Belém

Von Befreiungstheologen und Söhnen Benedikts XVI.

Ganz Amazonien will Priesterehe und Frauenweihe? "Die Tagespost" hat das brasilianische Amazonasbecken durchquert - und ist auf eine Kirche mit vielen Gesichtern gestoßen.

Vor der Amazonas-Synode
Am Sonntag beginnt die Amazonas-Synode. Kommen jetzt Viri probati und Frauenweihe? Unterwegs am Amazonas. Foto: (3900735)

Am Rand des Waldes und der Kirche

Lunge der Welt? Nun, hier atmet nichts mehr. Die erste Begegnung mit dem Amazonas-Regenwald stimmt traurig. Verbrannte Erde statt blühender Flora und Fauna. Zwei Autostunden von Porto Velho, der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaats Rondonia, entfernt liegt einer der Hauptbrandherde der Feuer, deren Bilder im August um die Welt gingen. Von der Autobahn geht es irgendwann ab und über rote Erde weiter an den Rand des großen Waldes. Das Handy hat hier keinen Empfang mehr. Ein paar angesengte Bäume ragen heraus aus der Ödnis, die sich quadratkilometerweit ausbreitet. Schwere mit legalem – und illegalem? – Holz beladene Laster zerreißen bei der Vorüberfahrt die tote Stille. Rondonia ist seit den sechziger Jahren Kriegsschauplatz im Ringen zwischen Natur und Mensch. Der Hunger auf Rindfleisch, Soja und Holz wächst. Immer weiter verbeißen sich deshalb Ackerbau und Viehzucht in den Regenwald, zerren an ihm, reißen Stück um Stück heraus.

"Eine lokale Oligarchie
beherrscht das Land"
Liliane van Acken dos Santos, Anwältin

Schwester Ana Maria stellt sich schützend vor den Wald und seine Menschen – in Jeans und mit offenem Haar. Der Zorn über die illegalen Brandrodungen zur Vergrößerung der Anbauflächen ist ihr anzusehen. „Die Besitzer dieser Flächen sitzen in Rio oder Sao Paulo. Sie waren vielleicht nie hier. Aber hier machen sie viel Geld.“ Die Ordensfrau gehört dem Scalabriniani-Orden an und arbeitet für CPT, die Comissao Pastoral da Terra. Die von den brasilianischen Bischöfen anerkannte katholische NGO setzt sich für Landreform und Ökologie ein. Der Konflikt mit Politik und Wirtschaft der Region ist programmiert.

Was aber unterscheidet die Kirche hier noch von einer NGO? Schwester Ana Marias Mitstreiterin Liliane van Acken dos Santos ist um eine schnelle Antwort nicht verlegen. Die junge Anwältin sieht ihre Arbeit als Ausdruck des Evangeliums. „Unser Einsatz basiert auf der Idee der Kirche der Armen und der Theologie der Befreiung.“ Sie sagt das, während sie im CPT-Büro in Porto Velho vor einer großen Karte des Bundesstaats Rondonia steht. Die ist übersät mit bunten Punkten, die für alle möglichen Arten von Problemen stehen. Rote Punkte etwa zeugen von Landkonflikten indigener Völker mit Großgrundbesitzern. Und rote Punkte gibt es viele. „Gewiss, wir haben Gesetze zum Schutz der Indigenen wie des Waldes. Aber sie müssten auch durchgesetzt werden. Vor Ort herrscht aber meist das Recht des Stärkeren“, erklärt die Juristin. „Eine lokale Oligarchie beherrscht das Land.“

Seelsorge im Amazonas-Gebiet
Schmale Kähne wie hier im Amazonas in Coari bringen die Priester zu den weit entfernt lebenden Gläubigen. Foto: om

Man kann sich der jungen Frau und ihrer aufrichtigen Hingabe an ihre Sache nur schwer entziehen. Ihr Einsatz erfordert hier schließlich Mut und ist nicht ohne Risiko. Ein Plakat zeigt Aktivisten, Priester und Ordensfrauen, die in den letzten Jahrzehnten ermordet wurden, weil sie sich für Indigene und Landlose eingesetzt haben. Die Priorität der Kirche scheint für sie klar zu sein: Erst allgemeine Gerechtigkeit, dann individueller Glaube. Evangelisierung ist für die Frau identisch mit dem Kampf für den Wald und seine Bewohner. Die Taufe Indigener hat für sie keine Priorität. „Wie könnten wir Menschen taufen, deren Lebensraum von der Auslöschung bedroht ist?“ Ihr Held ist Dom Pedro Casaldaliga. „Er ist ein Prophet“, sagt sie mit leuchtenden Augen. Der gebürtige Spanier war lange Bischof in der Region. Basisgemeinden und Kampf für die Indigenen: Das war sein Lebensprogramm. Das Credo des Befreiungstheologen: Ich kam, um das Volk zu belehren, doch das Volk hat mich belehrt. Genau darum gehe es auch bei der Synode, meint Liliane. „Diese Region mit ihrer Mystik und Spiritualität kann die Kirche so viel lehren, wenn sie zuhört.“ Fragen wie verheiratete Priester und Frauenweihe sind für sie sekundär. „Entscheidend ist der missionarische Einsatz für die Armen. Und dazu sind alle berufen.“

Das eingeborene Antlitz der Kirche

Vom Rand ins Zentrum, von Porto Velho nach Manaus: Etwa 1 000 Kilometer und ein paar Flugstunden weiter ist man im Herzen des Amazonasregenwaldes. Die Millionenstadt Manaus liegt inmitten des Dschungels am Zusammenfluss von Amazonas und Rio Negro. Der Kautschukboom um 1900 hat die Stadt reich gemacht. Die Belle Epoque wollte Kautschuk, und die Kautschukbarone wollten die Belle Epoque. Das berühmte Opernhaus zeugt noch davon. Dass es auf einem Friedhof von Eingeborenen steht, zeigt die historische Tragik des Verhältnisses von Indios und Neuankömmlingen.

Wir sind verabredet. Der Cacique, Häuptling, des Cipia-Stammes steuert persönlich das Boot von Manaus zum Siedlungsgebiet. Ursprünglich lebten er und seine Leute in Pari Cachoeira, im Quellgebiet des Rio Negro an der Grenze zu Kolumbien. Doch die Suche nach besseren Lebensbedingungen, Schule und Gesundheitsversorgung hat sie von weit her ins Umland der großen Stadt geführt. Und sie sind nicht die Einzigen. Allein um Manaus leben 35 000 zugezogene Indios – im schmerzhaften Übergang zwischen Tradition und Moderne. Etwa eine Stunde geht es in dem schmalen Blechkahn den Rio Negro hinauf. Zu dieser Morgenstunde fließt der tatsächlich schwarz schimmernde Fluss ruhig dahin. Wenige Stunden später wird ihn ein Regensturm aufpeitschen und unpassierbar machen. Ankunft in der Siedlung. Kinder, Männer und Frauen begrüßen die Besucher in traditioneller Kleidung – die sie für die Touristen angelegt haben. Die Oberkörper der Frauen sind nackt. Die Männer tragen – Zugeständnis an die neue Zeit –schwarze Badehosen unter dem knappen Hüftschmuck. Gleich wird ein Flussschiff voller Touristen aus Sao Paulo kommen. Kunsthandwerk und Folklore für die Touristen sind wichtige Einnahmequellen. Der Häuptling führt in das große Gemeindehaus. Wohlduftende Hölzer werden in der großen mit Palmwedeln gedeckten Holzhütte verbrannt. Ein Papageienpärchen dreht wilde Runden im Gebälk.

Siedlung der Flussbewohner
In den Siedlungen der Flussbewohner wird die Eucharistie oft nur wenige Male im Jahr gefeiert. Foto: om

Häuptling Domingo ist Katholik – und überzeugter Medizinmann. Katholischen Glauben und die Geisterbeschwörung seiner Vorfahren verbindet er in seiner Person. Von seinem Vater hat er das Amt des Paje, des Medizinmannes, geerbt. Gegen Magenbeschwerden reicht er frisch vom Baum gepflückt Caju, die Frucht, der die Cashew-Nuss entspringt. Vorher haucht er das gesunde Obst immer wieder an und spricht leise beschwörende Gebete. „Die Salesianer, die uns missioniert haben, haben keinerlei Respekt für unsere Kultur gezeigt. Alles war Sünde: Unsere Körperbemalung, unsere Tänze und Gesänge, unsere traditionelle Medizin. Unser Ritualhaus wurde von den Patres nur böses Haus genannt. Das hat uns verletzt und uns vieles von unserer Kultur genommen“, klagt er. Seine Häuptlingsvorgänger hätten drei und mehr Frauen gehabt. Aber das sei mit dem Gesetz Gottes nicht vereinbar, gibt er zu. „Und außerdem ist es zu teuer geworden, so viele Frauen zu unterhalten.“ Heute sei der Respekt der Kirche vor ihrer Kultur besser geworden, meint er. „Die Patres schämen sich für das, was ihre Vorgänger meinen Vorfahren angetan haben.“

"Wir wollen, dass die Messe in unseren
Sprachen gefeiert wird und dass unsere
Gesänge verwendet werden. Unsere
traditionelle Spiritualität muss Eingang finden"
Marcivana Satere Mawe, Idigenenseelsorge Manaus

Marcivana Satere Mawe stimmt ihm zu. Die Frau in mittleren Jahren arbeitet für die Indigenenseelsorge der Erzdiözese Manaus. Sie gehört selber einem Stamm südlich der Stadt an und sieht sich als Anwältin der indigenen Kultur. „Wir waren hier, lange bevor die Europäer ankamen“, meint sie kämpferisch. Brasiliens Nationalfeiertag am 7. September ist für sie deshalb kein Tag der Freude, sondern des Einsatzes für die Indigenen. Die Kirche sieht sie heute als große Anwältin der Indios und ihrer Kultur. Aber es gibt noch viel zu tun. „Wir wollen, dass die Messe in unseren Sprachen gefeiert wird und dass unsere Gesänge verwendet werden. Unsere traditionelle Spiritualität muss Eingang finden. Auch der Medizinmann sollte einbezogen werden.“ Marcivana wird an der Synode in Rom als Auditorin teilnehmen und sich dabei für Inkulturation und Priesterehe einsetzen. „Ich werde in Rom natürlich den Schmuck unseres Volkes tragen und mein Gesicht nach unserer Art bemalen. Wir wollen schließlich eine Kirche mit indigenem Antlitz.“

An der pastoralen Front

Es geht den Amazonas stromaufwärts nach Coari. Der Ort liegt 30 Schiffsstunden von der Provinzhauptstadt Manaus entfernt. Auch mit dem komfortableren Schnellboot sind es noch neun Stunden. Ankunft in der 100 000-Einwohner-Stadt. Der Hafen wirkt wie aus der Zeit gefallen. Die buntbemalten Amazonas-Dampfer liegen schwer im Hafen. Material und Menschen brauchen Erholung. Männer mit gegerbten Gesichtern und Zigarette im Mundwinkel tragen schwitzend Lasten an Land. Was hätte Hemingway aus einer solchen Szene gemacht! Bischof Marek Piatek kommt persönlich an den Hafen. Weißes Kollarhemd, Stoffhose, geschlossene Schuhe: Gemessen an der Bischofsmode der Region – T-Shirt, Jeans, Sandalen – macht ihn das phänotypisch fast zum Barockfürsten. Der polnische Redemptorist aus dem Krakauer Umland lebt seit über 30 Jahren in Brasilien. Seit 2011 ist er Bischof von Coari, ein Gebiet so groß wie die Schweiz – und doch mit nur 350 000 Katholiken. „Genau das ist unser Hauptproblem“, meint er. „Die riesige Fläche und die weiten Entfernungen machen die Seelsorge zu einer echten Herausforderung.“

Mit dem Jeep geht es durch Coari. Unweit des Stadtzentrums wohnt die Armut, breiten sich Favelas über die Hügel. In den Gesichtern mischen sich indigenes Erbe und europäisches Blut. Coboclos, Mischlinge, heißt dieser Typus in Brasilien. Das Leben spielt auf der Straße. Händler bieten Waren an. Fleisch und Fisch werden gebraten. Musik dröhnt aus Boxen. Junge Menschen feiern das Leben. Ein Tourist auf der Suche nach dem echten Brasilien: Hier käme er auf seine Kosten. Doch die ausgelassene Buntheit darf nicht täuschen: „Es gibt hier riesige Probleme“, erklärt Dom Marek. „Nicht nur Arbeitslosigkeit und Armut. Wir liegen hier auf der Drogenroute. Kokain und alles Mögliche strömen aus Kolumbien ungehindert über den Fluss herein. Schon Kinder werden als Drogenkuriere missbraucht. Wer nicht zahlen kann, wird ermordet. Alkoholisierte Väter und Brüder missbrauchen Töchter und Schwestern. Promiskuität und Abtreibungen sind allgemein. Das moralische Elend ist groß.“

Oliver Maksan besucht den gerodeten Regenwald bei Porto Velho.
Oliver Maksan besucht den gerodeten Regenwald bei Porto Velho. Foto: om

Am anderen Morgen. Bischof im Amazonas sein, heißt unterwegs sein, meist auf dem Fluss. Straßen gibt es kaum. Die langen Blechkähne sind wackelig. Man muss das Gleichgewicht halten, will man den schmalen Kahn nicht zum Kentern bringen. Allein der Gedanke an Anacondas und Piranhas und was sich sonst in dem trüben Gewässer tummeln mag, diszipliniert. Aus dem Hafen von Coari zieht das Boot stromabwärts. Ziel sind die Ribeirinhos, die Anrainer des großen Stromes. Am schlammigen Ufer geht es die Böschung hinauf. Jetzt in der Trockenzeit Mitte September stehen die Holzhäuser auf Stelzen im Trockenen. In ein paar Monaten wird der Fluss alles überschwemmen. Auch die dem Kinde Jesus geweihte Kirche wird dann nur mit dem Kanu erreichbar sein. Paulo und Maria Souza de Aguir betreiben wie fast alle bescheidenen Ackerbau und Fischfang. Sie leiten hier sonntags den Wortgottesdienst. Eine Messe gibt es nur alle paar Monate. „Wir wünschen uns, dass der Padre öfter kommt“, meint das Ehepaar. Ob sie sich verheiratete Priester vorstellen können? „Ja, warum nicht, wenn es dann mehr Priester gäbe.“

Auf der Rückfahrt nach Coari ist Dom Marek nachdenklich. „Wenn ich verheiratete Indios oder Ribeirinhos ohne Schulbildung und Studium zu Priestern weihe, schaffe ich einen Zwei-Klassen-Klerus“, gibt er zu bedenken. „Was predigen sie ohne Studium? Wie unterweisen sie im Glauben? Und wie sollen diese guten Leute entscheiden können, wer zur Eucharistie hinzutreten darf?“ Der in Rom promovierte Moraltheologe macht sich tatsächlich Gedanken über den würdigen Empfang der Eucharistie. Für viele seiner Mitbrüder dürfte das wahrscheinlich keine drängende Frage sein. Doch Dom Marek sieht das anders. „Die Menschen sagen, sie würden keine schweren Sünden begehen. Aber sind denn hier alle Heilige? Die Beichtmoral ist völlig zusammengebrochen. Was wir brauchen ist ein echter Aufbruch in der Neuevangelisierung. Darauf kommt es an und dafür werde ich mich bei der Synode einsetzen.“

Ein Seminarist will den Zölibat

Ananindeua im Bundesstaat Para liegt unweit des Atlantik: Padre Mateus da Costa lebt in einer der gefährlichsten Ecken Brasiliens, das wiederum als gefährlichstes Land der Welt gilt. Ein Beispiel? „Vor einiger Zeit wurde vor der Seminarmauer eine Frau vergewaltigt und dann gesteinigt“, meint der junge Brasilianer, als er durch den Garten des Hauses führt. „Eine Drogengeschichte.“ Hohe Mauern und Eisengitter umgeben das Haus. Padre Mateus ist als Vizerektor in der Ausbildung des Seminars Redemptoris Mater tätig. Das Haus des Neokatechumenalen Weges bildet Priester für die Mission aus. An die Synode hat er klare Erwartungen: „Wir brauchen eine Wiederentdeckung des Glaubens. Hier fehlt der Glaube an Christus. Es gibt zwar viel Volksfrömmigkeit, aber der überzeugte persönliche Glaube fehlt. Dementsprechend haben wir riesige Probleme: Drogen, Gewalt, Missbrauch, zerbrechende Familien.“

"Viele Priester haben sich über Jahre nur um
das Materielle und Soziale
gekümmert. Das aber ist zu wenig"
Padre Mateus da Costa

Die Schuld an der Misere sieht der junge Priester nicht zuletzt bei der Befreiungstheologie. „Viele Priester haben sich über Jahre nur um das Materielle und Soziale gekümmert. Das aber ist zu wenig.“ Natürlich müsse die Kirche den Armen helfen. „Aber es gibt auch eine nicht materielle Armut, eine existenzielle. Sie zu lindern ist die erste Aufgabe der Kirche.“ Darüber zu sprechen sei Aufgabe der Synode. Er fürchtet aber, dass in Rom falsche Prioritäten gesetzt werden. Entsprechend besorgt schaut er auf die Wochen in Rom. Fällt der Zölibat in Amazonien, fällt er auch in anderen Teilen der Weltkirche, ist er überzeugt. Dabei sieht er die Weihe verheirateter Männer nicht als Lösung. „Die Kirche müsste tun, was sie immer getan hat in der Krise: evangelisieren, den Glauben bekennen, die Begegnung mit Jesus ermöglichen. Es gibt eine Krise der Berufungen, weil nicht evangelisiert wird. Wird evangelisiert, wird es Berufungen geben.“ Seminarist Andrea Georgi Costagois stimmt ihm zu. Der junge Mann ist erkennbar Nachfahre der Ureinwohner des Kontinents. Er stammt aus Tabatinga, jener brasilianischen Stadt im Dreiländereck zu Peru und Kolumbien. „Der Zölibat ist ein Geschenk“, meint er. „Es ist die Lebensform Christi. Jetzt die Priesterehe einzuführen ist der einfachste Weg, die breite Tür. Aber das Evangelium will, dass wir durch die schmale Pforte gehen.“

Der letzte Ratzingerianer

Sollte es in den Weiten Amazoniens noch einen Ratzingerianer geben, dann ist es sicher Padre Joao Paulo de Mendonca Dantas. Seine Habilitation hat er in Lugano in der italienischen Schweiz abgelegt. Ratzingers Theologie fühlt er sich verbunden. Es dürfte nicht viele Priester in Brasilien geben, die im Alltag Soutane tragen. Der Geistliche – Dogmatikprofessor an der katholischen Fakultät von Belem und Berater der brasilianischen Bischofskonferenz in Glaubensfragen – ist sicher einer der schärfsten Kritiker der Synode – wenigstens der Synode, wie sie sich entwickelt. Damit stehe er nicht allein, meint er, als er im Innenhof der Fakultät empfängt. „Unsere Seminaristen sind perplex. Sie haben sich in die Kirche zu Zeiten Benedikts XVI. verliebt. Sie sind seine Söhne. Und jetzt das.“

"Die Idee des Papstes, eine Synode für Amazonien
einzuberufen, war gut und notwendig. Unsere vergessene
Region hat es unbedingt nötig, über den
Glauben und seine Weitergabe nachzudenken"
Padre Joao Paulo de Mendonca Dantas

Grundsätzlich ist er dabei keineswegs gegen die Synode. „Die Idee des Papstes, eine Synode für Amazonien einzuberufen, war gut und notwendig. Unsere vergessene Region hat es unbedingt nötig, über den Glauben und seine Weitergabe nachzudenken. Aber leider werden Themen einer kleinen Gruppe wie Priesterehe, Frauenweihe oder gar die Änderung der Materie der Eucharistie – Acai und Maniok statt Wein und Brot – plötzlich zu zentralen Themen. Aber das sind sie sicher nicht.“ Das Arbeitspapier der Synode hält er vor allem wegen seiner Defizite für ein Problem. „Es fehlt die Christologie, es fehlt die Betonung der übernatürlichen Gnade. So heißt es da: Christus habe uns die Fülle des Lebens gebracht – um dann von Bäumen, Flüssen und Biodiversität zu sprechen. Jesus aber hat uns das ewige Leben gebracht, nicht einfach nur den natürlichen bios!“ Der Professor kritisiert auch das Verfahren, das zur Vorbereitung der Synode geführt hat, besonders das Amazonas-Netzwerk REPAM. „Sie haben sich überall zu Konferenzen getroffen. Mit welchem Geld hat REPAM das finanziert? Mit deutschem! Zwei Jahre lang haben sie den Bischöfen dasselbe gesagt. Einzige Lösung seien Viri Probati, seien Diakoninnen usw.“ Themen und Sprecher seien nach einer strengen Regie ausgewählt worden. Am Ende habe man gefragt: Will noch jemand etwas anmerken? „Sollen schlecht ausgebildete Bischöfe dann aufzeigen und sagen: Ich bin mit nichts hier einverstanden – wenn Kardinal Hummes dabei ist und Dom Erwin, der Freund des Papstes?“

Dom Erwin meint Bischof Kräutler. Der Österreicher leitete lange Jahre die Prälatur Xingu in Amazonien. „Kräutler ist sicher ein überzeugender Kämpfer für den Wald und die Indios. Und da hat er zweifellos ein beindruckendes Lebenszeugnis abgelegt. Aber als Bischof? Wieviele Priester hat er geweiht? Sein Seminar hat er geschlossen. Er hat keine Berufungen inspiriert. Die jungen Leute sahen einen NGO-Leader, keinen Bischof. Sein Nachfolger denkt auch an den Wald und die Indios, aber nicht nur. Er betreibt traditionelle Berufungspastoral – und siehe: Er hat Neueintritte.“

Besonders ereifert sich Padre Joao Paulo über Kräutlers jüngstes Wort, er habe in seinem ganzen Leben noch keine Indios getauft und werde es auch nicht tun. „Das ist genau der Geist, der unser Verhältnis zu den Indigenen bestimmt. CIME, die für die Indigenenpastoral zuständige Organisation, will die Kultur der Indios erhalten, nicht den Glauben verbreiten. Aber was ist das für ein Menschenbild? Wir zwingen, wenn wir Christus verkünden, niemandem etwas auf, sondern nehmen unser Gegenüber ernst.“ Den Fokus auf die Indigenen hält der Professor ohnehin für einseitig. „Indios machen kaum ein Prozent der Bevölkerung aus, und Ungetaufte gibt es noch viel weniger. Es leben viele andere Menschen in dieser schwer zugänglichen Gegend. Sie brauchen eine Erfahrung von lebendiger Kirche. Ich lade auch Katholiken und geistliche Gemeinschaften in Europa ein, darüber nachzudenken, was sie für Amazonien machen können. Warum kommen sie nicht für eine Zeit hierher? Die Menschen hier haben ein Recht auf Christus. Wenn die ganze Kirche sich verantwortlich fühlt, kann der Glaube in Amazonien neu aufblühen.“