San Remo

Unordnung durch Neuordnung

Vor 100 Jahren zog die Konferenz von San Remo die Grenzen im Nahen Osten neu. Die Folgen sind noch heute spürbar.

Delegierte der San Remo Konferenz
Delegierte der San Remo Konferenz, April 1920. Foto: eipa.eu.com / https://commons.wikimedia.org/wiki/File:San_Remo_Conference_1920.JPG

Der Erste Weltkrieg und seine Folgen waren für unsere Geschichte von so einschneidender Bedeutung, dass wir oft vergessen, wie damals auch die Verhältnisse im Nahen Osten neu gestaltet wurden . Vom 19. bis zum 26. April 1920 stellten die Siegermächte in der Konferenz von San Remo die Weichen für die Zukunft der arabischen Teile des ehemaligen Osmanischen Reiches, das jetzt aufgelöst werden sollte.

In San Remo erfolgte im Wesentlichen die Aufteilung des arabischen Vorderasien unter England und Frankreich, allerdings vor einem sehr komplexen Hintergrund, den Zusagen und Vereinbarungen bildeten, welche bereits im Vorfeld gemacht worden waren. Ausgehend von der Annahme, dass in den arabischen Regionen des Osmanischen Reiches noch keine Voraussetzungen bestanden, unabhängige Staaten zu gründen, sollten England und Frankreich die Kontrolle über diese Regionen vorläufig als Völkerbundsmandate übernehmen. An England fiel Mesopotamien, das Zweistromland, also der heutige Irak.
Ebenso übernahmen die Briten Palästina einschließlich der Gebiete östlich des Jordans. Zu Frankreich kam „Syrien“ einschließlich des heutigen Libanon.

Auch Öl spielte eine wichtige Rolle

Auch Öl spielte damals schon eine wichtige Rolle: Im Rahmen der Konferenz wurde ein bilaterales Ölabkommen zwischen England und Frankreich geschlossen, das Frankreich den Anteil der Deutschen Bank (25 Prozent) an der Turkish Petroleum-Company (deren Mehrheit in britischen Händen verblieb) zusprach. Die Regelung von San Remo ging zurück auf das Sykes Picot-Abkommen, in dem Briten und Franzosen 1916 Einflusszonen abgesteckt und eine Aufteilung der erwarteten territorialen Beute in Nahost nach dem Kriegsende entworfen hatten. Frankreich hatte hier bereits Vorarbeit geleistet: Auf seine bis ins Mittelalter zurückreichenden Beziehungen zu den christlichen Maroniten, die im Libanongebirge, einem schwer zu kontrollierenden Rückzugsgebiet siedelten, aufbauend, hatten sie angesichts von Christenverfolgungen 1860 im Libanon interveniert und ein Autonomiestatut für das Libanongebirge durchgesetzt. Dies hatten ihnen die libanesischen Christen nicht vergessen.

Das Sykes-Picot-Abkommen jedoch war nicht die einzige Vereinbarung, die in diesen Jahren die Zukunft des Nahen Ostens unmittelbar betraf. In der sogenannten „McMahon-Hussein-Korrespondenz“ zwischen dem britischen High Commissioner von Ägypten, Henry McMahon, und Hussain ben Ali, dem Scherifen von Mekka (Sommer 1915 bis Frühling 1916) aus der Haschemitenfamilie, die bis auf den Propheten Muhammad zurückgeht, wurde festgelegt, dass die Araber die Alliierten im Krieg gegen das Osmanische Reich durch einen Aufstand unterstützen würden. Dafür sollten sie dann in den bis dahin osmanisch beherrschten Regionen einen unabhängigen arabischen Staat erhalten.

Gegengewicht gegen den "Dschihad" setzen

Es ging in diesem Zusammenhang nicht nur um die militärischen Aspekte eines arabischen Aufstands, sondern auch darum, ein Gegengewicht zu setzen gegen den „Dschihad“, den die Osmanen gegen die Alliierten ausgerufen hatten und um die Millionen indischer Muslime sowie um die vielen muslimischen Soldaten in den Armeen des Empire. Bemerkenswert ist ein Privatbrief McMahons, in dem er im Dezember 1915 schrieb, die Möglichkeit eines geeinten arabischen Staates müsse man nicht allzu ernst nehmen, alles sei noch sehr vage und liege wohl in weiter Ferne; jetzt gehe es darum, die Araber auf den rechten Weg und in Gegensatz zum gemeinsamen Feind (also zum Osmanischen Reich) zu bringen. Es gab aber noch eine weitere Zusage im Kontext dieser historischen Situation – das ganz kurze Schreiben des britischen Außenministers Arthur Balfour an Lord Rothschild, in welchem er diesem zusicherte, die britische Regierung werde die jüdischen Bemühungen um eine nationale Heimstatt in Palästina unterstützen, ohne dass dadurch die Rechte nichtjüdischer Gruppen im Land beeinträchtigt würden.

Vor diesem Hintergrund ist deutlich zu erkennen, dass die Konferenz von San Remo und ihre Folgen nicht einer gewissen Brisanz entbehrten, konnte man doch gewisse Widersprüche zwischen den unterschiedlichen Vereinbarungen und Versprechungen erkennen, die auf Interessengegensätze und Konflikte hindeuteten.

Direkt nach Ende des Ersten Weltkriegs hatten die Araber im Vertrauen auf die erhaltenen Zusagen unter Faisal, Sohn des Scherifen Hussain, einen arabischen Staat in Syrien gegründet. Faisal war im Oktober 1918 in Damaskus eingezogen und hatte, offensichtlich mit britischer Einwilligung, die Errichtung einer unabhängigen Regierung erklärt. Seine Forderung nach arabischer Unabhängigkeit bekräftigte Faisal auf der Pariser Friedenskonferenz 1919.

"Syrischer Nationalkongress“ etabliert sich in Damaskus

Der „syrische Nationalkongress“ etablierte sich in Damaskus, eine eigene Flagge und eine eigene Währung wurde für den arabischen Staat eingeführt. Die amerikanische King-Crane-Mission, die den wahren Willen der Bevölkerung erkunden sollte, stellte fest, dass eine große Mehrheit für die Unabhängigkeit war. Faisal unterzeichnete mit Chaim Weizmann, dem Vorsitzenden der zionistischen Organisation, ein Abkommen über jüdisch-arabische Zusammenarbeit, worin er der Balfour-Deklaration zustimmte. Auch ein arabisch-französischer Kompromiss schien möglich, doch es kam zu einer militärischen Konfrontation, der Schlacht von Maysalun, durch die der Traum von einem arabischen Reich beendet war.

Frankreich errichtete seine Herrschaft über Syrien, das in getrennte Verwaltungsregionen aufgeteilt wurde. Ein erweiterter „Grosslibanon“ entstand unter französischer Ägide, der in seiner Ausdehnung über die Grenzen des historischen Libanongebietes hinausging und als christlich dominierter Vorposten des „Westens“ im Orient perzipiert wurde. Vor allem die Maroniten waren dankbar für eine christliche Insel im muslimischen Meer. Großbritannien übernahm die Kontrolle über den heutigen Irak, Palästina und das Ostjordanland. Die Briten kamen insofern der enttäuschten haschemitischen Familie entgegen, als sie Faisal 1921 zum König des Irak machten und seinen Bruder Abdullah zum Emir von (Trans-)Jordanien. Neue Grenzen wurden gezogen, Staaten ohne wirkliche eigene Tradition unter englischer und französischer Kontrolle geschaffen. Für die Araber, die im Bewusstsein der von ihnen geleisteten Hilfe und der erhaltenen Versprechungen auf einen Nationalstaat gehofft hatten, war dies ein Trauma, das bis heute anhält. Die politische Landkarte des Nahen Ostens, wie sie im Großen und Ganzen bis heute besteht, wurde damals gezeichnet. Aus diesem Ordnungsgefüge entstand auch der schwierigste Krisenherd, der die Region seit dieser Zeit belastet – der palästinensisch-israelische Konflikt. Die Aufteilung des Großraums nach Großmächteinteressen und die hieraus resultierende Gründung eines jüdischen Staates auf Kosten der Araber – das war die arabische Sichtweise auf die damals eingeleiteten Entwicklungen. Noch im 21. Jahrhundert hat der „Islamische Staat“ ausdrücklich erklärt, eines seiner Ziele sei die Zerstörung der vom westlichen Imperialismus gezogenen Grenzen.

Der Autor ist Islamwissenschaftler und Verfasser von „Europa und die Araber. 2000 Jahre gemeinsamer Geschichte“. Kohlhammer, Stuttgart 2008, und von „Geschichte der arabischen Welt“, Reclam, Stuttgart 2013

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