Credo: Mit Konstantin wurde es für alle besser

Wurde das Christentum durch die Konstantinischen Wende verdorben? Die Schwarze Legende will es so. Doch unvoreingenommener Geschichtsschreibung hält sie nicht Stand. Start unserer neuen Serie über die ärgsten Missdeutungen der Kirchengeschichte.

So lernen wir es in Schule und Hochschule, und so ähnlich hören wir es in den Medien: Das Frühchristentum war noch in Ordnung, aber danach wurde es irgendwie grausam. Durch Kaiser Konstantin wurde das Christentum zur „Staatsreligion“ und aus Verfolgten wurden selbst Verfolger, die das edle antike Heidentum auslöschten und eine unduldsame und bigotte klerikale Herrschaft errichteten. Diese sogenannte „konstantinische Wende“ gilt vielen Zeitgenossen als der eigentliche Sündenfall der Kirche, woraus die meisten Übel entstanden sein sollen, die man der Kirche so vorwirft. Dieses „Narrativ“ setzte sich, anknüpfend an Vorläufer aus der Renaissancezeit, im Wesentlichen im ausgehenden 18. Jahrhundert durch. Es ist – in unterschiedlichen Graden der Radikalität – bis heute das dominierende Deutungsschema der Geschichte des Christentums. Es hat allerdings einen nicht unerheblichen Makel: Es ist Unsinn!

Die tatsächliche konstantinische Wende war dagegen eine Befreiung, eine Wende zum Besseren. Zu Beginn der Herrschaft des Kaisers Konstantin waren erst circa 15 Prozent der Bewohner des Römischen Reiches Christen. Für sie endete nun jene Zeit, in der sie immer wieder den willkürlichen Verfolgungen durch die Staatsmacht oder einen entfesselten Pöbel ausgeliefert waren. Als „religio licita“ genoss das Christentum fortan den Schutz der römischen Staatsmacht. Von „Staatsreligion“ im modernen Sinne konnte jedoch keine Rede sein. Und das Nebeneinander von Christentum und heidnischen Kulten hielt noch jahrhundertelang an.

Die klassische römische Religion wurde weder von Konstantin noch von seinen Nachfolgern zerstört. Vielmehr lebte sie weiter und erfuhr auch von den Kaisern immer wieder Förderung und Würdigung, je nachdem, was ihnen gerade politisch angezeigt schien. Konstantin selbst handelte so, und die Zahl der „Heiden“ in wichtigen Positionen war unter ihm – wie unter seinen Nachfolgern – unverändert groß. Am Ende der Herrschaft Konstantins war nur etwa die Hälfte der Konsuln und Präfekten nachweislich der christlichen Religion zuzuordnen; unter dem christlichen Kaiser Theodosius (379–395) war ihre Zahl sogar geringer und noch im frühen 5. Jahrhundert (unter Theodosius II. und Valentinian III.) hatte sich daran nichts geändert.

In verschiedenen römischen Provinzen lebten große „heidnische“ Gemeinschaften, und zwar keinesfalls als verfolgte Minderheiten oder Bürger zweiter Klasse. Als im Jahre 639 ein muslimisch-arabisches Heer die Stadt Carrhae (Harran) bedrohte, war in der Verhandlungs-Delegation der Stadt kein einziger Christ vertreten. Die Koexistenz von Christen und Heiden endete im Osten des Reiches mit der islamischen Eroberung, durch die sie alle zu „Dhimmis“, abhängigen Bürgern zweiter Klasse wurden.

In den meisten Provinzen des Reiches verschwand die antike römische Religion aufgrund ihrer eigenen inneren Auszehrung. Sie wurde nicht gewaltsam eliminiert, sie verdunstete. Mit der Bekehrung der Kaiser zum christlichen Glauben war es allerdings vorbei mit der herausgehobenen Vorrangstellung unter anderen Religionen, wie sie sich insbesondere im Kaiserkult manifestiert hatte.

Die „Vernichtung“ der antiken Religion durch ein bigottes Christentum ist also ebenso eine Legende, wie die naive Glorifizierung der heidnischen Religionen und ihrer vielfach blutigen Riten als einer angeblich sanften und menschenfreundlichen Lebensart. Da war den späten Aufklärern ihre Phantasie durchgegangen.

Der Autor ist Historiker und im Auswärtigen Dienst tätig.