Köln

Kirchenaustritte in Köln: Statistik statt Spekulation

Warum die Austrittszahlen im Erzbistum Köln keinen Anlass für erregte Debatten bieten.

Kölner Kirchenaustritte
Wie eine Umfrage dieser Zeitung belegt, sind die Kirchenaustritte im Bereich des Erzbistums Köln im Januar 2021 im Vergleich zum selben Monat des Vorjahrs nicht gestiegen. Foto: Rolf Vennenbernd (dpa)

Die Entscheidung der deutschen Bischofskonferenz, die Kirchenaustrittszahlen der einzelnen Bistümer prinzipiell gemeinsam im Sommer zu veröffentlichen, beruht zweifellos auf edelsten Absichten. Statt eines Trommelfeuers aus regional zeitversetzten Einzelmeldungen schafft man auf diese Weise keine publizistischen Anreize für die Schwankenden in der notorisch fluchtbereiten Herde. Zudem kultiviert der Bürger im Juli eher seine Ferienfreude als die Kunst der Debatte über Misstände bei Kirchens. Der Einheitstermin soll eine Hilfe für die Bistumsleitungen sein und das unerquickliche Thema Kirchenaustritt jedem Versuch der Dramatisierung entziehen. Diese Strategie greift allerdings nur mit Einschränkung, denn sie beruht auf  der Prämisse, Medien belegten Behauptungen über Kirchenaustritte selbstverständlich mit recherchierten Daten.

Viele Schlagzeilen, wenig belastbare Zahlen

Allerdings beweist die hysterische Debatte um die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen im Erzbistum Köln, dass auch das Gegenteil eintreten kann. Die Fülle der Schlagzeilen paart sich hier nicht mit belastbaren Zahlen, sondern mit Spekulationen. Zum Auftakt der Frühjahrsvollversammlung der deutschen Bischöfe am Dienstag hakte der Vorsitzende, angesprochen auf die "Scharen" von Menschen, die in Köln aus der Kirche austräten, nicht nach, ob an der These etwas dran sei. Bischof Georg Bätzing griff das Stichwort auf und sorgte sich um die "Haftungsgemeinschaft" Kirche.

Wie eine Umfrage dieser Zeitung belegt, sind die Kirchenaustritte im Bereich des Erzbistums Köln im Januar 2021 im Vergleich zum selben Monat des Vorjahrs aber nicht gestiegen. Bei einigen Amtsgerichten, darunter Köln und Düsseldorf, gab es coronabedingte Verzögerungen bei der Abwicklung der Anträge auf Terminbasis, so dass Antragsteller auf einen späteren Zeitpunkt verwiesen werden mussten. Den Angaben des Amtsgerichts Siegburg zufolge war im Januar keine signifikante Zunahme der Terminwünsche feststellbar. Aus den Angaben geht hervor, dass die Kirchenaustritte im Amtsgerichtsbezirk Köln im Januar 2021 im Vergleich zum Vorjahr gesunken sind: Während im Januar 2020 1103 Christen sowohl der katholischen als auch der evangelischen Kirche den Rücken zukehrten, sind im Januar 2021 756 Personen beider Konfessionen aus der Kirche ausgetreten. Eine differenzierte Betrachtung der einzelnen Konfessionen liegt zum Stadtgebiet Köln nicht vor.

Versachlichung der Debatte geboten

Eine Aufschlüsselung der Zahlen der auf dem Territorium des Erzbistums zuständigen Amtsgerichte veranschaulicht, dass von insgesamt 24 Amtsgerichten lediglich drei einen Anstieg der Austritte aus der katholischen Kirche im Januar 2021 im Vergleich zum Vorjahr verzeichneten. 16 Gerichte registrierten im Januar weniger Austritte aus der katholischen Kirche als im Vorjahr. In Düsseldorf traten Januar 2020 111 Katholiken aus der katholischen Kirche aus, im ersten Monat dieses Jahres 77. In der evangelischen Kirche waren es Januar 2020 59 Protestanten weniger, dieses Jahr im Januar 35. Der Amtsbezirk Mettmann verzeichnete in diesem Jahr insgesamt 70 Kirchenaustritte (2020: 78), wobei trotz der coronabedingten Einschränkungen alle Anfragen bearbeitet wurden.

Eine Versachlichung der Debatte ist aufgrund der Betriebstemperatur in der Kirche weniger Kür als Pflicht. Angesichts der radikalen Bestrebungen des Synodalen Wegs, die verstärkte Aufmerksamkeit aller Gläubigen verlangen verbietet sich eine Vernebelungstaktik, die durch Maximen wie "Köln überlagert alles" (Bischof Peter Kohlgraf) begünstigt wird. Während der Synodale Weg offenbar schleichend in einen apostatischen Trampelpfad mündet, starrt die Öffentlichkeit gebannt auf den Fall Köln. Doch bleibt das Geschehen am Rhein nur ein Nebenschauplatz des Dramas Deutschland. Entscheidender ist, ob die vom Synodalen Weg befürwortete durchgängige Orientierung der kirchlichen Verfassung an den Verfassungen neuzeitlich demokratischer Gesellschaften beschlussfähig wird. Das wäre der Schritt vom latent vorhandenen Bruch ins offene Schisma.

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