Köln

Es kommt Bewegung in den Fall Köln 

Eine Visitation im Erzbistum Köln. Diese vom Vatikan angeordnete Apostolische Visitation beflügelt die Erwartungen im Erzbistum. Die Situation soll genau untersucht werden.

Protestaktion Rote Karte
Demonstranten warten am 27. Mai 2021 auf die Ankunft von Kardinal Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln, vor der Kirche Sankt Maria vom Frieden in Düsseldorf. Sie halten rote Plakate empor und wollen dem Erzbischof symbolisch die Rote Karte zeigen. Foto: Julia Steinbrecht (KNA)

Nach der Veröffentlichung des Gercke-Gutachtens schien Ruhe im Erzbistum Köln einzukehren. Erste Entscheidungen wurden veröffentlicht und ein Weg aufgezeigt, wie man in Zukunft Missbrauchsstraftaten vermeiden und zielstrebig Aufklärung im Hinblick auf vergangene Zeiten betreiben wolle. 

 Diese Ruhe hielt jedoch nicht lange an. In den Medien rückte immer wieder das Verhalten von Kardinal Rainer Maria Woelki im Umgang mit Missbrauchsbeschuldigten in den Mittelpunkt. Dabei verschärfte sich der Ton in der Auseinandersetzung. Auch der Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum Köln erneuerte seine Kritik an Woelki. In einer Stellungnahme des Laiengremiums hieß es mit Blick auf den Kardinal: "Man kann nicht Pastor sein, ohne die Menschen wirklich lieben, verstehen und einen zu wollen." Der Diözesanrat sei nicht sicher, ob der Erzbischof "uns normale Christinnen und Christen" noch in den Gemeinden haben wolle. Äußerungen wie diese zeigen, es geht im Wesentlichen um Vertrauen

 Apostolische Visitation

Jetzt hat Papst Franziskus gehandelt. Er schickt zwei Visitatoren nach Köln. Kardinal Anders Arborelius aus Schweden und der Rotterdamer Bischof Johannes van den Hende sollen sich in der ersten Junihälfte in der Domstadt ein "umfassendes Bild von der komplexen pastoralen Situation im Erzbistum Köln verschaffen". Dabei sollen sie prüfen, inwieweit Kardinal Rainer Maria Woelki, der Hamburger Erzbischof Stefan Heße und die Kölner Weihbischöfe Dominikus Schwaderlapp und Ansgar Puff Fehler im Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs unterlaufen sind. Die Einsetzung von Visitatoren ist eine besondere Maßnahme und macht deutlich, dass der Vatikan ein ernsthaftes Interesse an der Klärung der Lage hat, bevor von dort aus möglicherweise Personalentscheidungen getroffen werden. 

 Genaue Untersuchung

Hans van den Hende
Hans van den Hende, Bischof von Rotterdam, kommt als Visitator nach Köln. Foto: Patrick Post (KNA)

Apostolische Visitatoren werden vom Papst beauftragt, um innerkirchlichen Konflikten, Rechtsverstößen, fundamentalen theologischen Streitigkeiten oder Finanzskandalen in einem Bistum oder in einer Ordensgemeinschaft nachzuspüren. Sie klären den Sachverhalt auf, bewerten ihn und geben den Papst im Anschluss mögliche Handlungsempfehlungen. Der Einsatz der Visitatoren beinhaltet keine vorläufige Amtsenthebung eines Bischofs. Die letzte Visitation in Deutschland beauftragte die vatikanische Ordenskongregation im Juli 2020. Hier ging es um die Spannungen unter den Mönchen der Abtei Maria Laach. Nach Angaben des Vatikans keine förmliche Visitation, aber ein sehr genaues Hinschauen mit deutlich wahrnehmbaren Folgen gab es im Hinblick auf die Kontroversen um das Finanzgebaren des früheren Limburger Bischofs Tebartz-van Elst. Im September 2013 schickte der Heilige Vater Kurienkardinal Giovanni Lajolo in das Bistum. Kurze Zeit später wurde ein Diözesanadministrator eingesetzt und der Bischof reichte seinen Rücktritt ein. 

Kardinal Anders Arborelius
Kardinal Anders Arborelius ist ebenfalls Visitator in Köln. Foto: Giuseppe Ciccia (imago stock&people)

 Nach Bekanntwerden der angeordneten Visitation zeigte sich der Kölner Erzbischof erfreut über den Besuch aus Rom, den er als Unterstützung sieht. Ihm werde zunehmend mehr bewusst, was die Aufarbeitung von Schuld auslösen, und wie sich die Perspektiven verändern könnten. Woelki bedauerte, dass, obgleich man noch am Anfang der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs stehe, Gräben entstanden seien, die scheinbar immer tiefer würden. Er beklagte ein "Gift der Polarisierung" und ein Gegeneinander, das Christen überwinden müssten. 

 Wichtiger Dialog

In der Auseinandersetzung scheint es tatsächlich längst nicht mehr allein um die Aufklärung der Missbrauchsstraftaten im Erzbistum Köln zu gehen. Vielmehr rückt zunehmend die Frage in den Mittelpunkt, ob der Kölner Erzbischof die Gläubigen in seinem Bistum noch erreicht. Dabei wird der erforderliche und von Woelki auch angebotene Dialog durch plakative Aktionen nicht erleichtert. Als er in der vergangenen Woche die Düsseldorfer Pfarrgemeinde St. Margaretha besuchte, und sich dort der Diskussion stellen wollte, hielten ihm bereits beim Aussteigen aus seinem Wagen 80 bis 100 Personen aus der Gemeinde, die ein Spalier gebildet hatten, rote Karten entgegen. In einem Gemeindeteil der Pfarrei, war Woelki Anfang der 1980er als Praktikant und Diakon im Rahmen seiner Ausbildung zwei Jahre lang tätig. Der damalige Pfarrer wird des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Woelki wird vorgeworfen, als Bischof in diesem Fall nicht den kirchlichen Vorgaben entsprechend gehandelt zu haben. Für den heutigen Pfarrer von Sankt Margaretha, Oliver Boss, war es dennoch wichtig, dass der Dialog zwischen Kardinal und Gemeinde aufgenommen wurde. "Die Stimmung war von Offenheit, Ehrlichkeit und Transparenz geprägt", beschreibt er gegenüber domradio.de die Diskussion. Es sei an diesem Abend vieles in Bewegung gekommen. 

 Verbindlich besprechen

Dem Kölner Diözesanrat fehlt trotz aller Aufklärungsbemühungen seitens des Erzbischofs in echter Dialog zwischen den Verantwortlichen des Bistums und der Basis. "Wir laufen derzeit mit unseren Fragen und Anliegen gegen eine Gummiwand", kritisiert der Vorsitzende des Gremiums, Tim-O. Kurzbach. Er fordert, man müsse "die heißen Eisen jetzt gemeinsam mit der Bistumsleitung verbindlich besprechen, sonst wird man das bei den Menschen verloren gegangene Vertrauen nie wieder zurückgewinnen." Die Laienvertreter fordern eine Bistumssynode als Basis für einen neuen Aufbruch, "der auf Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit fußt, sowie ehrliche Geschwisterlichkeit als Handeln des christlichen Glaubens in den Vordergrund stellt". Das zeigt, wie schwierig das Verhältnis zwischen Bischof und Gläubigen derzeit tatsächlich zu sein scheint. Deshalb setzen auch die Kreis- und Stadtdechanten im Erzbistum, die sich zuletzt kritisch über den Umgang mit der Aufklärung der Missbrauchsfälle geäußert hatten und mit denen Woelki in einen Dialog getreten ist, große Hoffnung in den Besuch aus dem Vatikan. Der Wuppertaler Stadtdechant Bruno Kurth betonte gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), es sei eine Chance, dass mit einem unbefangenen Blick von außen auf die Situation des Erzbistums geschaut werde. Die Dechanten würden Woelki weiterhin beratend zur Seite stehen: Das beinhalte Loyalität, aber auch Kritik und das offene, ehrliche Wort. 

 Regens ausgetauscht

Noch bevor die Visitatoren im Erzbistum ihre Arbeit aufgenommen haben, hat der Kardinal noch einmal maßgebliche Personalentscheidungen getroffen. Woelki hat die gesamte Leitung des Bonner Priesterseminars ausgetauscht. Es wird gemutmaßt, dass es dort Konflikte über den internen Betrieb des Albertinums, aber auch Meinungsverschiedenheiten zur Haltung gegenüber dem Kardinal und zum kirchlichen Umgang mit dem Thema Homosexualität gegeben haben soll. Pfarrer Regamy Thillainathan wird zum 1. September der neue Regens des Priesterseminars sowie Direktor des Konvikts. An seiner Seite wird Pfarrer Ralf Neukirchen als Spiritual am Priesterseminar und am Diakoneninstitut die geistliche Begleitung der Kandidaten verantworten. 

Auch die juristische Qualität des Gercke-Gutachtens gerät aktuell wieder in die Diskussion. Drei Juristen bemängeln, dass der Report des Strafrechtsexperten nach ihrer Auffassung "viele Merkmale eines Gefälligkeitsgutachtens" aufweise. Sie weisen darauf hin, dass Gercke die aktuelle Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs zur so genannten strafrechtlichen Geschäftsherrenhaftung nur selektiv bei seinen Auswertungen herangezogen habe. Das mag daran liegen, dass die Rechtsprechung erst ab dem Jahre 2009 eine Verantwortung von Managern, die Kenntnis von Straftaten ihrer Mitarbeiter haben und nicht dagegen vorgehen, festgeschrieben hat. Die Taten müssen dazu einen konkreten Bezug zum Betrieb oder zu betrieblichen Tätigkeit des Mitarbeiters haben. Eine Anwendung dieser Rechtsgrundsätze auf Sachverhalte, die vor diesem Zeitpunkt liegen, dürfte sich daher ohnehin verbieten. 

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