Bonn/Köln

"Eine neue Deutung der menschlichen Sexualität"

Der Synodale Weg strebt nach Veränderung der Morallehre.

Synodaler Weg
Beim notwendigen Dialog schien es nicht vorrangig um einen Austausch zwischen Reformwilligen und Anhängern der katholischen Lehre, sondern mit jenen zu gehen, die Sexualität anders leben als die Kirche sie predigt. Foto: Sina Schuldt (dpa)

Polyvalente Sexualität" lautet das erklärte Ziel des Synodalforums "Leben in gelingenden Beziehungen", das im Fokus des ersten "Digital Synodal" stand. Die Veranstaltungsreihe des BDKJ soll an vier Abenden jeweils Einblicke in eines der Synodalforen geben. Vor dem Hintergrund, dass Weihbischof Schwaderlapp dieses Forum aus Gewissengründen verlassen hat, war es ein Abend mit Brisanz. Das Fazit: Trotz der Uneinigkeit im Forum, die auch den Abend kennzeichnete, verfolgen die Reformwilligen hartnäckig ihr Ziel: die lehramtlichen Schranken für Sexualität zu sprengen. 

Meinungen der Reformeifrigen eine Plattform geben

Anders als auf der BDKJ-Website zu lesen ist, handelte es sich beim "Digital Synodal" nicht um eine Diskussion - von der etwa 25-minütigen Gruppenarbeit abgesehen, zu der Journalisten keinen Zugang hatten -, sondern darum, der Meinung der Reformeifrigen durch Forums-Vorsitzende und BDKJ eine Plattform zu geben - was gegen Ende der Veranstaltung im Chat kommentiert wurde: "Warum gibt es kein Plenum? Das wirkt wie ein Vortrag!" Redner waren Birgit Mock, familienpolitische Sprecherin des ZdK, und Helmut Dieser, Bischof von Aachen. 

Statt, wie sie erhofft hatten, viel Bestätigung für ihre Pläne einzuheimsen, bekamen Mock und Dieser Gegenwind von Menschen, die den Glauben selbstverständlich und mit Freude im Sinne der katholischen Lehre leben. Enttäuscht mussten sie feststellen, dass die Meinungen so kontrovers waren wie im Forum, wo Menschen mit "verschiedenen Grundüberzeugungen" säßen, zwischen denen kaum eine Vermittlung möglich sei, so der Bischof. 

Beim notwendigen Dialog, von dem Bischof Dieser und Mock sprachen, schien es nicht vorrangig um einen Austausch zwischen Reformwilligen und Anhängern der katholischen Lehre, sondern mit jenen zu gehen, die Sexualität anders leben als die Kirche sie predigt.  Dennoch ließen es sich traditionsbewusste Denker nicht nehmen, im Chat einzuheizen. "Wenn wir uns dem Zeitgeist anpassen   sind wir dann noch Salz der Erde?" Und: "Hören wir mal lieber, was der Geist uns flüstert." Andere fragten sich, warum die deutsche katholische Kirche nicht mit Rom und der Weltkirche mitgehen wolle. Besonders eindringlich war aber die Einladung, sich mit der Theologie des Leibes zu befassen. 

Theologie des Leibes ohne Anklang auf Synodalem Weg

Diese fand bislang keinen Anklang auf dem Synodalen Weg, haftet ihr ja das unerwünscht Traditionell-Katholische an. Zwar forderte Bischof Dieser, den Dialog mit Andersdenkenden und der Kirche Fernstehenden zu suchen und keine Angst zu haben, über Sexualität zu sprechen. Den Foristen   wie vielen Teilnehmern des Abends   scheint es aber nicht darum zu gehen, besser auf Andersdenkende einzugehen oder neue Formen zu finden, die Sexuallehre zu erklären   letztere soll neu erfunden werden. Da zu wenige die Kirche verstehen würden, brauche es "eine neue Deutung der menschlichen Sexualität", befand Mock und berührte damit die Streitfrage zwischen den Lagern: 

Hat Sexualität zwei Sinngehalte - die Liebe zwischen Mann und Frau und Fruchtbarkeit? Oder ist Sexualität polyvalent? Mock zufolge ist es gut, wenn Menschen sich in der Sexualität etwas Schönes geben könnten, zudem wisse die Psychologie, "dass Sexualität eine starke Identitätsprägung hat". Bischof Dieser beklagte, dass die Kirche "in puncto Sexualmoral nicht auf dem heutigen Stand" sei, was er zu ändern helfen wolle. Zugleich zeigte er sich diplomatisch, als er zu bedenken gab, dass die Kirche nicht auf Knopfdruck alles ändern könne. 

Kirche muss in säkulare Milieus aufbrechen

Dennoch gehe es um Weichenstellungen; die Kirche müsse in säkulare Milieus aufbrechen. Das bedeutet für den Bischof "zuhören und Antworten geben können", aber auch Veränderungen schaffen. Andernfalls wäre der Synodale Weg erfolglos und aus der Kirche werde eine Sekte. Besonders gehe es um die Frage, ob es möglich sei, "Partnerschaften zu segnen, die nicht in eine Ehe münden oder außerhalb der Ehe gelebt werden". Er wäre schon zufrieden,wenn man auf dem Weg dorthin anerkennen würde, "dass es keine Sünde ist, was da gelebt wird, sondern ein Versuch,...Identität zu leben und die Liebe mit einem anderen Menschen zu teilen". Diese Segnung mit Druck duchzusetzen hält der Bischof für schwierig, aber er schließe es auch nicht aus.

Auch Mock misst den Erfolg des Forums an "sichtbaren Zeichen", die die Synodalversammlung verabschieden soll. Es könne nicht sein, dass ein Mensch, der fünfzehn Jahre in der Kirche war, sich entwurzelt fühlt, weil die Kirche seine Neigung nicht akzeptiert. Entsprechend sind die Wegweiser für die künftige Sexualmoral für Mock das persönliche Erleben der Sexualität und der persönliche Zugang zu diesem "existenziellen Thema", denn jeder Mensch habe die gleiche Würde, und die müsse gewürdigt werden. Zudem sei, "was in der Lehre grundgelegt ist, für manche Begründung genug, für viele andere ist es aber keine Begründung mehr".   

Das bot Gesprächsstoff für die Chatter. Während man sich rege austauschte, setzte ein Post auf die Klarheit und Einfachheit Gottes: "Und was, wenn wir einfach wieder das tun, was Jesus gesagt hat?"