Stockholm

Eine Schwedin in Bayern 

Die spiralige Biografie der Politikerin und Gründerin des Katholischen Frauenbundes in Bayern Ellen Ammann fasziniert bis heute.

Ellen Ammann
Das historische Foto zeigt Ellen Ammann. Sie gründete den Katholischen Frauenbund Bayern. Foto: - (Katholischer Deutscher Frauenbund Landesverband Bayern e. V.)

Wer im 19. Jahrhundert in Schweden geboren wird, ist üblicherweise nicht katholisch. Denn die dortige Staatsbürgerschaft ist automatisch an die Mitgliedschaft in der Staatskirche gekoppelt. Katholiken waren in dem nordischen Land mit der herrlichen Natur zumeist Menschen, die, von außerhalb kommend, ihren Glauben mitgebracht hatten. Deshalb ist es ungewöhnlich, wenn eine Frau wie Lilly Sundström, schwedische Bildungsbürgerin, emanzipierte Frau und Journalistin für das Stockholm Dagblatt, dessen Redaktionsräume sich in demselben Stockholmer Haus befanden wie die Wohnung der Sundströms, zum Katholizismus konvertiert und ihre Kinder in diesem Sinne erzieht. Für die Töchter Ellen Aurora und Harriet wird diese Situation zu einer lebenslangen Prägung, ebenso wie der Sinn für freie Entfaltung, die Frauen in Schweden zu diesem Zeitpunkt schon weit selbstverständlicher zusteht als Männern, und ein eher sprödes Verhalten im emotionalen Austausch. Alle drei Punkte, ihr tiefer Glaube, der die 1870 geborene Ellen eigentlich ins Kloster drängt, ihr Sinn für Freiheit und ihre verhalten geäußerte Emotionalität werden ein Leben lang prägend sein. 

Ausbildung in Heilgymnastik

Eigentlich möchte Ellen Medizin studieren, aber ihr Vater drängt zu einer Ausbildung in schwedischer Heilgymnastik. Ellen fügt sich, ist aber nicht glücklich damit. Ein erster Schritt in eine Richtung, die sich ebenfalls als performativ erweisen wird. Denn die junge Frau wird noch weitere vernunftbezogene Entscheidungen treffen, so wie die, auf den Weg ins Kloster zu verzichten. Als Otto Ammann, ein bayerischer Arzt, der nach Stockholm gekommen ist, um eben jene Heilgymnastik kennenzulernen und dabei als Logiergast von deren Eltern in Ellen die Liebe seines Lebens trifft, kommentiert sie ihre Entscheidung, ihn zu heiraten mit den Worten, sie sei zu der Überzeugung gekommen, ihn zu lieben. Nach einem Gefühl, gewaltig wie Feuersgluten und stark wie der Tod klingt das nicht. 

Und tatsächlich erhält man beim Lesen der Biografie den Eindruck, dass Ellen Ammanns Leben sich eher trotz als wegen ihrer Ehe und der vielen Kinder, die daraus hervorgehen, am Ende für sie als sinnvoll  erweist. 

Eingewöhnung in Bayern

Mit ihrer neuen Heimat Bayern fremdelt die Schwedin aus gutem Grund. Die Eingewöhnung ist nicht nur eine Herausforderung, weil sie aus einer ganz anderen Kultur kommt, sondern auch, weil Nachbarn und Verwandte es ihrem Mann übelnehmen, dass er weit gereist ist, bevor er ausgerechnet mit einer Frau aus dem protestantischen Norden wieder heimkehrt. Und Ellen kämpft noch mit einer weiteren Schwierigkeit. Obwohl ihr Glaube ihr nahelegt, sich ihrem Mann unterzuordnen, widerstrebt ihr dies so sehr, dass sie immer wieder an innere und äußere Grenzen stößt. Dass die Bewältigung der daraus für Ellen und Otto folgenden Krisen gelingt, liegt am einander Entgegenkommen beider. Otto unterstützt die Mitarbeit seiner Frau in seiner Klinik ebenso wie ihre caritativen und sozialen Aktivitäten. Dies betrifft auch und ganz besonders die Gründung des bayerischen Landesverbandes des Katholischen Deutschen Frauenbundes, für den er Reden hält, wirbt und Ellen den Rücken freihält. 

In Adelheid Schmidt-Thomés Biografie entsteht so das Bild nicht nur einer bemerkenswerten Frau, sondern einer Zeit, die uns – obwohl in vielerlei Hinsicht so verschieden von der unseren, uns heute doch wieder ganz nahe ist. Dies gilt besonders für die politische Situation, die Ellen Ammann – als Parlamentsabgeordnete in der Weimarer Republik – aktiv mitgestaltet. In dieser Rolle wird sie zeitweise, für jene Jahre durchaus ungewöhnlich, zur Alleinverdienerin der Familie. Ihr Mann Otto, gesundheitlich angeschlagen, unterstützt dies nicht nur, er ist dankbar für das unermüdliche Engagement. Man spürt aber immer wieder durch, dass die Grundproblematik, die unterschiedlichen Vorstellungen, die beide eigentlich von einem gelingenden Leben haben, bleibt. 

Orientierung am Glauben

Dass Ellen in all diesen Herausforderungen unbeirrt ihren Weg geht, zeigt sich nicht nur in ihrem organisatorischen Talent, das es ihr immer wieder ermöglicht, Zeit für die Dinge zu finden, die ihr persönlich wichtig sind, sondern auch in der konsequent durchgehaltenen Orientierung an ihrem Glauben. Dort, wo ihr Mann einmal ein Veto einlegt, als sie ihn bittet, in den dritten Orden eintreten zu dürfen, tut sie es schließlich ohne sein Wissen doch und erst bei ihrer Bestattung im Ordensgewand wird offenbar, für welche Lebensform ihr Herz am Ende schlug. 

Für heutige Mitglieder des Frauenbundes dürfte es vor allem von Interesse sein, wahrzunehmen, dass dessen Gründerin im Zweifelsfall der Lehre der Kirche den Vorzug gab. Dies gilt nicht nur in der Frage der von Kardinal Faulhaber zwar bedachten, aber am Ende verweigerten Weihe von Diakoninnen, sondern auch für das Verhältnis der Geschlechter. Die Gründung eines katholischen Frauenbundes hatte in ihren Augen gerade das Ziel, Frauen fester in ihrem Glauben zu verankern und nicht, sie effizienter dieser Welt anzugleichen. 

 


Adelheid Schmidt-Thomé: Ellen Ammann. Frauenbewegte Katholikin.
Verlag Friedrich Pustet, 2020, 156 Seiten, ISBN 978-3-7917-3128-5, 
EUR 14,95 

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