Augsburg

Ökumene im Bekenntnis

Die Augsburger MEHR-Konferenz setzte auch 2020 markante Zeichen der Hoffnung.

Johannes Hartl auf der MEHR
Johannes Hartl, Initiator des Gebetshauses Augsburg und der MEHR-Konferenz, führt praktisch, theologisch und philosophisch in das Christentum ein. Foto: MEHR

Jugendliche und junge Familien prägen das Bild eines frischen Christentums aus dem ganzen deutschsprachigen Raum, das sich hier in den Augsburger Messehallen trifft. Das bunte Treiben von 12 000 großteils jungen Teilnehmern der „MEHR 2020“ hebt sich vom grauen kirchlichen Alltag in den Pfarreien und Kirchengemeinden in Deutschland ab, aber nicht zuletzt auch von den (ökumenischen) Kirchen- und Katholikentagen. Gebet, Lobpreis und geteilte Glaubenserfahrung über die Konfessionen hinweg, auch das ist Christentum in Deutschland 2020. Ein Gegenentwurf zu einem postmodernen Nihilismus, der auch das Christentum immer stärker schwächt.

Geistliche, innere emotionale Standhaftigkeit wiedergewinnen

Johannes Hartl, der Begründer der MEHR und des Augsburger Gebetshauses, liefert ein anspruchsvolles Programm, um als Christ angesichts des Säkularismus heute bestehen zu können: Er ruft die Christen dazu auf, eine geistliche, innere emotionale Standhaftigkeit wiederzugewinnen. „Wenn wir in 30 Jahren CO2-neutral sind, aber im Herzen tot, dann werden wir dennoch aussterben.“ Für deutsche katholische Ohren ungewohnt provokant formuliert Johannes Hartl die Essentials des christlichen Glaubens und baut über Konfessionsgrenzen hinweg eine Bewegung auf, die eine christliche Lebenskultur jungen Menschen attraktiv vermittelt.

Mit seinem Aufruf zu einer „Ökologie des Herzens“ zeichnet er denn auch einen Bogen vom gemeinsamen Christus-Zeugnis evangelikaler, katholischer und evangelischer Christen zur Krise des Westens, der seine weltanschauliche Orientierung wie kulturelle Fundierung aufgegeben zu haben scheint. Der Verlust von Begegnung, Sinn und Schönheit sei die Ursache, die sich in zerrütteten Familien, einer orientierungslosen Gesellschaft und einer menschenfeindlichen Architektur zeige. Er lobt die prophetischen Worte Pauls VI. in „Humanae vitae“, erinnert an die Notwendigkeit der Kontemplation, um den Sinn für das Gute, Wahre und Schöne zurückzugewinnen. Ein digitales Fasten sei daher unerlässlich. Praktisch und dennoch theologisch und philosophisch fundiert weiß Hartl seine Zuhörer zu begeistern.

Christsein als Haltung der Hingabe

Bei einem Besuch von Bernhard Meuser, dem Mitbegründer der Jugendkatechismusreihe „Youcat“, am Stand der „Tagespost“ wird der Abschied vom Konzept der „Teilidentifizierung“ mit dem Glauben gefordert. Christsein bestehe vor allem in einer Haltung der Hingabe. Eine Kirche, die darauf verzichte, breche auseinander. Jüngerschaft sei der Kernbegriff für die Zukunft des Christentums. „Kirche hat Glauben nur institutionell verkündet“, so Meuser, dabei ginge es aber um eine neue Qualität von Leben: Einem Leben mit Jesus. Jüngerschaft sei daher der Kernbegriff für die Zukunft des Christentums. „Kirche hat Glauben nur institutionell verkündet“, so Meuser, dagegen ginge es aber um eine neue Qualität von Leben: einem Leben mit Jesus. Die realen Ansätze einer ,neuen‘ Kirche seien in den Neuaufbrüchen wie der MEHR zu sehen, nicht in den Strukturdebatten, die von den eigentlich ursächlichen Skandalen ablenkten. Es fehle beispielsweise die Kraft, dem Klerusproblem ,Missbrauch‘ entgegenzutreten und die Frage nach echten väterlichen und mütterlichen Qualitäten zu stellen.

Ein Mitglied einer evangelikalen Hausgemeinde, Stefan, betet gleich neben dem Stand der „Tagespost“ über einer jungen Frau mit ausgebreiteten Armen. Im Gespräch zeigt er sich offen für die Zeitung, die er gerne mitnimmt. Er ist ein wenig irritiert über die starke katholische Präsenz. Dabei hätte er noch keinen Katholiken getroffen, der sich für Gott interessiere. Marienverehrung und das Papstamt sind ihm ein Graus, aber die Gebote Gottes würden im Gegensatz zur offiziellen evangelischen Kirche verteidigt, besonders der Schutz des Lebens, wie er betont.

Mit anderer kultureller Mentalität konfrontiert

Für katholische Christen ist die MEHR aber auch eine Herausforderung, da sie hier mit einer anderen kulturellen Mentalität konfrontiert werden, auf die wohl im wesentlichen die „großkirchliche“ Skepsis zurückzuführen ist. So fallen die evangelikalen Aussteller durch offensive, auf Ganzheitlichkeit abgestellte Bildungsangebote auf. Apologetik, Missionstrainings, Einführung in „evangelistischen Lebensstil“.

Aber auch messianische Juden sind vertreten. Der türkischstämmige Rechtsanwalt Julian Falkenberg aus Hamburg, der erst vor wenigen Jahren zum katholischen Glauben gefunden hat, ist von der Begegnung mit dem messianischen Juden Asher Intrater ganz eingenommen. Intrater sprach über die innere Beziehung zwischen dem jüdischen und dem deutschen Volk. Der Shoa sei vom Teufel, um jene gemeinsame Bestimmung zu zerstören, aber Gott wolle diese Bestimmung wieder herstellen, führte Intrater aus. „Der Höhepunkt der ganzen MEHR und vielleicht des ganzen Jahres war für mich die ,Aufhebung des Fluchs‘ über Deutschland und die deutsche Geschichte durch Asher. Ich bin überzeugt, dass durch diesen jüdischen Segen etwas ganz Großartiges über Deutschland kommen wird.“

Hohe katholische Würdenträger vertreten

Aber auch hohe katholische Würdenträger sind in diesen Tagen in die Augsburger Messehallen gepilgert. Unter ihnen Kardinal Kurt Koch, Präsident der Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen. Er stellte die Anbetung als „Ernstfall des Glaubens“ vor. „Anbetende Menschen bringen das Heilige in die Welt zurück, um eine der schmerzenden Wunden unserer Zeit, um dem Verlust oder der Zerstörung des Heiligen zu wehren“, so der Kardinal.

Pfarrer Christian Wirz, der im Bistum Hildesheim Offizial ist, beeindruckt das Glaubenszeugnist. „12 000 junge Menschen, die entschieden an Jesus Christus glauben und ihn preisen, sind für mich eine starke Ermutigung für meinen persönlichen Glauben und ein großes Hofffnungszeichen für die Kirche in Deutschland.“ Die „MEHR“ sei ein missionarisches Ereignis, was man daran erkenne, dass sie wächst: „Begeisterung ist ansteckend“, resümiert Wirz, der auch Kaplan für die Gemeinschaft junger Malteser ist. Die MEHR will die Attraktivität des Christseins neu aufscheinen zu lassen. Es ist der Glauben, sagt Hartel: „Es gibt genau eine Sache, die die Kirche attraktiv macht: Das ist die Gegenwart Gottes. Das, was die Kirche attraktiv macht, ist Jesus!“

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