Lyon

Freispruch für Kardinal Barbarin

Kardinal Philippe Barbarin ist freigesprochen worden. Barbarin war wegen Nichtanzeige des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger in seinem Bistum angeklagt worden. Der Fall hat die Kirche Frankreichs in einen Zustand der Lähmung versetzt.

Prozess gegen Erzbischof von Lyon
Der Erzbischof von Lyon, Philippe Barbarin, sitzt zu Beginn des Prozesses gegen ihn im Januar 2019 vor Gericht. Am 14. April 2021 wurde Kardinal Philippe Barbarin vom Vorwurf der Nichtanzeige eines Missbrauchsvergehens freigesprochen. Foto: Laurent Cipriani (AP)

Mit einem wichtigen Urteil vom 14. April 2021 hat der französische Kassationsgerichtshof – das höchste Gericht der ordentlichen Gerichtsbarkeit in Frankreich – einen Schlussstrich unter die Preynat-Barbarin-Affäre gezogen, die die Medienszene mehrere Jahre lang beschäftigt und die Kirche Frankreichs in einen Zustand der Lähmung versetzt hat, von dem sie sich noch nicht erholt hat. Kardinal Philippe Barbarin wurde vom Vorwurf der Nichtanzeige eines Missbrauchsvergehens freigesprochen.

Preynat zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt

Das Zurückdenken an diese Affäre erfordert zunächst eine Vorstellung der Protagonisten und dann eine kurze Beschreibung des juristischen Kontexts, in dem sie steht. Schließlich müssen die medialen und kirchlichen Fragen erwähnt werden, die sie ausgelöst hat. Was die Protagonisten betrifft, so handelt es sich bei Ersterem um Bernard Preynat, der 1945 geboren und 1971 zum Priester geweiht wurde. 1972 hatte man ihn zum Kaplan einer Gemeinde in Lyon ernannt, wo er eine sehr aktive Pfadfindergruppe ins Leben rief. Im Rahmen dieser Gruppe machte er sich zwischen den Jahren 1972 und 1991 mehrfacher sexueller Vergehen gegen Minderjährige schuldig. Für jene Taten, die nicht verjährt waren, wurde Bernard Preynat am 16. März 2020 zu einer Strafe von fünf Jahren Gefängnis ohne Bewährung verurteilt, jedoch aufgrund schwerwiegender gesundheitlicher Probleme nicht inhaftiert.

Der zweite Protagonist ist Philippe Barbarin, der seit 2002 Erzbischof von Lyon („Primas von Gallien“) war und 2003 zum Kardinal ernannt wurde. Obwohl er um das Jahr 2007 über gewisse frühere Machenschaften Bernard Preynats informiert war, hat er diesem dennoch die Verantwortung für seine Gemeinde nicht entzogen und ihm 2011 sogar ein Dekanat sowie die Aufgabe der Organisation einer Partnerschaft mit dem Libanon anvertraut.

Klage gegen Barbarin wegen Nichtanzeige sexueller Vergehen

Der dritte Protagonist ist ein Kollektiv: die Gesamtheit der Opfer von Bernard Preynat. Sie haben vom Kardinal erwirkt, dass er Bernard Preynat 2015 alle seine Verantwortlichkeiten entzogen hat, sie haben die Angelegenheit vor Gericht gebracht, und sie haben schließlich – vor allem über die Vereinigung „La parole liberée“ [„Das befreite Wort“] – vor einem sprachlosen Frankreich die Schwere der erlittenen Traumata artikulieren können.

Wie sieht der juristische Kontext der Affäre aus? Im Laufe der Jahre 2015 bis 2017 haben mehrere Opfer Preynats nicht nur gegen diesen Klage eingereicht, sondern auch gegen Kardinal Barbarin – wegen „Nichtanzeige sexueller Vergehen gegen Minderjährige“, einer Straftat nach Artikel 434-3 des Strafgesetzbuchs. Zur Stütze dieser Klage haben die Opfer angeführt, sie hätten dem Erzbischof 2014 die erlittenen Gewalttaten angezeigt, dieser habe jedoch die Justiz nicht informiert, obwohl er gesetzlich dazu verpflichtet gewesen sei.

Kardinal zuerst zu Gefängnisstrafe verurteilt, dann freigesprochen

Der Ausgang des Kardinal Barbarin betreffenden Verfahrens erforderte von den Richtern die Beantwortung einer Grundsatzfrage: War angesichts der Tatsache, dass die Opfer Preynats zu dem Zeitpunkt, an dem der Erzbischof von Lyon Kenntnis von den sexuellen Missbrauchsvergehen erhalten hatte, mittlerweile volljährig geworden waren, der Tatbestand der Nichtanzeige gegeben? Die Rechtsprechung – etwas entschieden Menschliches – fiel in den verschiedenen Verfahrensstufen anders aus, da diese Frage in erster Instanz bejaht – und der Kardinal zu sechs Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt – und in der Berufung verneint – und der Kardinal freigesprochen – wurde.

Letztere Stellungnahme ist nun durch den Kassationsgerichtshof in seinem Urteil vom 14. April 2021 bestätigt worden, in der Erwägung, dass dem Kardinal die Straftat der Nichtanzeige nicht zum Vorwurf gemacht werden könne, da die Opfer zu dem Zeitpunkt, zu dem die Fälle sexuellen Missbrauchs zu seiner Kenntnis gelangten, mittlerweile volljährig geworden und somit selbst in der Lage waren, diese anzuzeigen. Es bleiben die medialen und vor allem die kirchlichen Fragen der Preynat-Barbarin -Affäre, die zweifellos am wichtigsten sind.

Parallele zu Woelki

Zunächst hat der Kardinal mehrere Jahre lang wohl eher vor dem Tribunal der Presse als vor dem der Richter erscheinen müssen. In diesem Gerichtssaal, in dem das Recht auf Verteidigung nicht existiert, drängten sich zu Staatsanwälten mutierte Journalisten, vor allem diejenigen, die zu Zeitungen wie „Le Monde“ und „Libération“ gehörten, welche einstmals keine Bedenken hatten, Pädophilie zu verteidigen. Im Übrigen ist es vielleicht kein Zufall, dass der Medien-Tsunami, der damit endete, dass Kardinal Barbarin sein Amt als Erzbischof von Lyon niederlegte, einen Geistlichen ins Visier genommen hatte, der heftig gegen das Gesetz für die gleichgeschlechtliche Ehe eingetreten war.

Hier lässt sich eine Parallele zu dem Schicksal ziehen, das Kardinal Woelki in Deutschland derzeit bestimmt ist. Er muss seine Vorbehalte hinsichtlich des laufenden Synodalen Wegs teuer bezahlen, da er Zielscheibe einer Pressekampagne von unerhörter und unfairer Heftigkeit geworden ist, die zu weiten Teilen von progressistischen Kreisen der deutschen Kirche genährt wird.

Mehrere Bischöfe ließen Preynat im Amt

Schließlich hat die Preynat-Barbarin-Affäre ein grelles Licht darauf geworfen, welche Funktionsstörungen in der Handhabung von Vorfällen sexuellen Missbrauchs durch Geistliche in der französischen Kirche herrscht. In dieser Hinsicht hat sich das Dossier über Preynat als echtes „Schulbeispiel“ erwiesen, da die aufeinanderfolgenden Erzbischöfe von Lyon, wenngleich sie über die Untaten des Betroffenen informiert waren, ihn alle unter dem Vorwand, der Priester sei seit 1991 nicht mehr rückfällig geworden, in seinen Ämtern belassen haben.

Einige der Gründe, die den Ursprung für die Untätigkeit der katholischen Hierarchie bilden, sind heute wohl bekannt: ein Klima der Toleranz gegenüber Pädophilie, das seit Mai 1968 die französische Gesellschaft durchzieht und gewisse Ränder der Kirche Frankreichs kontaminiert hat; Unkenntnis, was die Schwere der durch sexuellen Missbrauch verursachten Traumata betrifft; der Wunsch, das Image der Kirche zu schützen sowie anhaltende strukturelle Schwächen im kirchlichen Strafrecht.

Preynat selbst Opfer sexuellen Missbrauchs 

Was letzteren Punkt betrifft: Obwohl der kanonische Rechtskodex sämtliche angemessene Verfügungen enthält, musste man auf Dezember 2016 warten, bis der kirchenrechtliche Prozess gegen Preynat eröffnet wurde und auf den 5. Juli 2019, bis er aus dem Klerikerstand entlassen wurde. Die Unfähigkeit der Kirche, in dieser sexuellen Missbrauchskrise – unter dem Vorwand einer irrigen Auffassung von Barmherzigkeit – Gerechtigkeit, „ihre“ Gerechtigkeit, widerfahren zu lassen, ist ebenfalls eine der wichtigen Lektionen, die aus der Preynat-Barbarin-Affäre zu ziehen sind.

Von dieser Affäre werden mehrere Bilder hängen bleiben: das der Opfer, die Jahrzehnte nach den Vorfällen unter der Last ihrer Traumata leiden; das eines abgesetzten Erzbischofs, einer ehemaligen Galionsfigur der französischen Bischöfe, der heute einfacher Kaplan einer kleinen, alternden Gemeinschaft von Ordensfrauen in der hintersten Bretagne ist; das eines seines Amtes enthobenen Priesters, der selbst während seiner Kindheit Opfer sexuellen Missbrauchs gewesen ist und der vor dem Gericht die schwerwiegenden Worte vorgebracht hat: „Mein Leben war eine Tragödie, für mich, für meine Opfer, für die Kirche und für die Gesellschaft.“

Übersetzung aus dem Französischen von Claudia Reimüller

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Hier kostenlos erhalten!