Vatikanstadt

Wie laut schwieg Pius XII.?

Historiker zeichnen in New York ein anderes Bild des Pacelli-Papstes.

Pius XII. beim Segen
Hätte offener Protest genützt? Papst Pius XII. erteilt nach einer Radioansprache den päpstlichen Segen. Foto: KNA

Es ist eine faszinierende Geschichte, dass die Kirchen Leben rettete, indem sie Lügen erzählte.“ Matteo Luigi Napolitano ist nur einer von vielen Experten, die den alten Vorwurf entkräften wollen, Papst Pius XII. (1939–58) habe zum Holocaust geschwiegen.

Der Professor der Universität Molise – Fachgebiet Geschichte der Diplomatie – will Belege dafür gefunden haben, dass Pius XII. während der Besatzung durch die Wehrmacht sogar falsche Dokumente ausstellen ließ, um so tausenden Juden das Leben zu retten. Napolitano ist einer von mehreren Experten, die am Nachmittag des 27. Januars nach New York gekommen sind, um die Rolle der Kirche während der NS-Zeit zu beleuchten. Der Ständige Beobachter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen, Erzbischof Gabriele Caccia, hatte dafür am 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers in Auschwitz die Konferenz „Der Vatikan und der Holocaust“ organisiert.

Wollte Hitler Pius XII. entführen?

Unter den Rednern war auch Gary Krupp. Krupp leitet die „Pave the Way Foundation“ (PTWF). Die Organisation möchte nach eigenen Angaben „nicht-theologische Hindernisse zwischen den Religionen identifizieren und beseitigen“ und hat in der Vergangenheit bereits mehrfach die Verdienste von Pius XII. zur Rettung der Juden gelobt. In seinem Beitrag erinnerte Krupp an die Arbeit des amerikanischen Journalisten Dan Kurzman. Der Auslandskorrespondent der „Washington Post“ hatte berichtet, dass Hitler den Plan gehabt habe, Pius XII. in einer als Rettungsmission getarnten Kommandoaktion zu entführen, weil bekannt geworden war, dass der Pontifex römische Juden versteckte. Kurzmans Quelle war der deutsche SS-Mann Karl Wolff, seit 1943 „Höchster SS- und Polizeiführer“ in Italien und nach dem Krieg in US-Kriegsgefangenschaft. Wolff, der kurz vor seinem Tod 1984 zum Islam übertreten sollte, wurde während der Besatzung Roms durch die Wehrmacht am 10. Mai 1944 sogar in einer Privataudienz von Pius XII. empfangen. In Interviews habe Wolff dem Journalisten Kurzman von den Entführungsplänen erzählt. Dass Pius XII. heute für sein angebliches Schweigen in der Kritik steht, führt Krupp auf gezielte Desinformationskampagnen durch den sowjetischen Geheimdienst zurück: „Es ist eine Ironie, dass der Mann, der damals so viele Juden rettete, heute für jene der Sündenbock ist, die nach dem Krieg geboren wurden.“

Die Theorie vom staatlich organisierten Rufmord gegen den Papst wird auch vom amerikanischen Jura-Professor Ronald Rychalk unterstützt. Er verweist auf die Aussagen des ehemaligen rumänischen Geheimdienst-Generals Ion Mihai Pacepa, der 1978 zu den USA übergelaufen war und behauptet hatte, dass der Geheimdienst Spionagematerial verfälscht hatte, auf dessen Basis Rolf Hochhuth 1963 das Theaterstück „Der Stellvertreter“ schrieb. Darin wird Pius XII. als Komplize der Nazis denunziert. Rychalk zitiert Protokolle des britischen Geheimdienstes, in denen der Verdacht geäußert wird, dass Hochhuth selbst Mitarbeiter des KGB gewesen sei.

Hesemann weist Vorwurf zurück, Pius XII. sei Antisemit gewesen

Der deutsche Historiker Michael Hesemann weist den Vorwurf zurück, dass Pius XII. Antisemit gewesen sei. Bereits als Nuntius in Deutschland habe Eugenio Pacelli vor der NSDAP als eine „fanatische, antikatholische Partei“ gewarnt. Sein Vorgänger, Papst Pius XI. (1922–39) verfasste 1937 die Enzyklika „Mit brennender Sorge“, in der er die Nazi-Ideologie verurteilte. Pacelli soll maßgeblich an der Enzyklika beteiligt gewesen sein, erklärte Hesemann. Er habe beispielsweise darauf bestanden, dass der ursprünglich geplante Titel „Mit großer Sorge“ umgeändert wurde in „Mit brennender Sorge“. Als Papst habe Pius XII. amerikanischen Soldaten das „Nihil Obstat“ gegeben, um an der Seite der kommunistischen Russen gegen das Nazi-Regime zu kämpfen. Dass er den Nationalsozialismus nicht offen verurteilte, habe auch daran gelegen, dass der Krakauer Erzbischof Adam Stefan Sapieha und weitere polnische Bischöfe den Papst unter dem Eindruck des unbeschreiblichen Leids gebeten hatten, die Situation nicht weiter eskalieren zu lassen. Hesemann zitiert dabei auch den jüdischen Religionsphilosophen und Aktivisten Gerhart Riegner, der gesagt habe, dass lauter Protest „die Geschwindigkeit des Tötens“ weiter beschleunigt hätte.

Mark Riebling, Autor von „Church of Spies: The Pope's Secret War Against Hitler” unterstützt die These, dass der Papst mehrfach davor gewarnt wurde, laut zu protestieren und verweist auf die hohe Anzahl der durch den Papst geretteten Juden. „Ich persönlich würde es nicht als Schweigen bezeichnen“, so Riebling. „Sein Handeln spricht lauter als irgendwelche Worte.“ Der Autor will gar Belege dafür gefunden haben, dass Pius XII. in Attentatspläne gegen Hitler eingeweiht war. Auch Johan Ickx, Archivar des vatikanischen Staatssekretariats, stand am Montag in New York auf der Rednerliste. Spätestens ab dem 2. März 2020, so der Belgier, werde Papst Pius XII. auch vor der Weltöffentlichkeit rehabilitiert werden. Denn dann, am 81. Jahrestag der Papstwahl Pius' XII., werden auf Geheiß von Papst Franziskus endlich die entsprechenden Vatikanarchive geöffnet.

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