Köln

Die Kirche braucht Wallfahrtsort statt Verwaltungszentrum

Die Kirche ist kein leeres Verwaltungskonstrukt. Eine Ermutigung zur pastoralen Umkehr im Dienste missionarischer Sendung.

Kölner Dom dient als Wallfahrtsort
Internationaler Priesterkreis: Die Kirche braucht Wallfahrtsort statt Verwaltungszentrum. Foto: Adobe Stock

"Wir müssen die Suche nach Betern verstärken!“ Dazu ermutigte der Kölner Generalvikar Markus Hofmann kürzlich die Teilnehmer des 51. Treffens des Internationalen Priesterkreises, welches nach geistlichen Herausforderungen in Zeiten des Umbruchs fragte. Als ein starkes Zeichen darf gelten, dass ausgerechnet ein Mann aus der kirchlichen Verwaltung den Primat des Gebetes so herausstellt: „Das Gebet muss allen Strukturprozessen vorausgehen, damit die Pfarreien wirklich zu jenen ,Wallfahrtsorten‘ werden können, die die jüngste römische Instruktion zur pastoralen Umkehr der Pfarreien fordert“, sagte der Generalvikar und berichtet, dass Kardinal Woelki bereits seit Jahren all seine Sitzungen mit einer 20-minütigen geistlichen Lesung beginnen lässt.

Die Kirche ist kein leeres Verwaltungskonstrukt

Ohne die innere Ausrichtung auf Gott drohe die Kirche ein leeres Verwaltungskonstrukt zu werden, das Menschen wenig zu sagen hat. Gerade Corona verdeutlicht es: „Was mir in diesen Tagen wirklich Sorgen bereitet, das sind nicht die rückläufigen Kirchensteuereinnahmen, sondern die Messbesucher-Zahlen, die infolge der Pandemie drastisch gesunken sind“, so Hofmann. Welchen Beitrag kann die Kirche gerade in der aktuellen Situation leisten?

Für den Stadtdechanten von Oberhausen, Peter Fabritz, ist klar: „Auf die Wozu-die-Kirche-Frage“ gibt es nur eine Antwort: „Seelsorge!“. Der 53-Jährige, der der mit 30 000 Gläubigen zweitgrößten Pfarrei des Bistums Essen vorsteht, ermutigt, Pfarrer sollten sich an ihrem heiligen Vorbild orientieren: „Die Kirche feiert in Jean-Marie Vianney schließlich nicht den Pfarrer von Sankt Sixtus, sondern den Pfarrer von Ars – das weitet die Perspektive, denn Aufgabe eines Seelsorgers ist es, alle Menschen mit Christus in Berührung zu bringen.“ Anders als zu Zeiten des französischen Heiligen sind Priester heute nicht nur für wenige hundert Menschen verantwortlich, sondern oft für zehntausende. Genau diese Herausforderung der „Großpfarrei“ beschäftigt – nur zu oft steht sie als Synonym zugleich für Entfremdung und mangelnde seelsorgliche Begleitung.

Menschen mit Christus in Berührung bringen

„Mir ist es wichtig, mich von den Zahlen nicht überfordern zu lassen und zu sagen, dass ich meiner Aufgabe sowieso nicht gerecht werden kann und es deshalb von vornherein bleiben lasse, indem ich nur noch delegiere und mich so von den Menschen entfremde“, sagt Fabritz. Der Pfarrer einer Großpfarrei müsse zumindest den Anspruch haben, eine echte Beziehung zu den ihm Anvertrauten aufzubauen. Gute Erfahrungen hat er in den vergangenen Jahren bei der Erstkommunionvorbereitung gemacht: „Zusätzlich zu den großen Elternabenden kommen die Eltern der Kommuniongruppen ins Pfarrhaus. Wir sprechen eine Stunde über Eucharistie und Beichte und danach bestelle ich für alle Pizza und wir essen gemeinsam. Eine einfache Idee – ohne große Vorbereitung, aber mit starker Wirkung.“ Anonymität wird durchbrochen: „Seelsorge ist schließlich keine Theorie, ich interessiere mich wirklich für die Menschen.“

„Seelsorge ist schließlich keine Theorie,
ich interessiere mich wirklich für die Menschen.“

Persönliche Beziehungen können dabei helfen, die oft negative Bewertung größerer Seelsorgeräume zu überwinden. „Alle wissen schließlich, dass Großpfarreien aus der Not geboren werden und sich auf einen Mangel zurückführen lassen: an Priestern, aber auch an Gläubigen.“ Diese bittere Wahrheit gelte es auszusprechen. „Niemand hat die Großpfarrei gewollt, aber wir werden nicht mehr dahinter zurückkommen und müssen das Beste daraus machen“, so Fabritz. „Zugleich müssen wir feststellen, dass der Rückgang, der die Strukturveränderungen notwendig machte, bereits in Zeiten der lange gewohnten pastoralen Überversorgung begonnen hat.“

Neuevangelisierung, nicht nur ethischer Verkündigungsdienst

Nachdenklich wirkt der Stadtdechant, ob in der Kirche immer die richtigen Prioritäten gesetzt würden. Als er einmal sagte, dass es ihm wichtig sei, wöchentlich eine Stunde Beichte zu hören, kam ihm Skepsis entgegen: „Ach, für sowas haben Sie also Zeit?“ Vielen erschienen geistliche Angebote unzeitgemäß und überflüssig, kirchliche Arbeit solle sich besser auf einen ethisch motivierten Verkündigungsdienst beschränken – nicht auf Neuevangelisierung.

„Vor einiger Zeit luden wir Schulseelsorger im Erzbistum ein,
um darüber nachzudenken, wie wir die Berufungspastoral stärken können.
Nur zwei waren bereit, für das Priestertum zu werben.“


Auch Generalvikar Hofmann kennt dies: „Vor einiger Zeit luden wir Schulseelsorger im Erzbistum ein, um darüber nachzudenken, wie wir die Berufungspastoral stärken können. Nur zwei waren bereit, für das Priestertum zu werben.“ Auch bei Visitationen in den Pfarreien werde Mission häufig als „Aufgabe der Bezahlten“ wahrgenommen, nur wenige Laien streben hier nach Partizipation. „Die Aussagen, die seit dem Konzil von allen Päpsten zur Bedeutung von Mission getätigt wurden spiegeln sich auch in der jüngsten Instruktion wider“, sagt Fabritz, „doch nun ist es wichtig, all die vielen Dokumente der letzten Jahrzehnte endlich mit Leben zu füllen und loszugehen.“

Menschen zeigen, dass man für sie da ist

Eine Chance sieht er auch in Glaubensfesten und geistlich ausgerichteten Events. „Der Katholikenrat und ich haben 2016 den ,Oberhausener Katholikentag‘ durchgeführt, der vielen tausend Gläubigen die Gemeinschaft der Kirche konkret erfahrbar gemacht hat und sie aus der manchmal empfundenen Verlorenheit der Großpfarrei herausholt“, berichtet der Stadtdechant. Die zentrale Abschlussmesse im Stadion Niederrhein wurde von rund 4 000 Teilnehmern besucht. Für ein Wochenende weicht die Unpersönlichkeit einem Wallfahrtsort, an dem die Gegenwart Gottes erfahrbar wird.

„Ich erinnere mich an den Weltjugendtag 2005: Mit Papst Benedikt XVI. kam ein Theologe, der die meiste Zeit seines Wirkens mit dem Studium von Büchern und Akten zugebracht hatte: Umso beeindruckender war es, dass er außerhalb des Protokolls zu den Jugendlichen – wirklich aus dem Herzen – sagte: ,Ich würde jeden Einzelnen von euch umarmen.‘“ Den Menschen zu zeigen, dass man wirklich für sie da sein will – inmitten all der vielen Aufgaben und auch in Anbetracht der begrenzten Möglichkeiten – ist der Schlüssel, damit das Herz zum Herzen sprechen kann: Auch in der Großpfarrei.

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