Die Kirchen sind eher vertrauenswürdig

Für Jugendliche gehören die Kirchen zu den eher vertrauenswürdigen Organisationen. Zu dem Ergebnis kommt die aktuelle Sinus- Jugendstudie.

Globaler Klima Aktionstag in Berlin
Politikverdrossenheit und Kampagnefähigkeit für ökologische Fragen kennzeichnen das Lebensgefühl der jüngeren Generation. Foto: Kay Nietfeld (dpa)

Die christlichen Kirchen gehören für die meisten deutschen Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren zu den vertrauenswürdigen Institutionen. Denn sie stellen moralische Instanzen in der Gesellschaft dar, die etwa „bedingungslos Hilfe und Schutz anbieten“, beispielsweise beim Kirchenasyl für Flüchtlinge. Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle „SINUS-Jugendstudie“ des „Instituts für psychologische und sozialwissenschaftliche Forschung und Beratung“ mit Sitz in Heidelberg, Berlin, Wien und Singapur, das nach 2008, 2012 und 2016 zum vierten Mal „jugendliche Lebenswelten“ untersucht. Aus diesen Untersuchungen ist die Studienreihe „Wie ticken Jugendliche?“ hervorgegangen. Neben etwa der „Shell Jugendstudie“ erforscht sie die Lebenslage junger Menschen in Deutschland. 

Die „Jugendstudien“ werden im Auftrag von der Bundeszentrale für politische Bildung, der Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz, dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend, der Barmer, dem Deutschen Fußball-Bund, der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, der Deutschen Sportjugend und der DLF-Stiftung herausgegeben. 

Klimakrise als zentrale Frage der Generationengerechtigkeit

Wichtig scheint den Befragten zunächst einmal die Klimafrage: „Längst haben Jugendliche die Lösung der Klimakrise als zentrale Frage der Generationengerechtigkeitfür sich identifiziert und bringen in den Demonstrationen ihre Ohnmacht und Empörung zum Ausdruck“, heißt es. 

Darin äußere sich, dass die junge Generation „ernster geworden“ sei – „ernsthafter einerseits, besorgter andererseits“. So nimmt laut den Beobachtungen der Studie die „ehemals so jugendtypische hedonistische Mentalität“ weiter ab. Bereits in den Vorgängerstudien habe sich am Rückgang des „jugendtypischen Hedonismus“ das Ende der „deutschen Spaßgesellschaft“ feststellen lassen. „Feiern gehen, Fun und Action“ verlören an Bedeutung. 

Sehnsucht nach Zugehörigkeit,
Halt und Orientierung

Jeder für sich

Heutige Jugendliche beklagten darüber hinaus eine „Jeder-für-sich“-Mentalität und „den fehlenden Zusammenhalt in der Gesellschaft“. So schreibt die Studie weiter: „Der wachsende Widerstand gegen Vereinzelung und Polarisierung der Gesellschaft zeigt sich deutlich in der Renaissance klassischer Tugenden und sozialer Werte (Anstand, Hilfsbereitschaft, Loyalität, die – für viele überraschend – zuerst in der jungen Generation zutage trat.“ In der Mehrzahl der jugendlichen Lebenswelten seien heute „gute, abgesicherte Lebensverhältnisse wichtiger als Status, Erfolg und Aufstieg“. Daher würden materielle Wünsche und Ziele relativiert, dafür wollten viele Jugendliche „in der Mitte der Gesellschaft“ ankommen. 

Deshalb wundert es nicht, dass laut der Studie Jugendliche „nach einer guten Work-Life-Balance mit ausreichend Zeit für ihren Freundeskreis und ihre Familie“ strebten. Dies stimmt mit einer weiteren Feststellung der SINUS-Jugendstudie überein, die von der „Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Halt und Orientierung“ spricht, wenn auch dies je nach „Lebenswelt“ eine kleinere oder größere Rolle spielt. 

 

 

Gerade in der Ausnahmesituation der Corona-Krise gewinnt die Stellung der Familie für Jugendliche an Bedeutung. Das stellt ebenfalls in der Praxis Wolfram Kröger, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bielefeld, fest: „Ich habe in den vergangenen Wochen alle Familien, die zu mir in die Praxis kamen, gefragt, wie sie bisher mit der Corona-Krise zurechtgekommen sind. Die meisten berichteten, dass sie insgesamt gut durch die Krise kamen. Fast alle sagten, dass ihnen die Familie nun noch wichtiger geworden sei. Die meisten erlebten es als positiv, viel Zeit füreinander zu haben.“ 

Vertrauen in Institutionen

Was das „Vertrauen in Institutionen“ betrifft, erreicht den besten Wert erstaunlicherweise die Stadt- beziehungsweise Gemeindeverwaltung, die vier von fünf Jugendlichen als „eher vertrauenswürdig“ einschätzen. Dagegen verdienten in ihren Augen „kaum Vertrauen“ die politischen Parteien. „Geringes Vertrauen“ hätten für Jugendliche in die Europäische Union und die Regierung. Dafür verdienen in den Augen der meisten deutschen Jugendlichen auch die Kirchen „mittleres Vertrauen“, weil viele der 14- bis 17-Jährigen in ihnen politisch unabhängige, moralische Instanzen sehen. Dies trifft insbesondere für die – wie es in der Sprache der Studie heißt – „Traditionell-Bürgerliche“ Lebenswelt zu. Für sie seien „Anpassungs- beziehungsweise Ordnungswerte sowie Kollektivwerte und soziale Werte (Familie, Gemeinschaft, Zusammenhalt, Hilfsbereitschaft,  Geselligkeit) und – speziell in den westlichen Bundesländern sowie unter muslimischen Jugendlichen – auch religiös geprägte Tugenden (Glaube, Hoffnung, Demut, Mäßigung, Rechtschaffenheit) am wichtigsten.“ 

 Allerdings schränkt die Studie die Aussagefähigkeit dieser Ergebnisse insofern ein, als den Befragten die genannten Institutionen „nur dem Namen nach bekannt“ seien. Bei der „Einschätzung der Vertrauenswürdigkeit“ übe deshalb die „mediale Berichterstattung einen erheblichen Einfluss“. Dass es neben dem „Vertrauensvorschuss“ für die Kirchen auch deutliche Kritik gibt, hänge auch mit den Skandalen zusammen, „über die in den Medien berichtet wird“. 

Kirche ist altmodisch

Dies stimmt ebenfalls mit der Erfahrung des katholischen Priesters Thomas Schauff überein, der seit mehr als zwei Jahrzehnten als Religionslehrer am „Mädchengymnasium Jülich MGJ“ arbeitet: „Auf die Frage, wie die Kirche wahrgenommen wird, mit der ich das Thema ,Ekklesiologie‘ in der vorletzten Stufe des achtjährigen Gymnasialunterrichts beginne, bewegen sich die Antworten im selben Bereich, wie im Text der SINUS-Studie angesprochen: Sie sei zu altmodisch ...“ 

Schauff sieht es ebenfalls nuancierter: „Dazu ist allerdings zu bemerken, dass das Gros der Jugendlichen keine oder nur wenige Informationen zu Fragen, die die Kirche betreffen, aus den Medien aufnehmen, es sei denn, es gab einen Skandal. Kirche ist im Allgemeinen kein Thema unter den Jugendlichen, wenn sie privat diskutieren.“ Positiv merkt der Religionslehrer freilich an, „dass sich in jeder Klasse etliche Jugendliche finden, die bereit sind, sich in der Glaubensweitergabe zum Beispiel in Form einer Firmkatechese zu engagieren. Sie werden selber aktiv, bereiten Jugendgottesdienste, eucharistische Anbetungen vor und sprechen mit den jüngeren Schülerinnen über den katholischen Glauben.“ 

Der Ort, an dem Menschen
Gott und Jesus Christus, seinem Sohn,
begegnen können

Leben nach dem Tod als Hoffnung

Einen wissenswerten Aspekt fügt Kinder- und Jugendpsychiater Kröger hinzu: „Hinsichtlich der Gebundenheit der Familien und Jugendlichen an den christlichen Glauben besteht eine große Heterogenität, wie dies auch die Sinus-Studie beschreibt. Interessant ist jedoch, dass die meisten Kinder und Jugendlichen davon ausgehen oder darauf hoffen, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Für diese Jugendlichen ist es sehr belastend, wenn die Eltern diese Hoffnung nicht teilen.“ 

Darüber berichtet die SINUS-Jugendstudie 2020 zwar nicht. Für die Lebensentwürfe der Jugendlichen wäre eine solche Frage jedoch von grundlegender Bedeutung. Jugendbischof Stefan Oster äußert gegenüber dieser Zeitung: „Dass viele junge Menschen die Kirche als vertrauenswürdig sehen, freut mich sehr. Und dass wir ihnen vor allem als moralische Instanz begegnen, stimmt ja in gewisser Weise – aber gleichzeitig macht es deutlich, dass es uns kaum gelingt zu vermitteln, dass Kirche vor aller Moral zuerst etwas anderes ist: nämlich der Ort, an dem Menschen Gott und Jesus Christus, seinem Sohn, begegnen können und deshalb das erfahren, was wir das Heil nennen.“ 

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