Neviges

Die Macht der Fürbitte sollte man nicht unterschätzen

Die Wallfahrt in Neviges betreut die französische Priestergemeinschaft Saint Martin. Der leitende Pfarrer Thomas Diradourian CSM sieht in dem Wallfahrtsort eine Chance für die Evangelisierung. Die Gründe sind einfach und einleuchtend.

Gnadenbild
Das unscheinbare Gnadenbild der mächtigen Fürsprecherin von Neviges. Foto: KNA

Herr Pfarrer Diradourian, der Papst hat den Deutschen in seinem Brief vom Juni 2019 den Primat der Evangelisierung ans Herz gelegt. Inwieweit eignet sich ihr neuer Wirkungsort für die Umsetzung dieses Wunsches?

Ein Wallfahrtsort ist par excellence ein Ort der Evangelisierung, und dies aus drei Gründen. Erstens ist er von seiner Natur her ein attraktiver Ort. In einem Wallfahrtsort kommen ganz unterschiedliche Menschen zusammen, auf verschiedenste Weise angezogen und angesprochen: vom Ruf der Neugier, dem Ruf der Schönheit, dem Ruf der Stille und des Gebets, vor allem aber dem geheimnisvollen Ruf Gottes, der jedem dieser Rufe stets zugrunde liegt. Der Ruf Gottes an jedes seiner Geschöpfe ist tatsächlich der innere Magnet der Evangelisierung. Evangelisieren bedeutet, eine hörbare und glaubwürdige Antwort auf Gottes Ruf zu geben, der im Herzen jedes Menschen erklingt. Dann ist ein Wallfahrtsort ein Ort, der für alle offen ist, ein Ort, an den man ohne Zwang kommen kann, an dem man angenehm verweilen oder sogar in seinem eigenen Tempo beten kann.

"Ohne Furcht und
ohne Komplexe die
Schönheit dieses
Glaubens zu verkünden"

In entchristlichten Ländern richtet sich die Evangelisierung in erster Linie an Menschen, die sich einsam fühlen, abgelehnt, ratlos, ohne Familie, ohne starke Bindungen an die Gesellschaft. Für diese Menschen ist ein Wallfahrtsort ein offener Ort, an dem man aufgenommen wird, ohne dass man erst anerkannt oder angenommen werden muss, wie es allzu oft in Pfarreien der Fall ist. Schließlich sind katholische Heiligtümer immer mit einem besonderen Glaubensgeheimnis verbunden. Bei uns hier in Neviges ist es die Macht der Fürbitte und des Trostes der Unbefleckten Empfängnis, die seit fast 350 Jahren im Zentrum steht. Evangelisieren bedeutet, ohne Furcht und ohne Komplexe die Schönheit dieses Glaubens zu verkünden und sicher zu sein, dass der wahre Glaube immer relevant ist... zweifellos nicht systemrelevant, wie einige wünschen, aber immer seelenrelevant.

Als Begrüßungsgeschenk erhielten Sie eine Stimmgabel. Was stimmt Sie zuversichtlich für Ihre neue Aufgabe?

Was mich zuversichtlich stimmt, ist vor allem die Dynamik und große Offenheit der uns anvertrauten Gemeinde. Ich nehme hier eine große Harmonie wahr. Die Musik, die in Neviges gespielt wird, ist friedlich, fröhlich und dynamisch zugleich. Man hört nicht die Disharmonie eines schlechten Orchesters, in dem jeder seine eigene Partitur spielt, ohne auf die des Nachbarn zu hören! Das findet man manchmal in der Kirche: falsche oder missklingende Stimmen, die letztendlich viele Zuhörer guten Willens entmutigen oder sogar vertreiben!

Pfarrer Thomas Diradourian CSM.
Pfarrer Thomas Diradourian CSM. Foto: EB Köln

Auf dem anderen Zweig der Stimmgabel höre ich den Klang der christlichen Hoffnung: das Vertrauen und die Begeisterung vieler Katholiken, die weit über Neviges hinaus die große Sinfonie des Glaubens hören wollen: eine harmonische, kraftvolle Sinfonie, die das Herz bewegt, weil sie die mütterliche Stimme der Kirche und durch sie das lebendige Wort Gottes hören lässt. Viele Katholiken, oft bescheiden und diskret, sind auch bereit, mit ganzem Herzen im Orchester der Mutterkirche zu spielen. Neviges kann für all diese ein Zuhause werden.

Sie haben in Frankreich viele Anfragen. Warum fiel die Wahl gerade auf Neviges?

Die Gründung in Neviges ist wie bei jeder Niederlassung der Gemeinschaft St. Martin die Antwort auf einen konkreten Ruf der Kirche. Dieser erging hier durch die Stimme von Kardinal Woelki. Wir haben diesen Ruf mit Begeisterung aufgenommen und hoffen, dass wir unseren kleinen Beitrag zum Glaubensleben im Erzbistum Köln leisten können. Unsere Gemeinschaft wird von vielen Bischöfen angesprochen, besonders in Frankreich, wo die Zahl der Priester in den letzten dreißig Jahren zusammengebrochen ist. Wenn wir uns entschieden haben, Deutschland in diesem Jahr den Vorrang zu geben, dann auch deshalb, weil wir eine Reihe junger deutschsprachiger Mitbrüder und Seminaristen haben. Nun hoffen wir, dass sie früher oder später in der Lage sein werden, ihren priesterlichen Dienst bei ihren Landsleuten auszuüben. Außerdem konnten wir uns einfach nicht vorstellen, ein Heiligtum ohne Priester zu lassen, das auf persönlichen Wunsch der Jungfrau Maria errichtet wurde! Für einige ist dies vielleicht eine etwas naive Erklärung. Für uns war dieser Grund entscheidend.

Die katholische Kirche in Deutschland befindet sich in einer konfliktreichen Phase. Was kann Ihre Gemeinschaft in dieser Lage als Pfund auf die Waagschale werfen?

„Wo es Zwietracht gibt, mögen wir Frieden bringen“, heißt es in einem bekannten franziskanischen Gebet. Es geht nicht darum, die Waagschalen auszugleichen, die mal zur einen und mal zur anderen Seite neigen. Wir können dort, wo wir leben, einfach den Frieden bezeugen, der eine Frucht des Heiligen Geistes ist: indem wir ihn persönlich und in der Gemeinschaft leben, indem wir ihn in unserem persönlichen und pastoralen Umgang um uns herum verbreiten, indem wir „als gute Haushalter die göttliche Gnade spenden“ (1 Petrus 4, 10) und vor allem, indem wir nicht in ein konfliktträchtiges oder ideologisches System eintreten, was nur das Werk des Spalters, niemals des Heiligen Geistes sein kann!

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