Bonn/Wien

Die Kirchentüren öffen sich langsam wieder

Die ersten Vorboten einer Normalisierung der liturgischen Situation kündigen sich an.

Wie es mit Gottesdiensten weitergeht
Für viele Gläubige geht die Ostersonne in den nächsten Tagen richtig auf: Sie dürfen die Eucharistie wieder mitfeiern. Foto: Michael Reichel (ZB)

Deutschland wird in den nächsten Tagen ein liturgischer Flickenteppich: Vom 1. Mai an werden in den Erzbistümern Köln, Paderborn sowie im Bistum Münster unter Auflagen öffentliche Messen gefeiert. Die Steilvorlage für die Lockerung des Versammlungsverbots lieferte Karlsruhe: Am 11. April hatte das Bundesverfassungsgericht das Verbot öffentlicher Gottesdienste als schwere Beeinträchtigung der Religionsfreiheit beurteilt und eine strenge Überprüfung der Verhältnismäßigkeit der Maßnahme angeordnet. Die Landesregierung Nordrhein-Westfalen hatte als einziges Bundesland nach dem coronabedingten Versammlungsverbot den Gottesdienstbesuch nie verboten, sondern es bei der von der Kirche und den Religionsgemeinschaften erklärten Selbstverpflichtung zum Verzicht auf Versammlungen zur Religionsausübung bewenden lassen.

Die Schutzmaßnahmen orientieren sich an den Empfehlungen der Deutschen Bischofskonferenz für die 27 Bistümer. Diese sehen vor, die Zahl der Gottesdienste gegebenenfalls zu erhöhen und mehr Wortgottesdienste anzubieten. Die Dispens von der Sonntagspflicht bleibt bestehen. Allen Besuchern wird zum Tragen eines Mund-Nasenschutzes geraten. Wo möglich, sollen Messen im Freien gefeiert werden. Priester desinfizieren vor der Opferung ihre Hände, die Hostienschalen werden mit Einweghandschuhen befüllt. Verzichtet werden soll auf lauten Gemeindegesang, Mund- und Kelchkommunion sowie die übliche Form der Kollekte. Statt dessen sollen die Messteilnehmer am Ausgang die Gelegenheit haben, einen Obulus zu entrichten.

Markierte Sitzplätze und Besucherführung in den Kirchen

Um einen Mindestabstand zu garantieren, werden in den Kirchen Sitzplätze markiert und durch eine Besucherführung die erwünschte Distanz beim Betreten und Verlassen des Gotteshauses gewährleistet. So finden in der Basilika von Kevelaer nun 150 Gottesdienstbesucher Platz, im Kölner Dom hundert Personen.
In Brandenburg, Bayern und Hessen sind Gottesdienste ab dem 4. Mai wieder öffentlich zugänglich. In Brandenburg sind Trauerfeiern im privaten und familiären Bereich mit bis zu 20 Personen sowie die Begleitung Sterbender im engsten Familienkreis gestattet.

Als maximale Teilnehmerzahl sind nach Angaben der Bayerischen Staatskanzlei im Freien 50 Personen erlaubt. In Gebäuden dürfen sich so viele Personen versammeln, wie Plätze vorhanden sind, die einen Mindestabstand von zwei Metern zu anderen Besuchern garantieren. Die Dauer des Gottesdienstes ist in Bayern auf 60 Minuten beschränkt.

Im rheinland-pfäzischen Trier hofft man auf Messen ab dem kommenden Wochenende. Die KNA zitiert Bischof Stefan Ackermann mit dem Hinweis, Priorität sollten die Sonntagsmessen haben sowie Gottesdienste im Zusammenhang mit Sterbefällen.“ Voraussetzung sei, dass Bund und Länder bei ihren für Donnerstag geplanten Gesprächen dafür „grünes Licht geben“. Für andere deutsche Bistümer, darunter das Erzbistum Hamburg, lagen bei Redaktionsschluss noch keine einschlägigen Angaben vor.

Ab 15. Mai Gottesdienste mit Gläubigen in Österreich

In Österreich können alle Betriebe und Geschäfte ab 4. Mai wieder öffnen. Das liturgische Leben fährt jedoch erst ab 15. Mai wieder hoch. Dann dürfen Gottesdienste mit Gläubigen stattfinden, wenngleich limitiert, denn pro Person sollen zehn Quadratmeter zur Verfügung stehen. Demnach dürfen sich im Wiener Stephansdom nur 300 Gläubige zur Messe versammeln, in der Mariazeller Wallfahrtsbasilika bis zu 160.

Als Kultusministerin Susanne Raab (ÖVP) mit dem Wiener Kardinal Christoph Schönborn in der Vorwoche die Lockerung der Auflagen präsentierte, war noch von 20 Quadratmetern pro Person die Rede gewesen. Doch auch die Verdopplung der Teilnehmer beeindruckt nicht angesichts der Tatsache, dass Gaststätten und Bars zeitgleich öffnen und nur auf einen Meter Abstand zwischen Fremden achten müssen. Anders als Restaurantbesucher müssen Gottesdienstteilnehmer in der Liturgie einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Für Gläubige, die nicht im gemeinsamen Haushalt leben, gilt ein Mindestabstand von zwei Metern, überall sonst ist ein Meter genug. Auch bei Begräbnissen, an denen künftig 30 Personen teilnehmen dürfen.

Raab legte Wert darauf, dass sich alle 16 anerkannten Religionen auf diese Maßnahmen verständigt haben. Sie einigten sich auch darauf, „dass der Herr Kardinal in bewährter Weise für alle Religionsgesellschaften spricht“, so Raab. So verkündete der Vorsitzende der Bischofskonferenz im Bundeskanzleramt jene Bedingungen, die fortan auch für Buddhisten, Juden und Muslime gelten. Schönborn meinte, dass die „gravierenden Einschränkungen gerade bei den höchsten Festen“, zu Pessach, Ostern und Ramadan, möglich gewesen seien, weil alle Religionen „großherzige Opfer für das Gemeinwohl auf sich genommen“ haben, und weil es eine gute Zusammenarbeit mit den Institutionen des Landes gebe. Man wolle die ab Mitte Mai bestehende Möglichkeit, das Glaubensleben wieder gemeinsam zu praktizieren, „behutsam und verantwortungsbewusst“ wahrnehmen.

Bei Priestern und Laien regt sich zunehmend Unmut

Für viele Moscheen ist das existenzbedrohend: Weil ihnen seit 2015 die Auslandsfinanzierung untersagt ist, leben sie von Spenden der Moscheebesucher bei den Freitagsgebeten. Durch die Aussetzung der gemeinschaftlichen Gebete fallen diese Spenden weg. Viele österreichische Moscheen können nun ihre Mieten, Kreditraten und Betriebskosten nicht mehr bestreiten.

Für die Kirche sind die Beschränkungen nicht existenzgefährdend, doch regte sich bei vielen Priestern und Laien zunehmend Unmut. Den bekamen die Bischöfe in unterschiedlicher Tonalität zu spüren. Kardinal Schönborn bat dennoch noch einmal um Geduld: Es werde „noch eine Weile dauern, bis das religiöse Leben in unserem Land wieder seine gewohnte Form annehmen kann“. Trotz einer Video-Beratung der Bischöfe am Dienstag war die ab 15. Mai geltende Praxis des Kommunionempfangs bis Redaktionsschluss nicht bekannt. Die Kelchkommunion ist aber vorerst nicht gestattet.

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