Mainz

Die Crux der Frauen

Maßstäbe für den weiblichen Einfluss in der Kirche müssen nicht erst gesetzt werden. Sie existieren, werden aber oft übersehen. Ein Kommentar.

Frauen fordern Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche
Die Christen der nächsten Generation werden vielleicht kritisch fragen, ob wir den Grips hatten, unsere Zeit nicht mit unvernünftigen Reformideen zu verschwenden. Foto: Patrick Seeger (dpa)

Auf den ersten Blick wirkt es paradox: Lauter denn je wird derzeit nach einer größeren Wertung und Einflussnahme der Frauen in der Kirche gerufen, während sich die innerkatholische Emanzipationsbewegung zugleich mit einer gewissen Scheu dem Erbe der Kirchenlehrerinnen zu verschließen scheint. In den Debatten um die Rolle der Frau fehlen Stimmen, die dem Erbe der heiligen Hildegard von Bingen, der Teresa von  vila, Katharina von Siena und Therese von Lisieux Geltung verschaffen. Maßstäbe für den weiblichen Einfluss in der Kirche müssen nicht erst gesetzt werden. Sie existieren, werden aber oft übersehen. 

Quer zum Mainstream ihrer Zeit

Diese Ungleichzeitigkeit fiel schon dem verstorbenen Mainzer Bischof Kardinal Lehmann auf. Angesichts der Erhebung Hildegards von Bingen zur Kirchenlehrerin erinnerte er daran, dass die Bedeutung der Kirchenlehrerinnen zu wenig erkannt worden sei. Eine plausible Erklärung für dieses erstaunliche Phänomen gab vor wenigen Tagen ein Kongress in  vila: Kirchenlehrerinnen lagen quer zum Mainstream ihrer Zeit. Wie würde sich Teresa von  vila, die der Überzeugung war, der Gehorsam verleihe Kräfte, zu Kirchenaustritten und offener Opposition gegen das kirchliche Lehramt verhalten?

Hätte Hildegard von Bingen, nach deren Auffassung die ganze Schöpfung nach ihrem Schöpfer strebt, einem kryptischen Verständnis von vermeintlichem Fortschritt in den Humanwissenschaften das Wort geredet oder die These der katholischen Theologin Saskia Wendel geteilt, dass jeder, der über die Zukunft der Kirche diskutiert, die Schrift des französischen Philosophen Michel Foucault über Christentum und Sexualität gelesen haben sollte? Wäre ihr die Frage gekommen, ob der "Prophet der Päderasten" (Daniel Johnson), der die Entkriminalisierung von sexuellem Missbrauch befürwortete, dem weiblichen Anspruch von Glaube und Vernunft genügt? Frauen steht es in unseren Breiten letztlich frei, von wem sie Lehren annehmen wollen. Die Christen der nächsten Generation werden vielleicht kritisch fragen, ob wir den Grips hatten, unsere Zeit nicht mit unvernünftigen Reformideen zu verschwenden.

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