Pamplona

Jakobsweg befindet sich im Ausnahmezustand

Das Heilige Jahr in Santiago wird bis 2022 verlängert. Neben Hürden für Pilger gibt es einen Lichtschimmer der Hoffnung. Alle Augen richten sich auf eine Entspannung der Lage ab Mai.

Pilgerherberge in Pamplona
César Garralda vor seiner Pilgerherberge in Pamplona. Foto: Andreas Drouve

Eigentlich müsste die Vorfreude auf ein Fest des Glaubens steigen, auf internationale Begegnungen und ein Miteinander der weltweiten Pilgergemeinschaft, die auf dem Jakobsweg in den Nordwestwinkel Spaniens nach Santiago de Compostela zieht. Doch die Vorzeichen des Heiligen Jakobusjahres 2021, das gerade begonnen hat, sind geprägt von der anhaltenden Corona-Krise und damit von Skepsis, Verunsicherung, Ungewissheit. Die Pandemie hat auch dafür gesorgt, dass Papst Franziskus das Heilige Jahr überraschend bis inklusive 2022 verlängert hat – dies wurde erst bei der religiösen Zeremonie mit der Öffnung der Heiligen Pforte in der Kathedrale von Santiago de Compostela bekannt gegeben. Damit bekommen Pilger, bekommt der Jakobsweg Zeit zu einer gewissen Erholung.

Ein Desaster

Die derzeitige Lage wertet Enrique Valentín, der Vorsitzende des Netzwerks privater Pilgerherbergen am Jakobsweg, als „desaströs“, sieht aber durch die in Spanien Ende Dezember angelaufenen Impfungen „einen Lichtschimmer“ der Hoffnung. Obgleich er Fälle kennt, bei denen Herbergsbetreiber aufgegeben haben, seien die meisten „optimistisch, um im neuen Jahr von vorn anzufangen und die Pilger, die wir verloren haben, zurückzugewinnen“. So einfach ist das Ganze nicht. Unverändert steht Spanien auf der Liste der Risikogebiete, unverändert gilt auch auf dem Jakobsweg die Maskenpflicht im Freien. Eine Hürde für Pilger aus dem Ausland ist allein die Anreise: Wer mit dem Flugzeug eintrifft, muss unter Androhung eines Bußgelds von 6 000 Euro einen negativen, selbst finanzierten PCR-Test nachweisen. Zudem dauert in Spanien der Alarmzustand bis 9. Mai an, was infektionsbedingte Sperrungen ganzer Regionen möglich macht; der Verlauf des Jakobswegs ist bereits mehrfach unterbrochen worden.

Mit Tränen in den Augen

Was gibt Zuspruch in schweren Zeiten? Ein spiritueller Begleiter für Jakobspilger in Heiligen Jahren – immer dann, wenn der Jakobstag 25. Juli auf einen Sonntag fällt, wie zuletzt 2004 und 2010 – ist der Hirtenbrief des langjährigen Erzbischofs von Santiago de Compostela, Julián Barrio Barrio. Leider war der Geistliche allzu früh allzu fleißig gewesen. Unter der Überschrift des Jahwe-Zitats „Ziehe fort aus deinem Land“ (Genesis 12, 1) hatte er seine Schrift vor der Corona-Krise verfasst. Die veränderten Umstände veranlassten Barrio Barrio, unter dem Titel „Die Hoffnung, nach Santiago zu pilgern“ eine aktuelle Sonderversion zu verbreiten. Darin versucht er sich als Mutgeber und Trostspender, setzt aber gleichwohl voraus, dass sich Aufbrüchler tatsächlich in die Ferne wagen: „Viele von euch, die ihr nach Santiago kommt, werden vielleicht mit Tränen in den Augen wandern. Aber eure Schritte werden fest sein, wissend, dass Christus uns sagt: ,Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben‘ (Johannes 14, 6). Der Apostel Jakobus erwartet euch in diesem Heiligen Jahr, um euren Schmerz zu umarmen und von euch umarmt zu werden.“

Schwere Zeiten

Die Pandemie, so Barrio Barrio weiter, habe unsere „Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit“ bewusster gemacht. Die „durch diese Situation verursachten Leiden“ würden sich für viele „in einen Teil ihres Gepäcks für den Weg“ verwandeln. „Inmitten der Dunkelheit erleuchtet uns das Licht Christi“, heißt es an anderer Stelle, gefolgt vom Appell an die Standfestigkeit in jederlei Hinsicht: „Wir dürfen nicht zulassen, dass unser Geist schwach wird. In diesem Sinne denke ich, dass die Pilgerschaft zu Gott, zu einem selbst und zu den anderen – ausgedrückt in der jakobäischen Pilgerschaft – uns helfen wird, unsere Spiritualität zu stärken.“ In schweren Zeiten unbeirrbar zu glauben, das Ja zu Gott nicht in Zweifel zu ziehen, „sich zu erheben, um den Spuren des Gekreuzigten zu folgen“ – das sind weitere Kernaussagen. Gott sei „wahrhaftig gegenwärtig in jenen, die den Boden, auf den sich ihr Leben gestützt hat, aufreißen sahen“.

Neustart im Heiligen Jahr

In Santiago de Compostela nimmt sich die deutschsprachige Pilgerseelsorge normalerweise von Mitte Mai bis Ende Oktober der Ankömmlinge an. Nach dem coronabedingten Wegfall des Angebots 2020 richtet sich der Blick der Verantwortlichen auf einen Neustart im Heiligen Jahr. „Wir hoffen, dass sich die Situation bis Mai entspannt“, so Martina Hanz vom ehrenamtlichen Betreuerteam. „Wenn es die Vorgaben in Spanien und Deutschland erlauben und die Sicherheit der Freiwilligen im Einsatz gewährleistet ist, werden wir wieder im Einsatz sein.“

Hanz' Kollege Prälat Rudolf Hagmann will möglichst nahtlos dort anknüpfen, wo die Initiative der Diözese Rottenburg-Stuttgart und des Katholischen Auslandssekretariats der Deutschen Bischofskonferenz aufgehört hatte: „Die letzten Jahre haben gezeigt, dass erstaunlich viel ankommende Pilger von unseren Angeboten Gebrauch machen und es sehr schätzen, dass sie in ihrer Muttersprache Gottesdienst feiern und das Sakrament der Versöhnung empfangen können. Ebenso finden die Austauschrunden und die spirituelle Führung um die Kathedrale großen Anklang. Dieser Dienst an den Pilgern ist ein Angebot, gerade die geistlich-spirituelle Dimension des Pilgerweges zu erschließen.“

Hoffnungen für das neue Jahr

Die Jakobusgesellschaften in Deutschland, die mit Rat und Tat und der Ausstellung von Pilgerausweisen helfen, befinden sich ebenfalls in einem Schwebezustand zwischen Hoffen und Bangen, Ungewissheit und Anspannung. Heino von Groote, der Vorsitzende des Freundeskreises der Jakobspilger Paderborn, wagt eine durchaus optimistische Prognose zum Heiligen Jakobusjahr: „Wir gehen davon aus, dass sich viele Pilger auf den Weg machen. Zu Jahresanfang gehen die wenig Ängstlichen, die sich erhoffen, ziemlich allein unterwegs zu sein. Sie spekulieren auf die Öffnung der privaten Herbergen und nehmen die Maskenpflicht in Kauf. Mit dem Beginn der Impfungen werden es mehr Pilger werden; auch die öffentlichen und später auch die kirchlichen Herbergen werden wieder öffnen. Zunächst werden diese, wie die privaten, im Corona-Modus laufen. Das bedeutet: maximal halbe Bettenzahl, viele Abstände, eingeschränktes Leistungsspektrum. Mit sinkenden Inzidenzwerten werden die Einschränkungen langsam aufgehoben.“ Auch der Paderborner Freundeskreis plant, die von ihm unterhaltene Pilgerherberge in der spanischen Partnerstadt Pamplona im Frühjahr wieder zu öffnen. „Die Freiwilligen stehen schon bereit und würden sich auf ihren Einsatz freuen“, so von Groote.

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