Hildesheim

Clemens Schrader entwarf die Theologie der päpstlichen Unfehlbarkeit 

Vor 200 Jahren wurde der Jesuit Clemens Schrader geboren. Im Papsttum sah Schrader den Anker, der die Kirche und die Gläubigen davor konnte, in den Strudel des Säkularismus gezogen zu werden. Aktuelle Gedanken angesichts der Krise.

Clemens Schrader
Schrader Foto: Archiv des Germanikums

Unter Blitz und Donnerschlag verkündete das Erste Vatikanische Konzil am 18. Juli 1870 die Dogmen des universalen Jurisdiktionsprimats und der Unfehlbarkeit des Papstes. Galt das Gewitter, das damals über Sankt Peter niederging, den Gegnern der Konzilsentscheidung als Zeichen für Gottes heiligen Zorn, so sahen deren Befürworter darin nur die Wiederholung jener Furcht gebietenden Himmelsphänomene, die einst die Offenbarung der Zehn Gebote begleitet und beglaubigt hatten. 

Bedeutender Vordenker

Zu den bedeutendsten Vordenkern des Konzils gehörte der Jesuit Clemens Schrader. 1867 von Papst Pius IX. als theologischer Experte in die dogmatische Vorbereitungskommission berufen, hatte er maßgeblichen Anteil an der Erarbeitung der Konstitution „Pastor Aeternus“. Nach dem Urteil des Fundamentaltheologen Hermann Josef Pottmeyer ist er sogar als „der wichtigste Theologe bei den Vorarbeiten zu den Papstdogmen des I. Vatikanums“ zu betrachten. Der Entwurf des Schemas „De Ecclesia Christi“, auf dessen Grundlage das Konzil die Konstitution „Pastor Aeternus“ verabschiedete, ist „hauptsächlich sein Werk“ (Fidelis van der Horst). Umso verwunderlicher, dass sein Name heute nur mehr wenigen Historikern geläufig ist. 

Vor 200 Jahren, am 22. November 1820, in Itzum, einem Dorf bei Hildesheim, geboren, trat Clemens Schrader nach dem Abitur am altehrwürdigen Gymnasium Josephinum im Schatten des Hildesheimer Domes als Priesteramtskandidat seines Heimatbistums in das Germanikum ein. Seine akademische Ausbildung absolvierte er am Collegium Romanum, dem römischen Jesuitenkolleg. Als im Frühjahr 1848 die Wirren der Römischen Revolution, in der italienische Nationalisten die Macht im Kirchenstaat an sich zu reißen versuchten, die Jesuiten zur Flucht zwangen, begab sich Schrader zusammen mit seinen Lehrern Giovanni Perrone und Carlo Passaglia sowie dem aus Südtirol stammenden Jesuiten und späteren Kardinal Johann Baptist Franzelin ins Exil in die englische Grafschaft Devonshire. Dort wurde er am 11. Mai 1848 in die Gesellschaft Jesu aufgenommen. Die Priesterweihe hatte er bereits zwei Jahre zuvor in Rom empfangen. 

Professur in Rom

1850 kehrte Schrader an den Tiber zurück und übernahm drei Jahre später eine Professur am Collegium Romanum. Nach vier weiteren Jahren verließ er die Ewige Stadt erneut, um im folgenden Jahrzehnt an der Universität Wien Dogmatik zu unterrichten. In dieser Zeit arbeitete er an dem mehrere Hefte umfassenden Werk „Der Papst und die modernen Ideen“ mit, das in Wien verlegt wurde und für breitere Kreise bestimmt war. Es diente vor allem der Verteidigung der Enzyklika Pius' IX. „Quanta cura“ sowie des „Syllabus errorum“, der dieser Enzyklika beigefügt war. 

An der Zusammenstellung dieses weltberühmten Manifests des Antimodernismus, das die angeblichen Irrtümer der in der Aufklärung wurzelnden modernen Freiheitskultur auflistete und verurteilte, war Schrader selbst beteiligt gewesen. Er sah darin sogar eine unfehlbare ex-cathedra-Entscheidung des Papstes avant la lettre, die den strikten Gegensatz zwischen Kirche und moderner Welt ein- für allemal festgeschrieben habe. 

Kein Eid auf die Verfassung

Weil Schrader sich weigerte, den Eid auf die Österreichische Staatsverfassung von 1867 zu leisten, die unter anderem volle Glaubens- und Gewissensfreiheit garantierte, verlor er sein akademisches Lehramt an der Wiener Universität und kehrte nach Rom zurück, um an den Vorbereitungen des Ersten Vatikanums mitzuwirken. Seit 1870 dozierte er noch einmal für zwei Jahre am Collegium Romanum, bevor er seine letzten Lebensjahre am Priesterseminar in Poitiers verbrachte. 

Indem Schrader in den Jesuitenorden eintrat, schloss er sich einer Ordensgemeinschaft an, die sich wie keine andere der Aufgabe verschrieben hatte, die katholische Kirche mit den Mitteln des intellektuellen Kampfes vor den Ideen und Idealen der philosophischen und politischen Moderne zu schützen. Im Papsttum erkannte Schrader den verlässlichen Anker, der allein alle anderen Amtsträger der Kirche und alle Gläubigen davor zu bewahren vermochte, in den Strudel des modernen Säkularismus hinabgezogen zu werden, der seiner Auffassung nach mit dem christlichen Glauben auch alle Ordnung in der Welt zu zerstören drohte. In seinem politischen Denken zeigte sich Schrader deshalb „als Verfechter einer christlichen Gesellschaftsordnung, die einer Theokratie gleichkommt“ (van der Horst). 

Der Fels

Entsprechend dem Verheißungswort Jesu galt ihm der Nachfolger des heiligen Petrus als der unerschütterliche Felsen, der auch dann noch als Zeuge der christlichen Wahrheit standhalten würde, wenn um ihn herum alle Gewissheiten wanken oder gar zusammenbrechen sollten. Schrader sah folglich in der Unfehlbarkeit des Papstes das Fundament für die Unfehlbarkeit der Kirche: „Die sichtbare Trägerin der ganzen Menschheit zu ihrem Heile ist die Kirche, und sie allein; der sichtbare Träger der ganzen Kirche ist der Papst und er allein. Daraus ergibt sich, dass nach der bestellten Heilsordnung des Erlösers aller Menschen die gesamte Menschheit, will sie zu Heil und Seligkeit gelangen, auf jener lebendigen Grundfeste zu Rom, dem Papste stehen, dass sie von ihm vernehmen und hören muss, was zum ewigen Ziele hin und was von demselben abführt.“ 

Emanzipation der Wissenschaften

Clemens Schrader lebte in einer Zeit epochaler Umbrüche: Wenige Jahre vor seiner Geburt war der Wiener Kongress zu Ende gegangen. Als er starb, lebten nicht nur die Deutschen, sondern auch die Italiener in einem Nationalstaat. Der Kirchenstaat, den Schrader stets als das gottgewollte Fundament der päpstlichen Herrschaft verteidigt hatte, gehörte der Geschichte an. Die geistigen Kräfte der europäischen Aufklärung wirkten während des 19. Jahrhunderts nach und nach in alle Lebensbereiche hinein. Im Bürgertum ertönte immer lauter der Ruf nach individuellen Freiheits- und politischen Mitbestimmungsrechten. Die Philosophie und die Wissenschaften emanzipierten sich endgültig von den Prämissen einer christlichen Weltanschauung, und die Wirtschaft wurde zunehmend von der Dynamik der Industrialisierung erfasst, die ganz Europa vor neue soziale Herausforderungen stellte. In dieser Entwicklung entglitt den Kirchen zunehmend die Deutungshoheit, die sie bisher in allen wichtigen Fragen des individuellen und gesellschaftlichen Lebens für sich beansprucht hatten. Am Ende des Jahrhunderts stand Nietzsches Wort vom Tode Gottes, mit dem der gebürtige Pfarrerssohn die Frage verband: „Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Grüfte und Grabmäler Gottes sind?“ 

Krise des Dogmas

Wo die Grenze verläuft, die die Kirche in der Begegnung mit der Welt nicht überschreiten darf, weil zur Wahrheit ihres Glaubens immer auch der Widerspruch zur Weisheit dieser Welt gehört (vgl. 1 Kor 2,6-7), diese Frage begleitet das Christentum seit seinen Anfängen, als es galt, die christliche Glaubensbotschaft in die griechisch-römische Kultur hineinzutragen. Heute ist sie angesichts der dramatischen Glaubens- und Kirchenkrise der Gegenwart, die wesentlich eine Krise des Dogmas und der kirchlichen Unfehlbarkeit ist, von neuer Aktualität. 


Der Autor ist promovierter Theologe und unterrichtet Latein, Religion und Geschichte am Bischöflichen Gymnasium Josephinum Hildesheim. 

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.