Kommentar

Das Gutachten bewirkt einen Durchbruch

Neunhundert Seiten müssen gelesen werden. Doch schon jetzt kann man sagen, die Schweigespirale ist durchbrochen. Weitere Konsequenzen folgen. Ein Kommentar.

Woelki-Gutachten zu Missbrauch im Bistum Köln
Das Gercke-Gutachten hat das Vertrauen zwischen Betroffenen und Erzbistum gefestigt. Im Bild: Ein Kameramann filmt ein Gutachten zum Umgang des Erzbistums Köln mit sexuellem Missbrauch vor der Pressekonferenz. Foto: Ina Fassbender (AFP Pool)

Ehe die neunhundert Seiten des Gercke-Gutachtens gesichtet und ausgewertet sind und die Konsequenzen zur Sprache kommen, zeichnet sich ein erster Erfolg für das Erzbistum Köln ab: Die Schweigespirale der Instrumentalisierung der Opfer für kirchenpolitische Zwecke ist durchbrochen. Viele haben in den letzten Monaten versucht, das Codewort „Aufarbeitung“ für eine neue Reformagenda einzusetzen und vom Leid der Betroffenen Wasser auf ihre Mühlen zu leiten.

Viele Opfer sind nie gefragt worden, ob sie in einer Debatte auftauchen wollen, in der die Frauenweihe und die Änderung des Katechismus zugunsten einer an die säkulare Gesellschaft angepassten Grundordnung als unabdingbare Reformvorhaben dargestellt werden.

Vertrauen gefestigt

Das Gercke-Gutachten hat das Vertrauen zwischen Betroffenen und Erzbistum gefestigt. Auch wenn aus deren Reihen natürlich weiterhin unterschiedliche Auffassungen zu hören sein werden – für pauschale und unbewiesene Vertuschungsvorwürfe gegen Kardinal Woelki wird man die Betroffenen nicht mehr so einfach vereinnahmen können. Nicht nur im Rheinland leben Betroffene, denen die politische Verzweckung ihres Schicksals für eine einseitige kirchenpolitische Agenda zuwider ist.

Keine Zweiklassenjustiz mehr

Dass Kardinal Woelki mit einer Zwei-Klassen-Justiz aufräumen will, die Laien für Pflichtverletzungen zügig bestraft, während Kleriker auf einen langen Atem hoffen können, ist eine Entscheidung, die hoffentlich nicht auf den Umgang mit Missbrauchsfällen beschränkt bleibt. Auch das öffentlich gegebene Versprechen von Laien und Klerikern bei der Sakramentenspendung sollte künftig in neuem Licht gesehen werden, etwa mit Blick auf dessen Verbindlichkeit. Wenn Handeln auch für Kleriker Konsequenzen haben soll, wie Kardinal Woelki ankündigte, stellt sich unweigerlich die Frage, ob nicht auch das Versprechen bei der Bischofsweihe, die Weitergabe des Glaubens zu schützen, künftig von Laien auch eingefordert werden kann. 

 

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