Vatikanstadt

Benedikt-Buch: Fatale Anklage

In dem neuen Buch "Nur die Wahrheit rettet" wird Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. vorgeworfen, nicht ausreichend gegen den sexuellen Missbrauch in der Kirche vorgegangen zu sein. Kurienprälat Markus Graulich hält ihre Vorwürfe aber für wenig stichhaltig.

Traditionelle Kreuzweg mit Papst Benedikt XVI. in Rom
Papst Benedikt XVI. während des traditionellen Kreuzwegs am Karfreitagabend (14.04.2006) am Kolosseum in Rom. Foto: LaPresse Michele Ricci (LaPresse)

Herr Prälat, Sie haben kürzlich in dieser Zeitung (DT vom 18.2.) ausführlich dargelegt, warum Joseph Kardinal Ratzinger/Benedikt XVI. als Wegbereiter der Weltkirche in Sachen Missbrauchsbekämpfung gelten darf. Warum kommen die Autoren Reisinger und Röhl zu ganz anderen Schlüssen als Sie?

Das liegt vor allen Dingen daran, dass sie keinen Zugang zu den vatikanischen Archiven hatten und die ihnen bekannten Dokumente in einer Art und Weise auslegen, die ihre Grundthese belegen soll. Dabei gelingt es ihnen nicht, die Zusammenhänge korrekt herzustellen, wie sie aus den Archiven deutlich hervorgehen und die Dokumente in den Kontext der allgemeinen Gesetzgebung der Kirche und deren organischen Entwicklung einzuordnen. Was mich erschreckt ist die Tatsache, dass nun die (auch so genannten katholischen) Medien dem Buch einen breiten Resonanzboden bieten, ohne die Inhalte zu überprüfen. Der Wahrheit dient das nicht.

"Im Laufe der Zeit habe ich erkannt, dass das Strafrecht,
wie es derzeit im Codex des Kirchenrechts steht,
eigentlich gemacht wurde, um nicht angewandt zu werden."

Die Autoren sagen, Ratzinger habe sich erstmals 2005 beim Kreuzweg im Kolosseum   verklausuliert   zum Missbrauch geäußert. Und das, obwohl er da bereits 20 Jahre mit dem Thema befasst war. Wäre ein öffentliches Wort seitens des Präfekten Ratzinger nicht schon früher nötig gewesen, um innerkirchliches Bewusstsein zu schaffen?

Diese Aussage ist grundsätzlich falsch. Kardinal Ratzinger hat sich schon vor dem Jahr 2005, sei es bei öffentlichen, sei es bei internen Treffen, zum Missbrauch geäußert. Wenn er darauf verzichtet hat, diesen Aussagen eine noch größere Öffentlichkeit zu geben, ist das auch der Tatsache geschuldet, dass die Bewusstwerdung der Missbrauchsverbrechen in der Kirche ungleichzeitig verlief. In den USA und Irland ist dieses Bewusstsein schon Ende der 80er, spätestens in den 90er Jahren dagewesen, in Deutschland zum Beispiel in der breiten Masse erst nach 2010. Hätte sich Kardinal Ratzinger damals einer größeren Öffentlichkeit gegenüber geäußert, wäre er vermutlich von einigen gar nicht verstanden worden.

Sie haben in Ihrem Beitrag dargelegt, wie Kardinal Ratzinger an einer Verschärfung des Strafrechts arbeitete. Können Sie erklären, warum es bis Ende des zwanzigstens Jahrhunderts so kompliziert war, einen kirchlichen Strafprozess gegen Missbrauchspriester zu führen?

Das ist auch heute noch kompliziert, deshalb werden auch in der Kirche wenige echte Strafprozesse geführt und vieles wird auf dem Verwaltungsweg entschieden. Seit mehr als zehn Jahren arbeite ich an der (von Papst Benedikt XVI. gewünschten) Reform des kirchlichen Strafrechts mit. Dadurch habe ich mich sehr intensiv mit der Materie auseinandersetzen müssen. Im Laufe der Zeit habe ich dabei erkannt, dass das Strafrecht, wie es derzeit im Codex des Kirchenrechts steht, eigentlich gemacht wurde, um nicht angewandt zu werden. In der "Liebeskirche", wie sie nach dem 2. Vatikanischen Konzil verstanden wurde  - eine Kirche, die nicht mehr straft, dagegen fast ausschließlich von Barmherzigkeit spricht -  hatte man für das Recht allgemein wenig Verständnis und schon gar nicht für das Strafrecht. Entsprechend dieser Logik gab es Engführungen. So wurde der Strafprozess sehr stark auf den Schutz des Beschuldigten ausgerichtet. Hinzu kommt, dass nur wenige Kirchenrechtler Experten im Strafrecht waren. Das hat sich glücklicherweise in den letzten Jahren geändert.

Das Motu proprio "Sacramentorum sanctitatis tutela" von 2001 gilt als Wendepunkt der weltkirchlichen Bekämpfung von Missbrauch. Es gehe darin aber nicht um die Opfer und deren Schutz, sondern um den Schutz der Sakramente, schreiben die Autoren. Die Opfer klerikaler Straftaten kämen darin gar nicht vor. Muss dies auf Außenstehende nicht grotesk wirken?

Diese Behauptung macht wieder deutlich, dass die Autoren den Zusammenhang nicht kennen oder ihn bewusst nicht erwähnen. Dazu muss ich etwas ausholen: Mit "Sacramentum sanctitatis tutela" (SST) werden Rechtsnormen promulgiert, die solche Straftaten betreffen, welche der Glaubenskongregation vorbehalten sind. Diese Straftaten gliedern sich in drei Bereiche: Straftaten gegen die Heiligkeit der Eucharistie, solche gegen die Heiligkeit des Bußsakramentes, gegen Vergehen im Bereich der Erteilung der hl. Weihen und eben auch Straftaten gegen Sitte und Moral, darunter fällt auch der Missbrauch Minderjähriger. Wie ich versucht habe in meinem Artikel aufzuzeigen, wurde die Kompetenz im letztgenannten Bereich erst mit der Veröffentlichung von SST der Glaubenskongregation definitiv zugeschrieben. Dadurch konnte sie in jene Prozesse eingreifen, die auf der lokalen Ebene ungenügend bearbeitet wurden.
Den Straftatbestand des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger gibt es aber nicht erst seit SST. Er findet sich in can. 1395  2 des CIC, der seinen Ursprung in can. 2359  2 des CIC/1917 hat; es gibt aber noch weiter zurückliegende Quellen. Wie in Strafgesetzen üblich, wird die Straftat als solche beschrieben. Den Einwand der Verfasser verstehe ich daher nicht, denn das Deutsche Strafgesetzbuch regelt den sexuellen Missbrauch nicht viel anders. Auch da steht er nicht allein, sondern inmitten vieler anderer Straftaten, wie es eben für einen Gesetzestext üblich ist. Wenn man also SST betrachtet, muss man immer den Gesamtzusammenhang im Blick haben. Dann sind die Formulierungen auch nicht grotesk, sondern logisch.

2010 stellte der Vatikan unter Papst Benedikt mit einer überarbeiteten Fassung von SST die neuen Normen über die der Glaubenskongregation vorbehaltenen schwerwiegenden Delikte vor. Darin wurde etwa die Verjährungsfrist von Missbrauchstaten verlängert. Die Autoren bemängeln, dass es weiterhin keine Anzeigepflicht gegenüber staatlichen Behörden oder einen Nebenklägerstatus von Betroffenen gab. Eine berechtigte Kritik?

Nein! Die Zusammenarbeit mit den staatlichen Behörden hat es immer gegeben. Oft wurden und werden Missbrauchsfälle ja erst bei den staatlichen Behörden angezeigt und kommen dann erst der Kirche zur Kenntnis. Wenn die kirchlichen Behörden einen Missbrauchsfall den staatlichen Behörden melden - wie es seit dem Pontifikat Benedikts XVI. Pflicht ist und wie es in einem Schreiben der Glaubenskongregation an die Bischofskonferenzen vom Mai 2011 noch einmal deutlich gemacht wurde -  werden diese Meldungen staatlicherseits oft wegen erfolgter Verjährung nicht weiterverfolgt. Wenn die staatlichen Behörden die Verjährung nicht zeitweilig aufheben (wie dies einige Staaten in den USA gemacht haben), sind die Verjährungsfristen im kirchlichen Recht wesentlich länger (20 Jahre nach dem 18. Geburtstag der Opfer; soviel zu deren Nichterwähnung) und es besteht die Möglichkeit, sie auszusetzen. Diese Möglichkeit gibt es im staatlichen Recht nicht.

"Was braucht jemand, der in der Kirche Verantwortung trägt mehr,
als einen einfachen und gesunden Glauben,
wie er Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. auszeichnet?"

Ein durchgängiges Thema des Buchs ist der kindliche Glaube Joseph Ratzingers, den er sich auch als Kardinal und Papst bewahrt haben soll. Das gipfelt dann am Ende des vierten Kapitels in dem Vorwurf, für einen Menschen in leitender kirchlicher Verantwortung sei das "alles andere als wünschenswert".

Zunächst einmal möchte ich feststellen, dass die Einfachheit im Glauben die beste Voraussetzung ist, um diesen zu ergründen und theologisch zu reflektieren. Der Glaube stellt keine Begrenzung der Vernunft dar, sondern umgekehrt, eröffnet er einen weiteren Horizont, der über das Natürliche hinausreicht. Das Thema "Glaube und Vernunft" zieht sich wie ein roter Faden durch Joseph Ratzingers Lehrtätigkeit und durch seine Jahre als Präfekt wie auch als Papst. Nicht ohne Grund halten ihn gerade aufgrund dieser Qualitäten viele 2016 hat Papst Franziskus dies ganz explizit so dargestellt  ihn für einen Kirchenlehrer.
Daher möchte ich auf die Frage mit einer Gegenfrage antworten: Was braucht jemand, der in der Kirche Verantwortung trägt mehr, als einen einfachen und gesunden Glauben, wie er Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. auszeichnet? Andere Fähigkeiten der Leitung kommen dann dazu. Aber, ohne Glauben können wir als Priester unsere Arbeit nicht tun, selbst dann nicht, wenn sich diese vorwiegend auf die Lehre oder die Leitung beschränken sollte, denn die Theologie ist die Reflexion über den Glauben. Die Menschen merken schnell, ob sie einen Bürokraten vor sich haben oder einen wirklich Glaubenden, der durch den Glauben seine kirchliche Verantwortung noch ernster nimmt, weil er sich vor Gott verpflichtet weiß, dem gegenüber er eines Tages Rechenschaft ablegen muss. Das hat Benedikt XVI. vorbildlich vorgelebt und noch einmal in seinen "Letzten Gesprächen" bezeugt. Auf Seiten der Missbrauchstäter hat dieser Glaube hingegen oft gefehlt, sonst wären sie wohl kaum zu solch ungeheuerlichen Taten fähig gewesen, wie Papst em. Benedikt XVI. in seinen Reflexionen aus dem Jahr 2019 zu Recht dargelegt hat.

Einer der spektakulärsten Missbrauchsfälle ist der des Ordensgründers der Legionäre. Ende der 90er waren Beschuldiger P. Maciels in der Glaubenskongregation. Kardinal Ratzinger trafen sie kurz. Spätestens ab da war er über den Fall Maciel informiert. Die Autoren fragen: Warum geschah nicht damals bereits etwas?

Der Präfekt der Glaubenskongregation ist kein Despot, dessen Wille Gesetz ist. Wenn die Autoren in ihrem Buch durchgängig Kardinal Ratzinger und die Kongregation gleichsetzen, unterläuft ihnen ein weiterer kapitaler Fehler. Die Ergebnisse der Glaubenskongregation werden von vielen Beratungen und langwierigen (man könnte sagen synodalen) Prozessen bestimmt, in denen viele mitreden (denken Sie daran, wie lange das Lehrverfahren gegen Hans Küng gedauert hat). Und auch, wenn in den Organen der Kongregation eine Entscheidung gefallen ist, muss sie  in wichtigen Fällen  dem Papst vorgelegt werden. Offensichtlich ist Kardinal Ratzinger im Hinblick auf P. Maciel auf Widerstand gestoßen und konnte erst spät den Kirchenanwalt zur Untersuchung schicken. Aber als Papst konnte Benedikt frei handeln. Da erlegte er P. Maciel 2006 aber nur ein Bußschweigen auf. Auf einen kanonischen Strafprozess wurde mit Hinweis auf dessen Alter verzichtet. War es ein Fehler, dass Benedikt Gnade vor Recht hat ergehen lassen?
Er hat nicht Gnade vor Recht ergehen lassen. Er hat getan, was in der Situation möglich war. Und auch da hat es noch Widerstände gegeben. Die Vorbereitung eines kanonischen Strafprozesses hätte lange gedauert und vermutlich hätte Maciel dessen Eröffnung nicht mehr erlebt. Die Anwendung des Rechts ist auch immer von dem Grundsatz geprägt: tun, was möglich ist.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.