Washington/Vatikanstadt

Biden und die Kommunion: Der Papst sitzt am längeren Hebel

In der Frage um den Kommunionempfang katholischer Politiker, die Abtreibung befürworten, setzen sich die konservativen US-Bischöfe zunächst durch. Doch im Vatikan ist man anderer Auffassung. Und dort hat man das letzte Wort.

Franziskus im US-Kongress
Franziskus im Jahr 2015 bei seinem ersten und einzigen Auftritt im US-Kongress. Biden und der Papst kennen und schätzen sich. Foto: Drew Angerer (EPA)

Sollen katholische Politiker, die Abtreibungen befürworten, von der Kommunion ausgeschlossen werden? Diese Frage beschäftigt Amerikas katholische Bischöfe mindestens seit dem Wahlsieg Joe Bidens im vergangenen November und wird dies wohl auch in Zukunft noch lange tun. Und sie stand auch im Zentrum der digitalen Frühjahrsvollversammlung der US-Bischofskonferenz, die letzte Woche stattfand.

Biden ist der Ursprung aller Diskussionen

Nach intensiven Diskussionen und langem Ringen stimmten die US-Oberhirten am dritten und letzten Tag ihres Treffens mit großer Mehrheit dafür, ein Lehrdokument zur Eucharistie auszuarbeiten. Spätestens bis November, wenn das nächste Treffen der US-Bischofskonferenz ansteht, soll der finale Text zur Abstimmung vorgelegt werden. Wenn von einem solchen Lehrdokument die Rede ist, klingt das zunächst einmal eher unpolitisch. Und in der Tat: Vordergründig soll es in dem Dokument um die Bedeutung der Eucharistie und das Befolgen der Lehre der Kirche gehen, um die Kommunion empfangen zu können. 

Der Ursprung aller Diskussionen ist jedoch US-Präsident Biden, der als Politiker straffreie und mit Steuergeldern finanzierte Abtreibungen befürwortet. Den mehrheitlich konservativen US-Bischöfen ist diese Haltung ein Dorn im Auge, seit Monaten ist von einem bischöflichen „Machtwort“ die Rede. Mit einem Lehrdokument zur Eucharistie würden sie de facto Bidens Einstellung in der Abtreibungsfrage sanktionieren. Zwar ist noch nichts endgültig beschlossen. Doch die überwältigende Unterstützung für das Dokument – 168 Bischöfe stimmten dafür, nur 55 dagegen – sorgte durchaus für eine gewisse Überraschung. Zumal im Vorfeld etwa siebzig Oberhirten in einem Brief an den Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Erzbischof José Gomez, dafür plädiert hatten, die Abstimmung zu verschieben. Und auch der Vatikan war auf die Bremse getreten: Der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Luis Ladaria, mahnte seine amerikanischen Glaubensbrüder, Konsens und Dialogbereitschaft an die Stelle vorschnellen Handelns zu setzen.

Verhältnis der US-Bischöfe zum Vatikan angespannt

Nun dürften aufmerksame Beobachter des Verhältnisses der US-Bischöfe zum Vatikan unter Papst Franziskus kaum überrascht sein, dass diese sich über die Mahnung aus Rom hinwegsetzten. Denn schon seit dem Amtsantritt des argentinischen Papstes gelten die Bande über den großen Teich als angespannt. In zahlreichen Fragen – sei es Migration, die Wirtschaft oder der Klimawandel – begegnet man dem von Franziskus eingeschlagenen Kurs gelinde gesagt mit einer deutlichen Portion Skepsis. Der Papst wiederum macht keinen Hehl daraus, dass er die kulturkämpferische Attitüde zahlreicher konservativer US-Oberhirten nicht teilt.

Wie wird sich die Debatte weiterentwickeln? Am Ende des Tages verfügt Franziskus sicher über den längeren Hebel. Denn zunächst einmal müssen die US-Bischöfe im November mit einer Zweidrittelmehrheit für das dann vorliegende Lehrdokument stimmen. Dass sich diese unter den insgesamt 280 stimmberechtigten Bischöfen finden wird, ist zwar plausibel. Das letzte Wort hat aber der Vatikan, da er den Text der US-Bischofskonferenz absegnen muss. Franziskus kennt und schätzt Biden, schon mehrmals trafen sie aufeinander. Ob der Papst sein Placet gibt, dem Präsidenten die Kommunion vorzuenthalten, ist daher mehr als fraglich.  

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