Rom

Pastoral: Was trotz Corona möglich ist

Einschränkungen des Kults müssen verhältnismäßig sein, meint der in Rom lehrende Kirchenrechtler Stefan Mückl. Sterbenden die Sakramente zu verweigern, sei ein Verstoß gegen die Religionsfreiheit und die Menschenrechte.

Eucharistieverbote wegen Coronavirus
Im Umgang mit der Coronavirus-Pandemie erlebe man derzeit geradezu eine Umkehr menschlicher Reaktionsmechanismen, meint der Kirchenrechtler Stefan Mückl. Wenn der Staat den öffentlichen Kult flächendeckend verbietet, sei das eine gänzlich neue Entwicklung. Foto: fotolia.de
Der Kirchenrechtler Stefan Mückl
Stefan Mückl, Priester des Opus Dei, studierte Jura und Kirchenrecht, war Professor an der Universität Freiburg, ist Mit... Foto: privat

Herr Professor Mückl, ist der vollständige Verzicht auf öffentliche Eucharistiefeiern aufgrund des Seuchenschutzgesetzes ein Novum in der Rechtsgeschichte der Kirche?

Mehr noch: Wir erleben geradezu eine Umkehr menschlicher Reaktionsmechanismen. Früher bestürmte man den Himmel, er möge der Seuche Einhalt gebieten. Dabei müssen wir gar nicht bis zu der Pest in Rom im Jahr 590 zurückgehen, um zu sehen, dass die Menschen die vermehrte Hinwendung zu Gott suchten, in Form von Bittprozessionen und Messen. So hielt etwa das bayerische Seuchenmandat von 1592 die Menschen nicht allein zur Einhaltung elementarer Hygieneregeln, sondern auch ausdrücklich zu einem frommen Lebenswandel an. Als zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts in Ostpreußen die so genannte "Große Pest" wütete, setzte der preußische König Friedrich I. für den 16. Oktober einen allgemeinen Fast-, Buß- und Bettag fest, um "durch wahre Reue und Buße der Göttlichen Gerechtigkeit" zu begegnen und die "abscheuliche Plage" abzuwenden.

Dass heute der Staat keine derartigen Anordnung mehr trifft und sich selbst entsprechender Appelle enthält, ist gewiss eine Folge seiner religiösen Neutralität. Wenn er nun aber, in Deutschland gestützt auf das Infektionsschutzgesetz von 2001, umgekehrt den öffentlichen Kult flächendeckend verbietet, ist das eine gänzlich neue Entwicklung. Was es bisher gab, waren punktuelle Verbote öffentlicher Gottesdienste an einzelnen von Seuchen besonders betroffenen Orten, etwa bei der Cholera-Epidemie in den frühen 1830er Jahren oder auch während der "Spanischen Grippe" vor hundert Jahren in einigen amerikanischen Großstädten, aber eben nicht als generelle (Vorsichts-)Maßnahme in ganzen Ländern, ja fast Kontinenten.

Das Kirchenrecht billigt den Getauften ein Recht auf die Sakramente zu: Die Gläubigen haben das Recht, aus den geistlichen Gütern der Kirche, insbesondere dem Wort Gottes und den Sakramenten, Hilfe von den geistlichen Hirten zu empfangen, heißt es in Canon 213 des CIC. Wie ist das mit den derzeitigen Besuchsverboten etwa in Seniorenheimen und Krankenhäusern vereinbar?

Der genannte Kanon - der zusammen mit Canon 843 Paragraf 1 des CIC gelesen werden muss, der besagt, die "geistlichen Amtsträger dürfen die Sakramente denen nicht verweigern, die gelegen darum bitten, in rechter Weise disponiert und rechtlich an ihrem Empfang nicht gehindert sind" - ist eine Regelung des innerkirchlichen Rechts, gilt also im Verhältnis des Gläubigen zur Kirche. Die mittlerweile verhängten Besuchsverbote - rechtstechnisch handelt es sich um so genannte Betretungsverbote bestimmter Einrichtungen - ergeben sich hingegen aus dem staatlichen Recht, konkret aus Paragraf 28 Abs. 1 des erwähnten Infektionsschutzgesetzes. Hier treffen sich also zwei verschiedene Rechtsordnungen.

Bei der Auslegung und Anwendung des staatlichen Rechts sind aber in besonderer Weise die Grundrechte der betroffenen Personen zu berücksichtigen. Im konkreten Fall ist der Wunsch eines Schwerkranken oder Sterbenden, die Sakramente empfangen zu können, vom Grundrecht der Glaubensfreiheit geschützt. Ihm das durch eine ausnahmslose Exekution derartiger Besuchsverbote zu verwehren, scheint mir ein gravierender Verstoß nicht nur gegen die Religionsfreiheit, sondern auch gegen die Menschenwürde zu sein   nämlich auf das Recht, im Frieden mit Gott aus dieser Welt zu scheiden.

Was können Angehörige und Priester in der jetzigen Situation tun, damit Sterbende und Schwerkranke die Sakramente empfangen können?

Die behördlich verfügten Betretungsverbote verfolgen erklärtermaßen den Schutz besonders vulnerabler Personengruppen. Bei Sterbenden trifft diese Ratio ersichtlich nicht zu, zumal es hier nicht um einen "Besuch" aus Gründen des Gesellschaftleistens, sondern um ein Abschiednehmen geht. Weiter verdient (mehr) Beachtung, dass im Infektionsschutzgesetz ein Betretungsverbot nur als vorläufige Maßnahme zulässig ist, wie es in Paragraf 28 Absatz 1 ausdrücklich heißt: "...bis die notwendigen Schutzmaßnahmen durchgeführt worden sind". Selbstverständlich sind die anderen Bewohner von Krankenhäusern, Pflege- und Altenheimen vor dem Risiko einer Infektion zu schützen. Wie das jeweils umgesetzt wird, ist immer eine Frage der konkreten Verhältnisse.

"Ein Priester, der wirklich dem Beispiel Jesu Christi,
der sein Leben als guter Hirt für die Schafe hingegeben hat,
folgen möchte, wird sicher nicht hinter der Hingabe
von Ärzten und Krankenschwestern zurückbleiben wollen"

Jedenfalls für kirchliche Einrichtungen wäre zu überlegen, ob sich nicht ein Priester für die pastorale Begleitung der Bewohner dauerhaft in der Einrichtung aufhält. Der Heilige Vater hat wiederholt die Priester gebeten, entsprechend dem Vorbild großer Heiliger (wie Karl Borromäus oder Aloisius von Gonzaga) den Schwachen, Kranken und Sterbenden beizustehen. Um so mehr gilt die Bitte, wenn Priester zu diesen Menschen in Privathäusern gerufen werden. Im strikten Sinne "anordnen" lässt sich das wohl nicht. Heroisches Verhalten ist eine Frage der inneren Einstellung, hier des Verständnisses des priesterlichen Dienstes. Ein Priester, der wirklich dem Beispiel Jesu Christi, der sein Leben als guter Hirt für die Schafe hingegeben hat, folgen möchte, wird sicher nicht hinter der Hingabe von Ärzten und Krankenschwestern zurückbleiben wollen.

Wäre die Feier mehrerer heiliger Messen mit reduzierter Teilnehmerzahl eine Lösung für jene Diözesen, die noch beraten, wie es ab Palmsonntag weitergeht?

Diesen Weg hat die polnische Bischofskonferenz gewählt. Je nach den örtlichen Verhältnissen könnte man das auch für Deutschland in Betracht ziehen, vorausgesetzt, die flächendeckenden Versammlungsverbote   die eben auch öffentlich zugängliche heilige Messen betreffen   gelten dann nicht mehr.

Vielen Gläubigen ist die radikale Absage öffentlicher Eucharistiefeiern angesichts des geringen Gottesdienstbesuchs in ihren Gemeinden unverständlich, da die bestehenden Sicherheitsauflagen vielerorts mühelos eingehalten oder sogar erhöht werden könnten. Ist die pauschale Absage öffentlicher Gottesdienste rechtskonform?

"Das Grundrecht der Glaubensfreiheit
ist ein hohes Gut, kann aber aus Gründen
anderer Rechtsgüter eingeschränkt werden"

Generell gilt: Das Grundrecht der Glaubensfreiheit ist ein hohes Gut, kann aber aus Gründen anderer Rechtsgüter eingeschränkt werden, vielfach wird insoweit ausdrücklich die öffentliche Gesundheit genannt. Die Einschränkung muss aber verhältnismäßig sein, was nur dann gegeben ist, wenn kein milderes Mittel zur Verfügung steht. Wenn ich die Abläufe richtig beobachtet habe, hat sich jedenfalls der Staat mit dieser Frage nicht lange aufgehalten, sondern hat sogleich zum Mittel des Veranstaltungsverbots gegriffen, und zwar schon zu einem Zeitpunkt, als er gegen die Öffnung von Gaststätten und Einkaufszentren keine Bedenken hatte. Die flächendeckende und pauschale Suspension eines herausragenden Grundrechts über einen mehr als unerheblichen Zeitraum, zudem ohne Abstufungen und konkrete Gefahrprognosen, begegnet jedenfalls erheblichen verfassungsrechtlichen Bedenken.

Im Nahen Osten und in einigen Ländern Asiens und Afrikas müssen die Gläubigen nicht auf Messfeiern während des Triduums und der Osteroktav verzichten, obwohl Lebensgefahr besteht und es immer wieder zu tödlichen Anschlägen kommt. Was unterscheidet   kirchenrechtlich betrachtet   die Corona-Krise von anderen gefährlichen Situationen wie beispielsweise der Terrorgefahr?

Natürlich setzt die Kirche nirgendwo leichtfertig das Leben der Gläubigen aufs Spiel. In Gegenden, in denen konkrete Terrorgefahr besteht, werden alle möglichen Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, wie in den letzten Jahren in Ägypten: Kurzfristige Verlegung des Zeitpunkts der Liturgien, verstärkter Polizeischutz und anderes mehr. Unabhängig davon, ob eine Gefahr von Menschen oder von Seuchen ausgeht, kommt es darauf an, ob eine allgemeine Gefahrensituation besteht oder eine konkrete Gefahr.

Ältere Gläubige erinnern sich in diesen Tagen an die schwierigen Kriegs- und Nachkriegsjahre, in denen die Sonntagspflicht nicht aufgehoben wurde. Schafft der CIC von 1983 Spielräume für die Aushebelung der Sonntagspflicht, die es vor dem Konzil nicht gab?

Nein, hier hat sich nichts geändert. Auch der Codex von 1917 eröffnete den Pfarrern im Hinblick auf die Pfarrangehörigen und den Bischöfen für ihre Diözesen die Möglichkeit, aus gerechtem Grund oder wegen einer besonderen Gefahrenlage von der Sonntagspflicht zu dispensieren.

Ist ein temporäres Verbot aller Taufen, wie es die österreichischen Bischöfe verfügten, kirchenrechtskonform und dogmatisch haltbar? Immerhin hält das geltende Kirchenrecht im Canon 849 an der Heilsnotwendigkeit der Taufe fest. Unter welchen Umständen rechtfertigt das aktuell in ganz Österreich geltende Verbot von Taufen, dass Laien die Nottaufe vollziehen?

"Unabhängig davon, ob eine Gefahr von Menschen
oder von Seuchen ausgeht, kommt es darauf an,
ob eine allgemeine Gefahrensituation besteht oder eine konkrete Gefahr"

Vermutlich stand den Bischöfen der Regelfall vor Augen, dass die Taufe grundsätzlich in der Pfarrkirche, jedenfalls aber in einer Kirche oder Kapelle stattzufinden hat. Das ist gegenwärtig schon wegen der staatlich angeordneten Versammlungsverbote nicht möglich. Die normalerweise abgehaltenen Tauffeiern mit einer mehr oder weniger großen familiären Gesellschaft kann es somit derzeit nicht geben. Allerdings sieht das allgemeine kanonische Recht für Notfälle diverse Möglichkeiten vor: Die Taufe in Privathäusern und in Krankenhäusern (c. 860), ja an jedem "geziemenden Ort" (c. 859), wobei der Taufspender in Abwesenheit eines ordentlichen Spenders "jeder von der nötigen Intention geleitete Mensch" sein kann (c. 861   2), der nicht einmal selbst getauft sein muss. Dass eine Notlage vorliegt - der Begriff ist weiter als derjenige der Lebensgefahr -, wird ja allgemein angenommen, auch von den Bischöfen selbst. In einer solchen Notlage hat das Heil der Seelen absolute Priorität, gerade auch vor dem Hintergrund der Heilsnotwendigkeit der Taufe.

In Österreich werden auf Weisung der Bischöfe auch alle Trauungen auf unbestimmte Zeit verschoben. Wie ist das kirchenrechtlich zu beurteilen angesichts der Tatsache, dass viele kirchliche Trauungen heute als Heilung einer irregulären Lebenssituation anzusehen sind?

Letztlich gilt hier das gleiche wie im Fall der Taufe: Solche Feiern in den Kirchen mit mehr oder weniger großen Gesellschaften sind zur Zeit nicht möglich. Darauf bezieht sich wohl die Aussage der Bischöfe, in der ja bezeichnenderweise von "Hochzeiten" und nicht etwa von "Eheschließungen" die Rede ist. Bekanntlich spenden sich das Ehesakrament die Eheleute selbst, und wenn triftige Gründe vorliegen, das in der jetzigen Situation zu tun, sollte sich dem der zuständige Pfarrer nicht verweigern, einer solchen Eheschließung zu assistieren, wofür nur die Anwesenheit von zwei Zeugen erforderlich ist. In besonderen Notsituationen wie der Todesgefahr genügen sogar die beiden Zeugen (c. 1116 CIC). Im Regelfall dürfte allerdings die Dringlichkeit der Sakramentenspendung im Vergleich zum Fall der Taufe reduziert sein.

Mit dem Hinweis, "Geistermessen" widersprächen dem Verständnis der Eucharistie, behalten sich manche Geistliche in diesen Tagen vor, exklusiv einige Gläubige hinzuzuziehen. Ist die Feier der Eucharistie mit einigen ausgewählten Gemeindemitgliedern rechtens?

"Das Priesterdekret ,Presbyterorum ordinis'
hält ausdrücklich fest, dass die Darbringung des
eucharistischen Opfers ,auch dann, wenn keine Gläubigen
dabei sein können, ein Akt Christi und der Kirche'" ist

Eine solche despektierliche Rede offenbart allein Unkenntnis sowohl von den Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils wie vom kanonischen Recht: Das Priesterdekret "Presbyterorum ordinis" hält ausdrücklich fest, dass die Darbringung des eucharistischen Opfers "auch dann, wenn keine Gläubigen dabei sein können, ein Akt Christi und der Kirche" ist (Nr. 13, ebenso c. 904 CIC). Der Priester feiert die Messe niemals "privat" oder "allein", sondern mit der ganzen Kirche und für sie. Diese Stellvertretung   nach Joseph Ratzinger eine der Grundkategorien des christlichen Glaubens überhaupt   kann in der gegenwärtigen Situation auch dadurch zum Ausdruck gebracht werden, dass, solange die Messe nicht öffentlich ist, einige wenige Gläubige zugegen sind. Die nähere Konkretisierung erfordert freilich ein hohes Maß an pastoraler Klugheit und Fingerspitzengefühl: Insbesondere darf nicht der Eindruck entstehen, der Priester habe bestimmte auserwählte "Lieblinge" und lade nur sie ein. Es versteht sich von selbst, dass die gegenwärtig allgemein zu beachtenden Vorsichtsmaßnahmen auch hier gelten.

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