Frankfurt/Main

Woelki beklagt Protestantisierung der katholischen Kirche

Nach der Synodalversammlung zieht der Kölner Erzbischof eine verheerende Bilanz: Alle meine Befürchtungen sind eingetreten. Es ist schwierig, noch zu erkennen, was die katholische Kirche ausmacht. Der Kardinal ist überzeugt: Es kommt jetzt auf uns Bischöfe an.

Kardinal Woelki, Woelki beklagt Protestantisierung der katholischen Kirche
Übt im Gespräch mit der Tagespost schwere Kritik an der ersten Synodalversammlung der katholischen Kirche in Deutschland: Kardinal Rainer Maria Woelki. Foto: Marius Becker (dpa)

Herr Kardinal, welche Bilanz ziehen Sie nach der ersten Synodalversammlung? 

Es wurde intensiv miteinander gesprochen und gestritten, aber insgesamt sind alle meine Befürchtungen eingetreten. Meine große Sorge, dass hier durch die Art der Verfasstheit und der Konstituierung dieser Veranstaltung quasi ein protestantisches Kirchenparlament implementiert wird, hat sich als berechtigt erwiesen. Es hat sich gezeigt, dass hier ekklesiologische Grundfesten der Kirche nicht mehr relevant sind. Im Grunde hat sich ein eher ins Protestantische hineinreichendes Kirchenverständnis gezeigt. Das macht es schwierig, noch zu erkennen, was die katholische Kirche  ausmacht.    

Mit der Synodalversammlung ist der Eindruck entstanden, die Kirche solle politisiert und protestantisiert werden. Was raten Sie den einfachen Gläubigen in ihren Pfarreien? Wie sollen sie damit umgehen? 

Das ist in der Tat eine große Schwierigkeit. Es wird hier auf uns Bischöfe ankommen. Es wird darauf ankommen, dass wir zu unserer Verantwortung stehen, die uns von der Weihe her aufgetragen ist. Es wird darauf ankommen, dass wir das Apostolische, das uns übertragen ist, stark machen und dass wir den Glauben und die Lehre der Kirche bezeugen.

"Wir müssen die Schätze des Glaubens neu entdecken und sie in unsere Zeit hinein übersetzen."
Kardinal Rainer Maria Woelki

Nur weil viele heute Schwierigkeiten mit dem Glauben der Kirche haben oder ihn nicht verstehen, können wir doch nicht sagen, Glaube und Lehre seien falsch oder nicht mehr relevant für eine neuzeitliche, moderne, demokratische Gesellschaft. Das kann es ja wohl nicht sein.  

Im Gegenteil: Wir müssen die Schätze des Glaubens neu entdecken und sie in unsere Zeit hinein übersetzen. Da liegt eine große Verantwortung auf uns. Dieser Verantwortung will ich mich gern stellen.

Bischof Gerber berichtete von der Erfahrung in den Gruppen, wonach für viele, die sich hier beteiligen, Theologie und Tradition von nachgeordneter Bedeutung sind. Was können Sie als Bischof tun, um hier wieder ein angemessenes Bewusstsein für die Bedeutung von Theologie und Tradition zu bewirken? 

Das ist natürlich eine große Schwierigkeit. Diese Schwierigkeit besteht darin, dass viele einfach nicht mehr wissen, was die Kirche ist. Dass sie eben auch „von oben“ ist. Die Kirche ist zwar auch eine menschliche Gesellschaft, aber sie hat eine göttliche Dimension. Beide Dimensionen wirken ineinander. Die Kirche ist hierarchisch gestiftet. Es gibt in ihr nicht die hier oft propagierte „Augenhöhe“, die alles gleich macht. Als Bischof habe ich von der Weihe her eine andere Aufgabe, eine andere Vollmacht, die mich in die Tradition der Apostel stellt und mir im Gesamt der Kirche zuweist, für den Leitungs- und Heiligungsdienst der Kirche verantwortlich zu sein. Insofern können wir die Kirche nicht einfach in neuzeitlichen, demokratischen, republikanischen Kategorien denken. Die Kirche ist in der Tat "sui generis" und sie lebt von Voraussetzungen, die wir nicht selbst schaffen können, sondern die uns von Christus gegeben und vorgegeben sind.

Es gab viele Gespräch auch am Rande der einzelnen Sitzungen der Synodalversammlung. Nehmen Sie auch positive und konstruktive Eindrücke mit? 

Mich hat wirklich bewegt, wie vielen auch jungen Menschen der Glaube der Kirche noch etwas sagt und wie sie darin leben. Mich hat bewegt, wie viele gesagt haben, dass für sie die Feier der Eucharistie ganz wichtig in ihrem Tagesablauf ist. Sie haben es schmerzlich vermisst, dass am Samstagmorgen keine Eucharistiefeier war, sondern nur ein Wortgottesdienst angeboten wurden. Und das, obwohl so viele Priester und Bischöfe da waren.

Bei vielen war eine Liebe zur Kirche und zum Glauben zu spüren. Das möchte ich niemandem absprechen, auch wenn ich vieles, was hier gesagt wurde, persönlich so nicht teilen kann.   

DT

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