Heiligenkreuz

Die Wahrheit des Menschen im Blick haben

Eine Fachtagung der Hochschule Heiligenkreuz beleuchtet auf höchstem akademischen Niveau das Denken Papst Johannes Pauls II. Ein Weggefährte berichtet.

Papst Johannes Paul II. umarmt ein Mädchen während seines Besuchs in San Francisco
Papst Johannes Paul II. umarmt ein Mädchen während seines Besuchs in San Francisco Foto: imago

Der wesentliche Grund für die „Strahlkraft“ Papst Johannes Pauls II. sei dessen Glaubwürdigkeit gewesen. So resümierte als Zeitzeuge und jahrzehntelanger Weggefährte Kardinal Paul Josef Cordes das Wirken des polnischen Papstes bei einer hochkarätigen Fachtagung der „Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz“ über Johannes Paul II. als „Philosoph, Poet, Priester, Politiker, Papst“. Der 2014 heiliggesprochene Papst habe nicht nur über ein „außergewöhnliches Einfühlungsvermögen in andere“ und großen Mut verfügt, sondern über eine „Kohärenz zwischen Wort und Leben“.

Zeuge der Kirchweihe

Cordes war einst als einziger ausländischer Bischof bei der zwischen Kirche und Kommunisten hart umkämpften Kirchweihe im Krakauer Vorort Nowa Huta. Für Johannes Paul II. konzipierte und organisierte er später die Weltjugendtage. Wörtlich sagte Kardinal Cordes: „Bei Johannes Paul II. fällt auf, dass er unablässig Gottes Antlitz suchte.“ Die Pastoral des Papstes sei darauf gerichtet gewesen, „eine personale Beziehung des anderen zu Gott zu stiften“. Ständig habe er die Bekehrung des Menschen von Gott erbetet. „Es widerstrebte ihm, sich durch Konzessionen beliebt zu machen. Er war kein Gleichgewichtskünstler“, so Cordes in seinem anekdotenreichen Vortrag im Kaisersaal des Zisterzienserstiftes Heiligenkreuz. „Er exponierte sich und provozierte. Der Hass der Welt minderte seinen missionarischen Eifer nicht.

Ein Neuanfang

Das Charisma Johannes Pauls II. habe „einen Neuanfang in der Jugendpastoral“ ermöglicht, so Cordes, den der Heiligenkreuzer Abt Maximilian Heim als „einen geistlichen Vater der Jugendtage“ und „einen, der kirchlich mit wacher Stimme die Zeichen der Zeit kritisch sieht“ vorstellte. Die geistlichen Bewegungen und das Laienapostolat seien von Papst Johannes Paul stets gefördert worden, meinte Kardinal Cordes. „Wer aber das geistliche Amt herabsetzt oder negiert, kann sich nicht auf Johannes Paul II. berufen.“ Vielmehr habe er die Neuevangelisierung im Blick gehabt und gewollt, dass alle Getauften die Wahrheit von Gott weitergeben. Die Leistungen Johannes Pauls II. in der Welt der Politik ausleuchtend meinte der italienische Philosoph, Politiker und Papst-Freund Rocco Buttiglione: „Die Basis der totalitären Herrschaft ist die Lüge, oder – schlimmer noch – die Behauptung, es gebe keine Wahrheit.“

Kommunisten widerlegt

Hierin habe der Papst die Kommunisten seines Heimatlandes widerlegt. Der Philosoph Christoph Böhr, der die Fachtagung konzipiert hatte, bezeichnete den „ersten Philosophen auf dem Stuhl Petri“ als „vielseitige Begabung“ und kritisierte, dass Wojtyla in Deutschland als Philosoph nicht rezipiert wurde. Auf der Grundlage der Anthropologie von Karol Wojtyla und Józef Tischner sei der Totalitarismus überwunden worden. Im Zentrum stehe bei ihnen die Frage nach der Wahrheit des Menschen. Wojtyla habe die These von der möglichen Selbsterlösung des Menschen widerlegt. Es sei „höchste Zeit, ihn endlich auch über Polen hinaus als Philosoph von europäischem Rang zu entdecken“, so Böhr.

Prägende Gestalt

Abt Maximilian Heim sagte, Johannes Paul II. zähle zu den „großen, prägenden Gestalten der Kirchengeschichte“ und sei mit seinen Begabungen eine einzigartige Persönlichkeit. Hochschul-Rektor Wolfgang Buchmüller erinnerte daran, dass der Papst aus Polen „in vielem eine Unheilsgeschichte in Heilsgeschichte verwandeln“ konnte. Er habe „die Netze ausgeworfen für die Evangelisierung aller Kontinente“; durch seine Förderung geistlicher Bewegungen sei die Kirche wieder jung geworden.

Der Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz und Erzbischof von Posen, Stanislaw Gadecki, erinnerte an die „starke Opposition“ Johannes Pauls II. „gegen jede Form des Tötens“, also Abtreibung, Euthanasie, Todesstrafe und Krieg. Gadecki erwähnte die Sorge des Papstes um die Familie und seine „Vision der Liebe“, seine Forderungen nach einer gerechten Verteilung der Güter und das Schuldbekenntnis, um die Spaltung unter den Jüngern Christi zu überwinden. Den Dialog mit den nichtchristlichen Religionen habe der Papst als „Teil eines missionarischen Auftrags“ gesehen. „Hinter allen Worten und Taten stand aber seine Heiligkeit.“

Philosophie des Papstes

Die Krakauer Priester und Philosophen Jaroslaw Jagiello und Wladyslaw Zuziak beleuchteten das philosophische Denken Wojtylas in seiner thomistischen und phänomenologischen Prägung. Ontologie und Phänomenologie seien für Wojtyla die Werkzeuge bei seiner Konzentration auf den Menschen, so Jagiello. Der anthropologische Gedanke stehe am Anfang wie am Ende seiner Philosophie: „Der Mensch kann mit seinem Willen verantwortlich auf Werte antworten.“ Letztlich seien es nicht Werte, die den Menschen in die Verantwortung nehmen, sondern die Anwesenheit des anderen. Zuziak ergänzte, dass für Wojtyla der Selbstbesitz des Menschen die Voraussetzung dafür ist, dass der Mensch sich selbst verschenken kann. Weil die Person nie Mittel zum Zweck ist, sei Liebe die einzig angemessene Haltung. „Lücken in Wojtylas Konzeption“ sieht Zuziak im Blick auf „die dunkle Seite“ des Menschen.

Recht als Instrument  der Wahrheit

Als „weitsichtigen und kreativen kirchlichen Gesetzgeber“ stellte der Kononist und Rektor der Kölner Hochschule für Katholische Theologie, Christoph Ohly, Johannes Paul II. vor. Während man heute versuche, „das kirchliche Recht zu einer beweglichen Masse im Licht der Lebenswirklichkeit zu machen“, habe der Papst das Kirchenrecht als „Instrument der Wahrheit und der Liebe im Dienst der kirchlichen Sendung“ gesehen und dessen Theologisierung betrieben. Der von Johannes Paul II. 1983 vorgelegte CIC stehe in der Treue zu den Konzilsdokumenten. Kein anderer Papst der Kirchengeschichte habe alleine „ein solches Corpus Iuris Canonici vorgelegt“, so Ohly mit Verweis auf den zusätzlichen Kodex der katholischen Ostkirchen.

Offenbarung der Liebe

Dass es dem Papst nicht primär um Staats- oder Wirtschaftsethik, sondern um eine theologische Anthropologie und eine Weiterentwicklung des Naturrechts ging, also um eine Re-Theologisierung der Soziallehre, zeigte der Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle, Peter Schallenberg. Der in Eichstätt lehrende Dogmatiker Manfred Gerwing legte die Lehre von der Barmherzigkeit Gottes als „Bedingung für die Möglichkeit, dass der Mensch dem hohen Anspruch christlicher Moral entsprechen kann“ dar. Bei Johannes Paul II. sei Gotteslehre wesentlich Christologie: „In Jesus Christus hat sich Gott selbst offenbart – und zwar als Liebe.“ Gerwing definierte: „Die Offenbarung der Liebe Gottes durch Jesus Christus im Heiligen Geist wird auch Barmherzigkeit genannt.“

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