Vatikanstadt

Ein Segen, für den die Kirche keine Vollmacht hat

Wie der römische Text zu den Homo-Segnungen kirchenrechtlich einzuordnen ist.

Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz
Für die deutschen Bischöfe ist das Votum aus Rom kein Dokument, das man einfach zu den Akten legen kann. Foto: Armin Weigel (dpa)

Das „Responsum ad dubium der Kongregation für die Glaubenslehre über die Segnung von Verbindungen von Personen des gleichen Geschlechts“ vom 22. Februar 2021 bedeutet für die Praxis die verbindliche Klärung der Möglichkeit wie Zulässigkeit von „Segnungsfeiern“, wie sie mancherorts erwogen, befürwortet oder gar konzeptionell vorbereitet werden. Das vierseitige Dokument (an das noch ein dreiseitiger Kommentar angeschlossen ist) baut auf verschiedenen Lehraussagen der drei letzten Päpste auf und fällt dementsprechend knapp und konzise aus.

Die kirchenpolitischen Aspekte der Frage

Bereits 2016 hatte Papst Franziskus im Apostolischen Schreiben „Amoris laetitia“ explizit die Position der Bischofssynode vom Oktober 2015 übernommen: „Was die Pläne betrifft, die Verbindungen zwischen homosexuellen Personen der Ehe gleichzustellen, gibt es keinerlei Fundament dafür, zwischen den homosexuellen Lebensgemeinschaften und dem Plan Gottes über Ehe und Familie Analogien herzustellen, auch nicht in einem weiteren Sinn.“ (Nr. 251) In diesem Satz war bereits der zentrale Inhalt des am 15. März 2021 veröffentlichten „Responsum ad dubium“ angelegt: Die Kirche hat nicht die Vollmacht, Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts zu segnen. Dementsprechend ist es konsequent, dass Papst Franziskus die Veröffentlichung des Responsum und des angeschlossenen Kommentars ausdrücklich gutgeheißen hat.

Wenngleich beide Texte primär anthropologisch und (sakramenten)theologisch argumentieren, hat die zugrunde liegende Frage auch kirchenrechtliche Aspekte. Diese gilt es hier kurz zu erläutern.

Bei Segnungen, zumal im Kontext der (öffentlichen) Liturgie, handelt es sich um Sakramentalien. Sie sind als „sonstige gottesdienstliche Handlungen“ im geltenden kirchlichen Rechtsbuch geregelt (Canon 1166-1172 CIC/1983). Der Codex knüpft beim Begriff des Sakramentale an die Erkenntnisse der Dogmatik und der Sakramententheologie an und übernimmt wörtlich die Aussage der Liturgie-Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils: „Sakramentalien sind heilige Zeichen, durch die in einer gewissen Nachahmung der Sakramente Wirkungen, besonders geistlicher Art, bezeichnet und kraft der Fürbitte der Kirche erlangt werden.“ (Konstitution „Sacrosanctum concilium“, Nr. 60; can. 1166). Nimmt man die unmittelbar folgende (allerdings nicht in den Codex übernommene) Aussage der Konstitution – „Durch diese Zeichen werden die Menschen bereitet, die eigentliche Wirkung der Sakramente aufzunehmen“ – hinzu, so wird deutlich, dass zwischen Sakramenten und Sakramentalien ein innerer Zusammenhang besteht. Nicht von ungefähr wählte die mittelalterliche Theologie den Begriff des „Sakramentale“ – das „kleine Sakrament“.

Liturgische Handlungen sind keine privaten Handlungen

Anders als das Sakrament wirkt es indes nicht aus seinem Vollzug heraus (ex opere operato), sondern kraft der Fürbitte der Kirche (ex opere operantis Ecclesiae). Die Kirche ihrerseits legt für das (und nur für das) Fürbitte ein, von dessen prinzipieller Übereinstimmung mit dem Plan des Schöpfers sie glaubt. Auch hier gilt der Grundsatz lex orandi, lex credendi (vergleiche Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1124).

Auf diesen theologischen Grundlegungen beruhen die konkreten Bestimmungen des Kirchenrechts, um die Übereinstimmung von Glaubenslehre und Liturgie zu gewährleisten: Liturgische Handlungen sind nicht etwa private Handlungen, sondern Feiern der Kirche selbst und gehen daher den ganzen Leib der Kirche an (Canon 837 § 1 CIC). Dementsprechend kann der amtliche Gottesdienst nur von den im Namen der Kirche rechtmäßig dazu beauftragten Personen und durch von der kirchlichen Autorität gebilligte Handlungen gefeiert werden (Canon 834 § 2 CIC). Bestimmt Canon 838 § 1 CIC noch allgemein die Zuständigkeit der kirchlichen Hierarchie für die Regelung der Liturgie (Apostolischer Stuhl, gegebenenfalls der Diözesanbischof), so legt Canon 1167 § 1 CIC für die Sakramentalien speziell und abschließend fest: Allein der Apostolische Stuhl hat das Recht, neue Sakramentalien einzuführen sowie bestehende verbindlich auszulegen, abzuschaffen oder zu verändern. Andere kirchlichen Instanzen – Bischofskonferenzen, einzelne Diözesen oder gar einzelne Priester (der nach Canon 1169 § 2 CIC primärer Spender einer Segnung ist) – sind demgegenüber nicht zuständig.

Gleiche Wendung wie Johannes Paul II.

In der Sache ist das Responsum der Glaubenskongregation eine Absage des Apostolischen Stuhls an Bestrebungen, Segnungen von Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts einzuführen oder auch nur zu dulden. Darauf deutet schon die rechtstechnische Formulierung des dubium hin, ob die Kirche eine entsprechende „Vollmacht“ habe. Sogleich fällt auf, dass sich die Glaubenskongregation der gleichen Wendung bedient wie der heilige Papst Johannes Paul II. bei seiner lehramtlichen Klarstellung hinsichtlich der Unmöglichkeit der Priesterweihe der Frau (Apostolisches Schreiben „Ordinatio sacerdotalis“ vom 22. Mai 1994). Im einen wie im anderen Fall geht es nicht um eine Frage des Wollens, sondern vielmehr des Könnens.

Interessant ist die Beobachtung, dass nur der deutsche Text in beiden Fällen das Wort „Vollmacht“ benutzt. Die lateinische Fassung des Schreibens von 1994 bedient sich des Begriffs facultas, dem folgen auch die übrigen muttersprachlichen Übersetzungen. In Ermangelung eines lateinischen Originals wird man wohl die italienische Version des Responsum als die maßgebliche ansehen dürfen, und diese setzt den Terminus „potere“ (lateinisch potestas). Bedenkt man, dass in der kirchenrechtlichen Fachterminologie potestas der umfassendere und weitergehende Begriff als facultas ist, führt dies zum Ergebnis, dass die Glaubenskongregation – mit Billigung des Heiligen Vaters – eine letztverbindliche Entscheidung auf die ihr unterbreitete Frage vorgelegt hat.

Dementsprechend betont der angeschlossene Kommentar zum Responsum, dessen Zweck liege darin, „die Weltkirche dabei zu unterstützen, besser den Forderungen des Evangeliums zu entsprechen, Streitigkeiten zu schlichten und eine gesunde Gemeinschaft im heiligen Volk Gottes zu fördern“.

Wer meinte, das Responsum sei ein bloßer Meinungsbeitrag der Glaubenskongregation, der lediglich Lektüre und Diskussion verdiene, um danach unbeachtet zu den Akten gelegt zu werden, wird dem Dokument nicht gerecht.

Der Autor ist Doktor beider Rechte und lehrt Kirchenrecht an der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom.

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