Würzburg

Soll man öffentlich an den Papst appellieren?

Soll man, meint Marco Gallina. Denn Petitionen sollen die Gemeinschaft vor Übel bewahren. Reinhild Rössler ist anderer Ansicht. Denn wenn das Amt angegriffen wird, bebt auch der Felsen.

Kritik an Papst Franziskus
Anlass für Proteste sehen kritische Geister derzeit nicht nur in der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle, wie diese Demonstranten in Rom. Auch die Achtung vor dem ersten Gebot gibt Anlass zu Debatten. Foto: Alessandra Tarantino (AP)

Öffentliche Petitionen an Papst Franziskus sind in den vergangenen Jahren aus ganz unterschiedlichen Kreisen der katholischen Kirche gerichtet worden. Der jüngste Appell wurde in den USA von wertkonservativen Gläubigen unter dem Titel „Contra rescentia sacrilegia“ veröffentlicht. Die Unterzeichner kritisieren die Pachamama-Verehrung im Zusammenhang mit der Amazonas-Synode und fordern Papst Franziskus zu öffentlicher Buße wegen angeblichen Götzendienstes auf. Das Kirchenoberhaupt habe bei der Amazonas-Synode die „heidnische Göttin Pachamama" angebetet, so der Vorwurf.

Auch liberale Gläubige erhoffen sich von öffentlichen Appellen an den Papst positive Auswirkungen auf die Kirche. Im Herbst 2018 übergaben Redakteure der Zeitschrift „Publik-Forum“ einen blauen Koffer mit gut 22.000 Unterschriften an die deutschen katholischen Bischöfe. Diese sollten an Papst Franziskus weitergeleitet werden. In der Petition „Keine Ausgrenzung am Tisch des Herrn!“ baten die Unterzeichner den Papst, nicht katholische Ehepartner im Einzelfall und unter bestimmten Voraussetzungen zur Kommunion zuzulassen. Mit der Frage, was öffentliche Appelle an den Papst bewirken, beschäftigen sich Marco Gallina, wissenschaftlicher Mitarbeiter und freier Journalist, und Reinhild Rösser, Sprecherin des Initiative Pontifex. Beide haben Geschichte studiert. DT/reg

 

Pro: Es muss offen geschehen

Petitionen sollen die Gemeinschaft vor Übel bewahren. Von Marco Gallina

Die Postmoderne ist das Zeitalter der Petitionen. Das Internet spielt dabei eine Schlüsselrolle: Es eröffnet neue Perspektiven in der öffentlichen Kommunikation. Wie jede Technologie, deren Einfluss alle Lebensbereiche durchdringt, bringt sie das Beste und Schlechteste im Menschen hervor. Der Morast der Sozialen Netzwerke gilt als dämonisches Niemandsland, das man aus Gründen der Seriosität zu meiden hat. Es ist dieser populistische Sumpf, in dem die basisdemokratischen Schlammrosen von Bürgerbegehren, Online-Petitionen und anderem Volkszorn blühen. So könnte ein Narrativ lauten – das aber deutlich an Boden verliert, blickt man auf die Kontinuität der katholischen Kirche und ihrer Herausforderungen in 2 000 Jahren.

Petitionen als Enkeltöchter der Supplik

Denn Petitionen sind nichts anderes als Enkeltöchter der Supplik, die das Kanonische Recht als Bittgesuch – auch an den Papst – eingeführt hat. Die antike und spätantike Form des Briefes hat häufig keine private Natur, sondern sie ist ausgelegt auf eine Veröffentlichung. Das gilt nicht nur für Rhetoriker wie Cicero, die ihre Schriftstücke bis zur literarischen Formvollendung schliffen, weil sie genau wussten, dass sie für die Nachwelt schrieben. Auch die Spätantike und das Mittelalter kennen diesen Vorgang. In einer Zeit, da Schriftkenntnisse der gelehrten Oberschicht vorbehalten waren, haftete dem Brief keine romantisch-diskrete Perspektive an, sondern stellte ein Mittel der öffentlichen Verkündung dar, die vor Publikum verlesen wurde. So sind auch die verschiedenen Zurechtweisungen, Bitten und Forderungen zwischen Bischöfen und Kirchenvätern nicht nur als persönliche Informationen, sondern oftmals als öffentliche Appelle zu interpretieren.

Wenn Basilius der Große in einem Brief Papst Damasus I. dazu auffordert, den Arianismus im Osten vehementer zu verurteilen, dann hat das bereits den Charakter eines öffentlichen Appells an den Papst, der einen Missstand gelten lässt; Basilius schickte den Brief jedoch niemals ab, weil er einen Misserfolg fürchtete. Die Tradition der Belehrung und Ermunterung durchzieht die gesamte Kirchengeschichte, wechselt jedoch ihre jeweilige Form. Es darf vermutet werden, dass Irenäus von Lyon sich gedruckter Flugblätter bedient hätte, wie auch Ignatius von Loyola nicht darauf verzichtet hätte, mit seiner Societas Jesu bei der theologischen Auseinandersetzung auf Twitter mitzumischen. Vielleicht hätte Johanna von Orleans ihr Leben gerettet, wenn ihr Appell an den Papst nicht von Bischof Cauchon hintertrieben worden wäre, sondern auf Facebook weltweite Empörung gegen den Inquisitionsprozess hätte schüren können.

Auch Untergeordnete müssen eine Autoritätsperson korrigieren

Der Urvater der christlichen Briefeschreiber, der Heilige Paulus, darf dabei als Gewährsmann jedes Appellanten herhalten, der sich an den Papst wendet: „Als Kephas aber nach Antiochia gekommen war, habe ich ihm ins Angesicht widerstanden, weil er sich ins Unrecht gesetzt hatte.“ Paulus kritisiert den Petrus dabei nicht im Geheimen, sondern in der Gegenwart aller. Thomas von Aquin hat im Kommentar zu dieser Bibelstelle klar erkannt, dass Paulus nicht die Amtsautorität des ersten Papstes bestritten hat, sondern dessen Ausübung von Autorität. Aquino schließt daraus: Auch Untergeordnete müssen eine Autoritätsperson korrigieren, wenn diese einen Fehler begeht; es muss offen und direkt geschehen, um die Gemeinschaft vor einem Übel zu bewahren. Das Pauluszitat aus dem Galaterbrief „Lasst uns nicht müde werden, das Gute zu tun“ ist also auch in diesem Fall anzuwenden.

In der Tat: Öffentliche Appelle wecken im katholischen Kulturgedächtnis unschöne Erinnerungen. Dazu gehörte nicht nur der Reformator Martin Luther und der Prediger Savonarola, sondern auch Kaiser Heinrich IV., der Papst Gregor VII. ein „Steig herab!“ entgegenrief. Gerade die katholische Welt mit ihren ausgeprägten Formalitäten reagiert damals wie heute irritiert auf einen populistischen Gestus. An Relevanz und Legitimität von öffentlichen Appellen, auch an die höchste Stelle der Hierarchie, ändert das jedoch nichts.

 

Contra: besser kommunizieren

Wird das Amt angegriffen, bebt der Felsen. Von Reinhild Rössler

Seit Petrus sind Päpste Kritik und Ermahnungen ausgesetzt. Die Initiatoren heutiger Ermahnungsschreiben an den Heiligen Vater sehen sich in einer Tradition mit herausragenden Heiligen wie Katharina von Siena oder Bernhard von Clairvaux. Doch der Papst bleibt Stellvertreter Christi und somit bleibt auch die Frage: „Wer“ darf „wie“ Papstkritik äußern? So auch im Fall mancher Petition an Papst Franziskus, die zwar nicht im Inhalt, durchaus jedoch in der medialen Vorgehensweise mit Aktionen wie dem Kirchenvolksbegehren unter Papst Benedikt XVI. verglichen werden kann. Auch wenn der Inhalt rechtmäßig ist, darf die Frage nach der richtigen Form von Ermahnung oder Kritik nicht einfach mit Verweis auf die Dringlichkeit des Inhalts beiseitegeschoben werden.

Der Papst ist nur nominal Adressat

Zunächst zum „Wie“, zum „Medium“. Im Vergleich zu Katharina oder Bernhard, die sich persönlich an den Papst wandten, richten sich heutige Aktionen an eine unbestimmte und durch die Medien auch unbegrenzte Öffentlichkeit, die die Möglichkeit hat, jeden Gegenstand für sich zu vereinnahmen oder umzudeuten.

Diese Art von Öffentlichkeitsansprache ist etwas Modernes, Demokratisches. Ihre Anwendung auf Mutter Kirche bedarf deshalb der Rechtfertigung. Denn die Autorität der Petitionen ergibt sich aus Anzahl und Gewicht der Unterzeichner. Warum sollte das in einer monarchisch strukturierten Kirche irgendwie maßgeblich sein? Überdies ist der Papst nur nominal der Adressat – niemand geht tatsächlich davon aus, dass er diese Briefe wie einen persönlichen Brief liest oder beantwortet. Praktisches Ziel dieser Art öffentlicher Kommunikation ist also weniger brüderliche Ermahnung, als mehr ein öffentliches Statement.

Zum „Wer“: Wer also kann ermahnen? Die Ermahnungen Bernhards oder Katharinas waren neben ihrer Bedeutung als Prediger und Lehrer vor allem durch ihre persönliche Heiligkeit gerechtfertigt. Schaut man weiter ins Mittelalter, findet man aktive Papstkritik zunächst beim großen Gegenspieler – dem Kaiser. Man denke an die berühmten Papstabsetzungen, wie die von Papst Johannes XII. durch Otto I.. Dieses politische, göttlich legitimierte Gegengewicht gibt es nicht mehr – wer bleibt sonst?

Vertiefung der innerkirchlichen Spaltung

Die Streitschriften des Investiturstreits sind voller Papstkritik kaiserlicher Geistlicher. Auch in der mittelhochdeutschen Literatur findet sich Kritik etwa im „Unmutston“ Walters von der Vogelweide, dem es als „typischem Deutschen“ vor allem ums Geld geht. In beiden Fällen wird eine Form von „Öffentlichkeit“ adressiert, die auf eine Seite gezogen werden soll, nicht jedoch der Papst selbst. Immer führte es zur Vertiefung der innerkirchlichen Spaltung. Und diese Öffentlichkeit hatte nicht einmal die Möglichkeit, sofort zu retweeten.

Anders verlief der Fall des letzten prae-avignonesischen Papstes Bonifaz VIII.. Dem der Idolatrie und Häresie angeklagten Papst wurde von seinen Mitbrüdern im Kardinalskollegium der Prozess gemacht. Die Richtigkeit der damaligen Anklagen bleibt ebenso unklar wie der Prozess ergebnislos. Dennoch findet sich hier ein Präzedenzfall hinsichtlich der Frage nach der Autorität für innerkirchliche Papstkritik: In erster Linie liegt diese Verantwortung bei seinen bischöflichen Mitbrüdern. Die Legitimität der anfangs unveröffentlichten „Dubia“ der vier Kardinäle ist wesentlich schwieriger zu negieren als die eines offenen Briefes von Gläubigen.

Kritik am Papst wird schnell zu einer Kritik am Papsttum selbst

Der Prozess gegen Bonifaz VIII. wurde post mortem von seinen Nachfolgern nicht wieder aufgenommen. Der Grund ist auch heute noch valide: Die Kritik am Papst wird schnell zu einer Kritik am Papsttum selbst. Die Unterscheidung zwischen Amt und Person ist schwer verständlich – gerade in der postmodernen Welt. Wird aber das Amt selbst angegriffen, bebt der Felsen.

Wer ist also der Adressat für die Fragen und Bitten von Laien? Zunächst ist es der lokale „Papstvertreter“, der Ortsbischof. Direktester Adressat ist aber der Regent der Kirche, der Heilige Geist. So wie man säkular die besten Kommunikationsmittel nutzt, sollte man auch geistlich die effektivste Kommunikation, nämlich die über den Himmel, wählen: Beten, Fasten, Almosengeben.

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