Prozent ist die Zahl der sonntäglichen Gottesdienstbesucher des Landes im Jahr 2019 geschmolzen. Das Lockdown-Jahr 2020 gar nicht mitgerechnet. Ein Rückgang von 1, 3 Prozentpunkten gegenüber dem Jahr 2018. Zahlen und Trends, die im europäischen Vergleich immer noch akzeptabel wirken, bei denen den Verantwortlichen der Kirche Polens dennoch die Ohren klingeln müssten; die sind angesichts der Missbrauchsskandale und aktueller anti-kirchlicher Proteste aber sowieso schon eingeschaltet. Auf dem internationalen Twitter-Account der Polnischen Bischofskonferenz (ChurchInPoland) häufen sich anstelle von Bewunderungs- und Dank-Kommentaren die Attacken oder Solidaritätsbekundungen. Doch mit Mitleid – das zeigt das Beispiel Irland – lässt sich ein volkskirchlicher Untergang nicht aufhalten. Man wird in Polen nicht umhinkommen, die Spielregeln des säkularen Zeitalters zu akzeptieren. So traditionsbewusst polnische Katholiken auch sind.

Unterm Strich heißt das: Nicht die Zahlen zählen, sondern die Qualität. Katholik wird man nicht länger durch die Geburt, sondern, wenn man es sein will.

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