Vatikanstadt

Woran die Pastoral heute leidet

Über die Beziehung zwischen dem Glauben des Einzelnen und dem Empfang eines Sakraments hat die Internationale Theologen-Kommission ein neues Dokument vorgelegt.

Kirchliche Trauung
Ob Brautleute die Kirche nur als festlichen Rahmen oder auch um des Evangeliums willen betreten, zählt für die Kirche. Foto: Harald Oppitz (KNA)

In sechsjähriger Arbeit hat die bei der vatikanischen Glaubenskongregation angesiedelte Internationale Theologen-Kommission ein Dokument über „die wechselseitige Beziehung zwischen dem Glauben und den Sakramenten in der sakramentalen Ökonomie“ veröffentlicht, das eine der drängendsten Schwächen der Pastoral von heute berührt: den mangelnden Glauben bei denen, die ein Sakrament der katholischen Kirche empfangen. Nicht nur die Päpste Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus, sondern auch mehrere Synoden über die Familie – jene von 1980, 2014 und 2016 – und jene von 2005 über die Eucharistie haben den Finger in diese schmerzliche Wunde gelegt.

Neue Antworten gibt das Dokument nicht

Neue Antworten gibt das Dokument allerdings nicht. Bisher nur auf Spanisch und Englisch erschienen und von einer Unterkommission unter Leitung des Jesuitentheologen Gabino Uríbarri Bilbao, seit 2009 Dekan der Theologischen und Kirchenrechtlichen Fakultät der Päpstlichen Universität in Madrid, erarbeitet, fasst der Text die dogmatischen Aspekte des Themas zusammen, etwa die Tatsache, dass die Offenbarung und die Geschichte der Erlösung besonders in Hinblick auf die Menschwerdung Gottes einen sakramentalen Grundzug haben, was bedeutet, dass der christliche Glaube als Antwort auf die sakramentale Offenbarung selber eine sakramentale Charakteristik hat.

Das gilt für alle Sakramente, vor allem aber die katholische Ehe, bei der etwa der Glaube der Empfänger des Sakraments eine entscheidende Rolle spielen kann, wenn es um die Erklärung der Nichtigkeit einer kirchlich geschlossenen Ehe geht. Wie Uríbarri Bilbao jetzt gegenüber „VaticanNews“ erläuterte, habe die Internationale Theologen-Kommission die komplexe Frage des Verhältnisses von Glaube und Sakramenten aus der Sicht der dogmatischen Theologie durchleuchtet, und die „kirchenrechtliche Regelung der Feier und der Gültigkeit des Sakraments der Ehe leitet sich von der dogmatischen Wahrheit hierzu ab. Wenn die Lehre, die wir vorschlagen, akzeptiert wird, ist es dann Aufgabe der Kanonisten, die juristische Tradition bei den Ehenichtigkeitsverfahren entsprechend zu strukturieren.“

Dogmatiker spielen Ball an Kirchenrechtler weiter

Die Dogmatiker spielen den Ball jetzt also an die Kirchenrechtler weiter. Professor Markus Graulich, Untersekretär im Päpstlichen Rat für die Gesetzestexte, macht gegenüber der „Tagespost“ darauf aufmerksam, dass bei allen Sakramenten der Glaube eine wichtige Rolle spiele, das gelte selbst bei der Kindertaufe, wo der soeben geborene Täufling zwar selber nicht glaube, aber die Eltern glaubhaft versichern müssen, dass sie, die Taufpaten oder ein anderer Verwandter eine Erziehung des Kindes im Glauben der Kirche sicherstellen könnten. Das Dokument der Theologen-Kommission bietet für Graulich „Perspektiven“ und „Optionen“, die zum weiteren Nachdenken anregen. So sei jetzt die Zeit reif, dass Dogmatiker und Kanonisten in einen Dialog über das Verhältnis von Glaube des Empfängers und den Sakramenten treten würden. Aber der rote Faden, dem das Dokument der Kommission folge, sei die Lehre der Päpste, vor allem von Johannes Paul II. So hat dieser schon in „Familiaris consortio“ 68 ausgeführt, dass der Seelsorger, wenn er erkennt, dass Ehebewerber explizit und formal das zurückweisen würden, was die Kirche über die Ehe lehrt, und sich von dem Seelsorger auf dem Weg in die Ehe auch nicht begleiten lassen wollen, die beiden Kandidaten nicht zur kirchlichen Trauung zulassen darf. Dieses Prinzip machte sich im Gespräch mit „VaticanNews“ auch Uríbarri Bilbao zu eigen.

Eine weitere Konstante im jüngsten Dokument der Theologen-Kommission im Verhältnis zur bisherigen Lehre der Päpste besteht für Graulich in der Tatsache, dass der Text sowohl einen „sakramentalen Automatismus“ – wer einmal getauft ist, kann auch alle anderen Sakramente empfangen – wie einen „sakramentalen Rigorismus“ ablehnt, der den Empfang eines Sakraments an strengste Bedingungen knüpft. Aber ohne Glaube, so der deutsche Vatikanprälat, sei kein Sakrament zu haben. Im Grunde sei das Ergebnis der Theologen-Kommission und ihres Dokuments ein Aufruf an die Katechese, die Vorbereitung auf die Sakramente – vom Katechumenat über die Vorbereitung auf die Erstkommunion und auf die Firmung bis zur Ehevorbereitung – wieder ernster zu nehmen, so Graulich. Man müsse in der Verkündigung wieder mehr über die Sakramente sprechen. Der Handlungsbedarf bestünde nicht in neuen kirchenrechtlichen Normen, sondern in der Anwendung der bestehenden sowie im Ernst nehmen der übrigen kirchlichen Empfehlungen, was darauf hinauslaufen würde, dass den bewährten Maßgaben für die Hinführung von Bewerbern auf den Empfang eines Sakraments wieder Folge geleistet wird.

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