Rom

Trauer muss Italien tragen

Auf dem Höhepunkt der Corona-Epidemie beginnt für den Vatikan und die Kirche Italiens die stillste Karwoche seit Menschengedenken.

Vatikan: Segen "Urbi et orbi"
Rom im Ausnahmezustand: Vor dem leeren Petersplatz wendet der Papst sich an alle Gläubigen und gibt den Segen. Foto: Alessandra Tarantino (AP)

Es ist für die Kirche Italiens und den Vatikan eine völlig außerordentliche Zeit: Auf dem Höhepunkt der Corona-Epidemie beginnt die Karwoche, die von der Prozession am Palmsonntag über das Triduum mit dem Kreuzweg am Karfreitag bis zur feierlichen Ostermesse immer viele Gläubige angezogen hat, in fast menschenleeren Gotteshäusern. Nachdem ein von Kardinalpräfekt Robert Sarah unterzeichnetes Dekret vom 25. März zunächst festgestellt hat, dass Ostern nicht verschoben werden kann, folgten die Bestimmungen des Vatikans für die Länder der Erde, die von der Epidemie betroffen sind und in denen Versammlungsverbote und Ausgangsbeschränkungen bestehen – also auch für Italien, das zusammen mit Spanien am härtesten von der Seuche betroffen ist: Die Bischöfe und Priester sollen die Riten der Karwoche und der Ostertage an einem geeigneten Ort feiern, ohne Gläubige, möglichst ohne Konzelebration und ohne Friedensgruß. Wichtig sei es auch, dass die Katholiken darüber informiert würden, wann genau die Liturgien stattfänden, um sich geistlich oder auch per Video-Übertragung damit zu verbinden.

Ostern hinter verschlossenen Türen

Am Palmsonntag soll es keine Prozession im Freien geben. Beim Gedenken an das Letzte Abendmahl Jesu am Gründonnerstag entfallen der Ritus der Fußwaschung und die Sakramentsprozession am Ende der Messe. In der Feier des Leidens und Sterbens Christi am Karfreitag sollen die „Großen Fürbitten“ eine zusätzliche Bitte für Verunsicherte, Kranke und Verstorbene erhalten. Nur der Zelebrant habe den Ritus der Kreuzverehrung mit dem Kuss des Kreuzes zu vollziehen. Die Osternacht sei ausschließlich in Bischofs- und Pfarrkirchen zu feiern. Von der vorgesehenen Taufliturgie sei nur die Erneuerung des Taufbekenntnisses beizubehalten, die sonst übliche Besprengung mit Weihwasser habe zu entfallen. Diese Bestimmungen, so heißt es in dem Dekret, würden auch für Priesterseminare und Ordenshäuser gelten. Was die religiösen Bräuche in den Kar- und Ostertagen, vor allem Kreuzwege und Prozessionen, angehe, so stellt es der Vatikan dem jeweiligen Ortsbischof frei, sie auf andere Tage, etwa den 14. und 15. September, zu verlegen.

Auch Franziskus wird sich an diese Weisungen halten. Die Karwoche und das Osterfest mit dem Papst in Rom fallen nicht aus, finden aber hinter den verschlossenen Türen des Petersdoms statt. Statt der vielen Gläubigen und Pilger, die zu den Kartagen und zu Ostern die Ewige Stadt besuchen, erwartet man in Italien für die Karwoche den Scheitelpunkt der Epidemie. Und als ungefähres Datum, in denen die strengen Beschränkungen der Bewegungsfreiheit und der religiösen Feiern aufgehoben werden könnten, ist in italienischen Medien von der Zeit unmittelbar nach dem langen Wochenende zwischen dem 1. und 3. Mai die Rede.

Vikar des Papstes positiv auf Corona getestet

Der Vikar des Papstes für die Diözese Rom, Kardinal Angelo De Donatis, ist am Montag positiv auf das Coronavirus getestet worden und wird in der römischen Gemelli-Klinik behandelt. Auch er hatte – wie der Papst morgens in Santa Marta – am Abend täglich eine heilige Messe in dem bei Rom gelegenen Heiligtum „Divino Amore“ gefeiert, die per Video-Stream und einigen Medien übertragen wurde. Die Frühmesse des Papstes zeigt jeden Morgen das Staatsfernsehen RAI im ersten Programm – und erzielt gute Einschaltquoten. Franziskus wurde schon zwei Mal auf Covid-19 getestet, beide Male negativ, nachdem ein Mitarbeiter des Staatssekretariats an dem Virus erkrankt war, der in Santa Marta wohnt. Insgesamt ist bei sechs Mitarbeitern und Beschäftigten im Vatikan das Coronavirus festgestellt worden.

Nach einer eindrücklichen Zeremonie auf der Altarinsel vor der Vatikanbasilika und in der Vorhalle des Doms hatte Papst Franziskus am Freitagabend vergangener Woche „der Stadt und dem Erdkreis“ mit dem Allerheiligsten den Segen „Urbi et orbi“ erteilt. Die Feier hatte bei strömendem Regen auf dem Sagrato des Petersplatzes begonnen, der Papst nahm die Erzählung von den Jüngern im Boot bei heftigem Sturm zum Anlass, um zum Vertrauen auf den Herrn und zur Umkehr aufzurufen: Jesus Christus rufe in dieser Zeit der Not jeden dazu auf, die Prüfung „als eine Zeit der Entscheidung zu nutzen“: Es sei dies die Zeit, „den Kurs des Lebens wieder neu auf dich, Herr, und auf die Mitmenschen auszurichten. Und dabei können wir auf das Beispiel so vieler Weggefährten schauen, die in Situationen der Angst mit der Hingabe ihres Lebens reagiert haben“. Franziskus erinnerte an die „Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger, Supermarktangestellte, Reinigungspersonal, Betreuungskräfte, Transporteure, Ordnungskräfte, ehrenamtliche Helfer, Priester, Ordensleute und viele, ja viele andere, die verstanden haben, dass niemand sich allein rettet“. Angesichts des Leidens entdecke und erlebe man neu das Hohepriesterliche Gebet Jesu: „Alle sollen eins sein“.

Viele Menschen übten sich jeden Tag in Geduld und „flößen Hoffnung ein und sind darauf besorgt, keine Panik zu verbreiten, sondern Mitverantwortung zu fördern. Wie viele Väter, Mütter, Großväter und Großmütter, Lehrerinnen und Lehrer zeigen unseren Kindern mit kleinen und alltäglichen Gesten, wie sie einer Krise begegnen und sie durchstehen können, indem sie ihre Gewohnheiten anpassen, den Blick aufrichten und zum Gebet anregen. Wie viele Menschen beten für das Wohl aller, spenden und setzen sich dafür ein. Gebet und stiller Dienst – das sind unsere siegreichen Waffen.“

Landesweite Trauer: Alle Flaggen auf Halbmast

Auf dem Höhepunkt der Corona-Epidemie ist in Italien das kirchliche Leben fast völlig zum Erliegen gekommen. In einigen Kirchen Roms wird regelmäßig der Rosenkranz gebetet, in wenigen kann man auch die heilige Kommunion empfangen – alles unter Einhaltung des geforderten Sicherheitsabstands. Gottesdienste und auch die liturgischen Feiern der Kartage und des Osterfests finden über Videoschaltungen und Fernsehübertragungen statt. Es gibt sie noch: die Gesänge auf den Balkonen und die Transparente mit den Aufschriften „Es wird alles gut“ und „Zusammen schaffen wir das“. Aber insgesamt hat eine bedrückte Stimmung das Land erfasst. Wegen der über elftausend Toten und mehr als hunderttausend Infizierten hat Italien am Dienstag alle Fahnen auf Halbmast gesetzt – eine Trauerbekundung, der sich der Vatikan sofort angeschlossen hat.

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