Würzburg

Scheffczyk: Ein moderner Klassiker

Für Leo Kardinal Scheffczyk war die Kardinalswürde Berufung – Zum 100. Geburtstag des Dogmatikers.

Kardinal Leo Scheffczyk
Kardinal Leo Scheffczyks Blick war unbestechlich: Offenbarung hängt nicht von Weltbildern ab. Foto: KNA

Zum 100. Geburtstag von Kardinal Leo Scheffczyk Im Februar 2001 hat Papst Johannes Paul II. dem emeritierten Dogmatikprofessor Leo Scheffczyk die Kardinalswürde verliehen. Damit zeichnete der heilige Papst das Glaubenszeugnis und das theologische Gesamtwerk des gebürtigen Oberschlesiers Scheffczyk im Namen der Gesamtkirche in besonderer Weise aus. Seine unerwartete Ehrung hat Scheffczyk sehr ernst genommen. Bis kurz vor seinem Tod am 8. Dezember 2005 hat er sich in zahlreichen Vorträgen und Predigten unermüdlich in den Dienst der Glaubensvermittlung gestellt. Leo Scheffczyk hat in seinem alle Bereiche der Glaubenslehre umfassenden Werk eine Gesamtschau des Katholischen vorgelegt. Damit knüpft er an die von ihm sehr geschätzten Theologen der katholischen Tübinger Schule des 19. Jahrhunderts an. Heute, anlässlich seines 100. Geburtstags am 21. Februar, tritt uns Leo Scheffczyk vor dieser Ahnenreihe nun selbst als moderner Klassiker des Glaubensdenkens entgegen. Ausdrücklich hat Scheffczyk die organische Gesamtansicht des Glaubens als seine Aufgabe angesichts der Krise der Kirche gesehen: „Seit dem Aufkommen der … auseinanderstrebenden Tendenzen” ging es ihm darum, „so etwas wie eine ,intellektuelle Anschauung‘ vom Katholischen zu vermitteln, in der dessen Identität dem Gläubigen bewusst werden kann“.

Untrennbar davon sind seine  klaren Analysen der Situation von Glaube und Kirche in der heutigen Welt. Von der Krise sah er besonders das Verständnis des Priesteramtes betroffen: „Das von der Kraft eines übernatürlichen Christusglaubens getragene Priesterbild mit seinem unleugbar hohen Anspruch zur Ganzhingabe, … kann einem Denken nicht mehr aufgehen, das unter dem Vorwand höherer wissenschaftlicher Erkenntnis mehr dem Hedonismus und Liberalismus der Massen folgt.“ Angesichts der nachkonziliaren Umdeutungen vieler Glaubenswahrheiten war für Scheffczyk die entscheidende Frage „Sind wir noch katholische Christen?“ Keineswegs kann man aber Scheffczyk, den Mitarbeiter am „Handbuch der Dogmengeschichte“, als Leugner eines Erkenntnisfortschritts oder jeder Dogmenentwicklung abtun. Es war seine entschiedene Überzeugung, dass das Konzil eine legitime Entfaltung des Glaubens ohne Bruch mit der Vergangenheit darstelle.

Er stand Kardinal Newman sehr nahe

Sowohl im Theolgischen wie im Menschlichen stand Scheffczyk Kardinal John Henry Newman sehr nahe. Etwa in Scheffczyks Bestimmung des Traditionsbegriffs drückt sich diese tiefe Beziehung zu Newman aus: Die Tradition ist so gleichsam „das gesamtkirchliche Gewissen, welches die Wahrheit der Heiligen Schrift mit untrüglichem Urteil aufnimmt und in lebendiger Überzeugung vom Ursprung her über die Gegenwart zur Zukunft weitervermittelt“. Dies schließt allerdings den heutigen unbekümmerten Umgang mit der Glaubensüberlieferung aus, „der unter Überspringen der ganzen Geschichte, bei der Urkunde der Schrift allein ansetzen möchte, … dass man die eigene Zeit und Situation als Nullpunkt der Entwicklung ansieht und alles Vergangene als unbedeutend erklärt“. Ein organisches Gesamtverständnis des Glaubens schließt für Scheffczyk ein Auswahlchristentum aus: „Die Ablehnung auch nur einer einzigen Offenbarungswahrheit bedeutet eine Abkehr vom Prinzip des Glaubens“.

Darum betont Scheffczyk auch stets, dass der reine Vertrauensglaube im Sinne Luthers für den Katholiken nicht genügt, sondern dass der inhaltliche Wahrheitsglaube dazugehört, „um Gott zu vertrauen, muss ich wissen, dass und wer er ist“. Eine gesamtmenschliche Antwort auf die Taten Gottes in der Heilsgeschichte bedarf für Scheffczyk vernunftgemäßer Gründe für das Vertrauen, sonst bestehe die Gefahr das der Glaube irrational („An-den-Glauben -glauben“) werde.

Glaube ist kein Gefühl, sondern Bekenntnis

Was wir bei Scheffczyk wieder lernen, ist, dass katholischer Glaube stets Bekenntnisglaube ist. Scheffczyk begründet dies mit dem Hinweis auf den Apostel Paulus, der den Akt des Vertrauens in die inhaltliche Erkenntnis eingehen lässt: „Ich weiß, wem ich geglaubt habe” (2 Timotheus 1, 12).
Die Notwendigkeit, den Glauben in Satzwahrheiten zu fassen, ist weder Dogmatismus noch Rationalismus, sondern die Weise, „in der sich der geistige Mensch das Geheimnis Gottes in seiner unfassbaren Größe und Schönheit nahebringt“. Als das „unerschütterliche Herzstück des Christusglaubens“ bezeichnet Scheffczyk die Formel von Chalkedon, den Glauben an den „einen Herrn Jesus Christus, der wahrer Gott und Mensch zugleich ist und seinen Bestand (Person) in der göttlichen Person des Sohnes hat“.

Untrennbar ist für Scheffczyk mit dem Christusbekenntnis der Marienglaube verbunden. Als Herausgeber des sechsbändigen Marienlexikons hat Scheffczyk immer wieder das Grunddogma der Marienlehre die Gottesmutterschaft herausgestellt. In der mit seinem Schüler Anton Ziegenaus verfassten achtbändigen „Katholischen Dogmatik“ hat Scheffczyk  auch den Band zur Gnadenlehre verfasst. Auf der Basis seiner Kennerschaft der katholischen Gnadenlehre hat sich Scheffczyk kritisch zu den Konsensaussagen der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ (1999) geäußert. Angesichts der heutigen weitreichenden Forderungen, die auf der Basis dieses Konsenses in Bezug auf die Interkommunion präsentiert werden, sollten die schwerwiegenden Bedenken von Scheffczyk nochmals genau bedacht werden.

Zusammenwirken zwischen göttlicher und menschlicher Freiheit

Beispielsweise die Aussage der Erklärung „Die Freiheit, die der Mensch gegenüber den Menschen und Dingen der Welt besitzt, ist keine Freiheit auf sein Heil hin“ widerspricht der katholischen Lehre fundamental: Nicht nur, dass die „unbegründete Unterscheidung der angeblich zwei verschiedenen Freiheiten einen gefährlichen Zwiespalt“ in den Menschen hineinlege, sondern sie mache auch den Menschen „im Heilsvorgang zu einem apersonalen Objekt, das die Gnade gemäß den drastischen Bildern Luthers über sich ergehen lassen muss“. Demgegenüber gelte es, entschieden an der katholischen Glaubenswahrheit vom Zusammenwirken zwischen göttlicher und menschlicher Freiheit im Rechtfertigungs- und Heiligungsgeschehen festzuhalten.“ Die einseitigen Schwerpunktsetzungen des Synodalen Weges gehen auf ein falsches Kirchenverständnis zurück. Mit Scheffczyk kann die Kirche nicht demokratisiert werden. Kein staatliches Verfassungssystem kann auf die übertragen werden: „Die Kirche ist von Gott in Christus selbst schon geordnet worden“.

Zugleich betont Scheffczyk das allgemeine Priestertum der Gläubigen und den Anteil der Laien an den Ämtern Christi. In dem Moment, da der Papst für sein Festhalten an der Ganzhingabe, die die priesterliche Berufung einschließt, von Vertretern der Kirche in Deutschland Prügel einstecken muss, liest man bei Scheffcyzk die Aussage, die sich heute kein Theologe und Bischof mehr auszusprechen wagt: Jeder Bischof „hat den Treueid gegenüber dem Papst zu leisten, in welchem er dem Papst den Gehorsam nicht nur in Bezug auf die Glaubenswahrheiten gelobt, sondern auch bezüglich der vom Papst in Ausübung seines authentischen Lehramtes und dessen höchsten Leitungsamtes erlassenen Entscheidungen.“ Als Klassiker der katholischen Theologie ist Leo Scheffczyk eine wichtige Instanz hinsichtlich der Gewissensfrage: „Sind wir noch katholisch?“

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