Sprache

Keine Floskel lobt den Herrn 

Vom Verlust der Ritenkompetenz führt die Sackgasse unweigerlich in die Sprachwüste des Kirchenjargons. 

Der Stuhlkreis: Inbegriff binnenkirchlicher Kommunikationsformate.
Der Stuhlkreis: Inbegriff binnenkirchlicher Kommunikationsformate. Foto: Scout via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Wenn Otto Walkes  „Theo, wir fahrn nach Lodz“ singt und daran die abgedroschene Phrase anschließt „Was wollen uns diese Worte sagen?“ bleibt auch 40 Jahre nach Erfindung dieses Sketches kein Auge trocken. Warum das nach so langer Zeit immer noch funktioniert? Weil die Sprache der Kirche, jener inzwischen hermetische, zuverlässig komatisierende Jargon vielfach zu einer Realsatire geworden ist. Woher kommt der Kirchenjargon, warum verwenden wir ihn und wie steht es um die Sprache der Kirche, waren einige der Fragen, die bei der Vorstellung des neuen Buches mit dem sprechenden Titel „Phrase unser“ von Jan Feddersen und Philipp Gessler in der Katholischen Akademie in Berlin gestellt wurden. Bei diesem Thema erwartet man eine mit spitzer Feder nicht ohne Bosheit formulierte scharfe Analyse. Letztere enthält das Buch tatsächlich, aber die Autoren haben eine überraschend verständnisvolle, warmherzige Grundhaltung gegenüber der Kirche und ihrem Sprachverhalten, mit dem sich deren Vertreter zunehmend selbst im Weg stehen. 

Otto Waalkes - "Theo wir fahrn nach Lodz"

 

Analyse und Interviews

Ihr Buch bietet neben einer Analyse der Sprachsituation Interviews mit 16 Fachleuten, darunter der Theologe und Dichter Christian Lehnert, der Dogmatiker Michael Seewald, der Poet Fulbert Steffensky oder die Theologin und Journalistin Christiane Florin. Sie alle nehmen Stellung zu der Frage nach dem Warum. Denn dass der Kirchensprech mit seinen in einem dem Buch beigegebenen Glossar enthaltenen Floskeln nicht mehr ankommt, ist offenkundig. 

Aber warum sprechen Sätze wie „wir müssen die Menschen dort abholen wo sie stehen, achtsam sein, akzeptieren und anerkennen, was ist, stets einen neuen Anfang machen, Anfeindung aushalten, das Evangelium als Angebot begreifen, Anliegen annehmen, Antworten geben, Aufmerksamkeit schenken“ niemanden mehr an? Weil sie, da waren Autoren, Veranstalter und Besucher der Zoomtagung sich einig, nicht authentisch sind, was ein weiteres Wort auf der reichhaltigen Liste des Kirchenjargons ist. Tatsächlich geben, dies ist eines der Ergebnisse der Nachfragen der Autoren, viele Priester und andere Hauptamtliche zu, immer dann verstärkt in den Kirchensprech zu verfallen, wenn sie schlecht vorbereitet sind und eigentlich nichts zu sagen haben. Dies tun sie dann meist sehr ausführlich und ebenso langatmig, weshalb ihre Rede dann auch bei kaum einem mehr ankommt. 

Verkündigung wird zur Phrase

Dass die Verkündigung vielfach zur Phrase wurde, hat tiefere Gründe. Es liegt zum einen am grundlegenden Verlust der Ritenkompetenz, der sich in den vergangenen Jahrzehnten so stark ausgeweitet hat, dass auch viele für die Liturgie Verantwortliche kaum noch wissen, was sie da eigentlich tun und warum. Zugleich hat die massive Zunahme an Floskeln im Kirchensprech damit zu tun, dass sich nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil der Schwerpunkt von der Feier der Liturgie zunehmend auf den sozialpädagogischen Bereich verlegte. Und in dem sind eben jene Sprechblasen en vogue, die man heute vom Kirchentag bis zur Synodalversammlungsrede überall vorträgt, obwohl sie eigentlich niemand mehr hören kann. 

Kirchenjargon

Ein Grundsatz des Kirchenjargons ist die Vermeidung von klaren Aussagen, vor allem solchen mit Forderungen oder Erinnerungen an die Notwendigkeit der Einhaltung von Geboten. Denn was wäre, wenn wir bei den Ausgegrenzten damit nicht ankämen, sie es nicht annehmen und wir sie daher nicht abholen könnten, wo sie stehen? Ja, was wäre dann? Wäre das ein so großer Verlust? Zahlenmäßig schon. Und damit wären wir bei zweien der heute geltenden Grundsätze. Die Leute müssen zufrieden sein und die Zahlen müssen stimmen. Aber wenn bei Priestern der Puls steigt, wenn bei der Kirchenbesucherzählung die Quote nicht stimmt, sich aber nichts rührt, wenn keiner mehr zur Beichte kommt, sind die Maßstäbe erkennbar verrutscht. 

Die These der Autoren Jan Feddersen und Philipp Gessler ist, dass die Krise der Kirche ihre Wurzeln auch in der Sprache hat, die niemanden vergraulen, verschrecken oder verärgern will. Kirchensprech ist Zeichen von Feigheit und, wie Christian Florin konstatiert, ein Ergebnis dessen, dass die Kirche ständig nach Lob und Bestätigung verlangt. Der christliche Glaube, so Philipp Gessler, wird als Wellnesskur verkauft. Zugleich sind in den Schaukästen der Kirchen, wie Feddersen pointiert formuliert, Bilder zu sehen, in denen über Schafherden Worte von gestern stehen. 

Vom Glauben durchtränkt

Ein interessantes Ergebnis der Analyse ist der Gegensatz zwischen deutschem Kirchensprech und der unverdrossen konservativen Sprache der römischen Kirche. In dieser Situation ist ein neuer Aufbruch von Nöten. Die Autoren von „Phrase unser“ verweisen deshalb auf die Psalmen, die Propheten, die biblische Sprache insgesamt. Denn sie ist, wie Gessler sagt, vom Glauben durchtränkt, der dem Kirchensprech so spürbar fehlt. Feddersen verweist außerdem auf Poesie, deren Kraft sich stärker erschließt als peinliche Kopien der Jugendsprache. „Auch alte Sprache wirkt, wenn sie von Herzen kommt.“ Und er fügt hinzu „Wer etwas nicht glaubt, macht zu viele Worte.“ Gessler lud zudem dazu ein, auf das Schweigen, auf Musik, Gesten und Rituale zu vertrauen und fügte hinzu: „Das ist ein Vorteil der katholischen Kirche. Der Ritus bedarf keiner Erklärung, eines Wortnebels, der sich um alles legt.“ Das Fazit des Abends: Die Kirche ist in einer Krise und das liegt auch an ihrer Sprache. 

Flucht in den Jargon

Kirchenvertreter flüchten sich in einen unverständlich gewordenen Jargon, um Unsicherheiten zu verbergen und Eindeutigkeit zu vermeiden. Die Kirche ist insgesamt durch eine Sozialpädagogisierung gekennzeichnet und leidet zugleich unter dem selbstverordneten Duktus der Achtsamkeit. Kirchensprech ist nicht eindeutig, sondern ist uneigentlich, eine im Kern feige Sprache. 

Nötig ist ein neuer Aufbruch in der Kirchensprache, der Menschen nicht unterfordert. Dabei geht es um eine schöne Form, gute Poesie und darum, auf die Botschaft Jesu zu vertrauen.

Der Kirchensprech ist zwar eine Folge der Forderung, dass die Sprache der Kirche verständlich sein soll. Aber er wird nicht mehr verstanden und: „Die sozialpädagogisierende Sprache macht“, wie Akademiedirektor Joachim Hake es auf den Punkt brachte, „die Theologie kaputt.“ Die notwendige Umkehrbewegung liegt daher in einem Fokus auf Liturgie und Anbetung. „Die Rückkehr zur schönen Form kann ein reaktionäres Programm sein“, sagte Feddersen. Aber er verwies zugleich auf Fulbert Steffensky, der beklagte, dass seine Generation zu wenig auf die Schönheit gesetzt, zu wenig nach der Anmut gesucht habe. „Man kann nur etwas glauben, wenn man es schön findet“, sagt Steffensky. 

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