Lyon

Der Lyoner Skandal

Kardinal Philippe Barbarin lässt die Umstände seines Freispruchs und des Prozesses ohne Zorn Revue passieren.

Kardinal Barbarin trifft Papst Franziskus
Papst Franziskus und Kardinal Barbarin im Vatikan, hier bei einer Audienz im Juli 2016. Foto: Giorgio Onorati (ANSA)

Acht Monate, nachdem Kardinal Philippe Barbarin vom Vorwurf der Vertuschung sexueller Übergriffe freigesprochen wurde, ist sein sehr lesenswertes Buch mit dem Titel „En mon âme et conscience“ (In meiner Seele und meinem Gewissen) nun auf dem französischen Buchmarkt erschienen. Es handelt von dem Pädophilieskandal, der im vergangenen Jahr nicht nur Frankreich erschütterte, und zu dessen Zielscheibe Barbarin selbst wurde. Es geht ihm um eine detailgenaue Aufarbeitung der Causa Bernard Preynat, aber auch generell um das Phänomen pädokrimineller Fälle innerhalb der katholischen Kirche. 2019 war der damalige Oberhirte von Lyon in erster Instanz zu einer sechsmonatigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt worden. Er ging in Berufung. Das erstinstanzliche Urteil wurde im Februar dieses Jahres aufgehoben.

Die Monate seiner medialen „Vorverurteilung“ waren derart turbulent – es sei ein „medialer Tsunami“ gewesen, der da über ihm niederging –, dass man ihm in der Öffentlichkeit kein Gehör schenkte. In der „Affäre Preynat“ war Barbarin selbst zum „Sündenbock“ gemacht worden, der in der Metro und auf der Straße wie ein Pädophiler behandelt wurde. Man habe sogar mitunter den Eindruck, so schreibt er, dass die von Preynat begangenen Taten die Öffentlichkeit eigentlich gar nicht interessierten, sondern dass er, der Kardinal selbst, „an den Pranger gestellt werden“ sollte. Nach dem Motto: „Seht her, das hier ist der Skalp eines französischen Kardinals“, der sich auch noch in aller Öffentlichkeit an den gesellschaftlichen Debatten beteiligte: „Abtreibung, homosexuelle Ehe, künstliche Befruchtung, Verteidigung der Christen des Ostens, Kampf gegen Antisemitismus oder Ablehnung des Islam“. Die Aufzählung und Kommentierung der Ereignisse in chronologischer Reihenfolge sollen die eigentlichen Ursachen seines Prozesses benennen. Dabei räumt der Kardinal immer wieder ein, dass auch er Fehler begangen habe – für eine „Vertuschung“ im Sinne der Anklage sei er jedoch nicht verantwortlich.

Seht her, das hier ist der Skalp eines französischen Kardinals ... 

Der Autor beschreibt, wie er – im Jahr 2002 zum Erzbischof der südfranzösischen Stadt ernannt – keinerlei Kenntnisse von den Preynat zur Last gelegten Taten gehabt habe, die dieser bereits 12 bis 25 Jahre vor Barbarins Amtseinführung begangen hatte. Wohl habe es „Gerüchte“ um Preynat gegeben. Doch weder die Kinder noch deren Eltern hatten sich damals an die Kirche oder den Erzbischof gewandt, um vor dem pädophilen Priester zu warnen und seine Abberufung aus dem priesterlichen Dienst oder den von ihm geleiteten Pfadfindergruppen zu fordern. Anzeigen bei der Polizei wurden ebenfalls nicht erstattet.

Allerdings berichtete ihm 2007 ein 21-Jähriger aus seiner Diözese, dass er etwa zehn Jahre zuvor von einem anderen Priester missbraucht worden sei. Noch am selben Tag wies der Erzbischof den Geistlichen an, „seine Pfarrei zu verlassen“, er hat ihm niemals mehr ein Amt anvertraut. Die Gemeindemitglieder, die vom plötzlichen Abzug ihres Pfarrers erfuhren, machten dem Erzbischof daraufhin schwere Vorwürfe: „Sie haben nicht das Recht, das zu tun! Alle Kinder lieben ihn sehr, und wir auch!“ Der Priester wurde von einem Gericht verurteilt. Er darf kein Amt mehr ausüben und bleibt bis an sein Lebensende in einem Seniorenheim. Barbarin wundert sich, dass ausgerechnet unter denjenigen, die sich am meisten gegen seine Entscheidung gestemmt hatten, die eigenen Eltern des Opfers waren: „Der Sohn hatte nicht gewagt, seiner Familie davon zu erzählen …“

Die Eltern der Opfer stemmten sich gegen Sanktionen 

In diesem Zusammenhang erinnert Barbarin auch an die Atmosphäre, die in den 70ern, 80ern und 90ern in der Gesellschaft herrschte. Noch 1990 verherrlichte der Schriftsteller Gabriel Matzneff sexuelle Beziehungen mit Kindern. „Wenn wir anfangen, das zu zitieren, was vor 30 oder 40 Jahren von bekannten Personen in Frankreich erzählt wurde, wären wir heute entsetzt, dass sie gesetzlich verbotene Verhaltensweisen rechtfertigten“, empört sich Barbarin. Heute wird das, wie er schreibt, „als absolute Schandtat angesehen“.

Doch wie der Kardinal erst sehr viel später erfuhr, hatte Preynat im Knabenseminar von Montbrison dem für seinen Jahrgang verantwortlichen Priester „von seinen Neigungen und Trieben“ erzählt. Preynat wurde zu Psychologen geschickt. Nach zwei Jahren psychologischer Behandlung gab ein Experte seine Einschätzung: Es bestehe kein Risiko, hieß es damals, so dass Preynat zum Priester geweiht werden konnte. Man wisse wohl, kommentiert Barbarin, „dass die Experten sich täuschen können, doch allermeistens vertraut man ihnen ja. Daher entschlossen sich die ausbildenden Priester des großen Seminars, Bernard Preynat seine Ausbildung fortsetzen zu lassen“.

Etwas Greifbares gegen den pädophilen Geistlichen hatte Barbarin erst 2014 in der Hand, als sich ein 38-jähriger Vater von Firmlingen ihm offenbarte, vor Jahrzehnten von Preynat missbraucht worden zu sein. Barbarin traf sich mit ihm und hörte sich seine erschütternde Geschichte an. Ab diesem Zeitpunkt konnte er als Bischof gegen Preynat tätig werden. Detailgetreu berichtet er über seinen Austausch mit Rom und seine eigenen Maßnahmen in dem Fall. Obwohl Barbarin, wie er betont, nie versucht habe, „Pädophiliehandlungen zu vertuschen“, räumt er jedoch selbstkritisch auch eigenes Fehlverhalten in der Angelegenheit ein: „Es hat mir an Mut gefehlt.“

Nach dem „Skandal“, den Prozess, Verurteilung und Freilassung ausgelöst hatten, bat Barbarin den Papst um seine Entpflichtung, was dieser im vergangenen März, einen Monat nach dem Freispruch, schließlich annahm. Seitdem versieht der emeritierte Erzbischof von Lyon als Hausgeistlicher seinen Dienst in der Bretagne bei der Kongregation der Kleinen Schwestern der Armen.

Philippe Barbarin: „En mon âme et conscience - L'affaire, l'église, la vérité d'un homme“. Plon Oktober 2020, 320 Seiten, EUR 19,42

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