Hamburg

Mit dem Segen der Kirche?

Die Haltung des Erzbistums zur katholischen Sexualmoral sorgt für umstrittene Personalien.

Marien-Dom in Hamburg
Der heilige Ansgar erinnert vor dem Hamburger Mariendom an das missionarische Feuer, das manche im Norden derzeit vermissen. Foto: dpa

Stürme, ein Tief nach dem anderen ziehen in diesem Herbst wieder durch das flächenmäßig größte Bistum im Norden Deutschlands. Die Bewohner und Christen in der norddeutschen Tiefebene haben sich an dieses Wetter seit langem gewöhnt. Dass jedoch ein geistliches Tief nach dem anderen das Erzbistum Hamburg erreicht, ist neu. Nach den sexuellen Missbrauchsskandalen, der fortlaufenden Berufungskrise, Rekorden bei Kirchenaustritten, den umstrittenen Schulschließungen und Schuldenhöchstständen kommt nun ein neuer „Fall“ herangestürmt, in dessen Mittelpunkt die katholische Sexualmoral und damit auch das Lehramt des Erzbischofs steht.

Katholische Sexualmoral und das Lehramt des Erzbischofs im Mittelpunkt

Im Zentrum des neuen „Tiefs“ stehen der geschäftsführende Direktor der katholischen Akademie, Stephan Loos (48), und der Leiter des Strategiebereiches des „Projektes Missionarische Kirche“, Jens Ehebrecht-Zumsande (48). Im Sommer des Jahres erschien das unter anderem von Loos herausgegebene Buch „Mit dem Segen der Kirche“, in dem es um die Segnung und Pastoral von gleichgeschlechtlichen Paaren geht. Die Vorworte zu diesem Buch steuerten der Hamburger Erzbischof Heße und der Osnabrücker Bischof Bode bei. Entstanden ist das Werk aus einer Tagung, die hinter verschlossenen Türen in der katholischen Akademie Hamburg stattfand.

Im Sommer dieses Jahres erschien dann überraschend der Tagungsband mit diversen Referaten über die „gleichgeschlechtliche Pastoral im Fokus der Pastoral“ unter anderem von Johannes zu Eltz (Frankfurt) sowie den Professoren Peter Schallenberg (Paderborn) und Thomas Schüller (Münster), wie diese Zeitung in ihrer Online-Ausgabe (28. August) berichtete. Seitdem kehrt keine Ruhe im Erzbistum ein. Im Gegenteil steigert sich die Entrüstung und die Zahl der Protestschreiben und Mails an Erzbischof Heße von Monat zu Monat, in denen auch die Abberufung der beiden erwähnten kirchlichen Mitarbeiter von ihren Posten gefordert wird.

Aktionen des Akademiedirektors für viele Katholiken nicht tragbar

Die Aktionen des Akademiedirektors ebenso wie die Einlassungen und die Lebenspraxis von Jens Ehebrecht-Zumsande können vielfach Katholiken nicht mehr mit der katholischen Lehre in Einklang bringen. Kein Geheimnis ist, dass Jens Ehebrecht-Zumsande in einer homosexuellen Partnerschaft mit einem führenden Mitglied der Homosexuellen-Bewegung lebt. Als kirchlicher Mitarbeiter gibt der Leiter des Grundlagenreferats der Pastoralen Dienststelle auch eine Reihe von esoterisch ausgerichteten Büchern zur Firmkatechese heraus. Wie der Autor auf seiner Homepage angibt, verfügt er über eine psychologische Ausbildung als sogenannter „Supervisor“ und „Erwachsenenbildner“, aber über keine theologische Qualifikation. In einem Beitrag am 30. Oktober diesen Jahres auf dem linkskatholischen Blog „feinschwarz.de“ plädiert Ehebrecht-Zumsande ganz offen für: „Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare? Aber ja!“.

Brisanz gewinnen diese Personalentscheidungen des Hamburger Erzbistums durch ein Schreiben der Vereinigung „Una Voce Deutschland e.V.“ und des „Kardinal Newman Kreises“ vom 4. November an Erzbischof Heße, das der „Tagespost“ vorliegt. In einem Zehn-Punkte-Fragenkatalog bittet der Vorsitzende der Vereinigung, Edgar Pellengahr, den Erzbischof persönlich um Antworten auf die im Raume stehenden Fragen rund um die Sexuallehre der katholischen Kirche: Wie passe das vom Erzbischof angestrebte „Befassen mit der Lebenswirklichkeit von schwulen und lesbischen Menschen“ mit der geforderten Abkehr von einer sündigen Lebenspraxis nach dem Beispiel der Ehebrecherin (vgl. Johannes 8) zusammen? Wie steht es um die Gewissensschärfung von Priestern und Seelsorgern, da doch Ehebruch, Unzucht sowie homosexuelle Beziehungen nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift wie des katholischen Katechismus‘ (KKK 2357) eindeutig „sündig“ seien? Wie sehe der Bischof in seiner Funktion als Vertreter des katholischen Lehramtes die Arbeit und Lebenspraxis des Leiters des Grundlagenreferates „Kirche in Beziehung“, das für die Bereiche „Beziehungen, Familie, Lebenswege, Glaubenskommunikation und Katechese“ mitverantwortlich zeichne?

Die Kirche müsse "neu" und "anders" werden, so Heßes Diktum

Dass die Kirche „neu“ und „anders“ werden müsse, ist ein häufig zu hörendes Diktum von Erzbischof Heße. Der von ihm vor drei Jahren angestoßene „Erneuerungsprozess“ des Bistums beziehungsweise der vor zwei Jahren offiziell eingesetzte „Pastorale und Missionarische Orientierungsrahmen“ ist aus dem Arbeitsbereich der Pastoralen Dienststelle unter anderem unter Leitung von Ehebrecht-Zumsande entstanden. Der von vielen Gläubigen als nichtssagend und inhaltsleer empfundene Pastorale Orientierungsrahmen, der den missionarischen Auftrag der Kirche eher diffus mit Adjektiven wie „menschennah“, „vernetzend“, „solidarisch“ „aufbrechend“ oder „gottnah“ formuliert, könne sich nicht auf das Evangelium Christi berufen, heißt es.

Katholiken äußerten gegenüber dieser Zeitung die Beobachtung, dass zudem die missionarischen Leitlinien bisher eher negative Wirkungen zu entfalten scheinen, wie die seitdem steigenden Kirchenaustrittszahlen und die sinkende Teilnahme an der sonntäglichen Messe zeigen würden. Daher fragt Edgar Pellengahr im Namen der oben genannten Vereinigungen, wie diese zentrale Aufgabe der sogenannten Erneuerung des Bistums von einem Mitarbeiter auf der Basis der kirchlichen Lehre ausgeführt werden kann, dessen Lebensstil der katholischen Lehre widerspreche? Laufe es nicht vielmehr auf eine „unheilvolle Konfrontation von Lehre und Praxis“ hinaus, wenn es hier keine Klarstellung und entsprechende Personalentscheidungen des Bischofs gäbe?

Die katholische Kirche auf den Kopf stellen?

Eine Veranstaltung am 19. November, ein Kooperationsprojekt der „Kirche in Beziehung“ und der Katholischen Akademie mit dem Titel: „Reform. Dieselbe Kirche anders denken“ werfe in dieser Beziehung ein bezeichnendes Licht auf die unheilvollen Geschehnisse im Bistum voraus. Der Flyer des angekündigten Vortrags von Michael Seewald (Münster) zeigt das Symbol einer Kirche, die auf dem Kopf steht. Wollen die Initiatoren rund um Jens Ehebrecht-Zumsande und Stephan Loos genau dies erreichen, dass die heilige katholische Kirche Christi schlussendlich auf dem Kopf steht? Kann und soll die katholische Lehre der Kirche durch Beteiligung und mehrheitliche Abstimmung reformiert beziehungsweise in dieser Weise geändert werden?

Bisher erhielten weder Pellengahr noch diese Zeitung auf die dringliche Bitte um Stellungnahmen seitens des Erzbischofs oder seines Pressesprechers eine Antwort, der nur mitteilte, man wolle per Presse nicht auf die Fragen eines an den Bischof persönlich gerichteten Briefes antworten. So bleibt auch die Forderung um Ablösung der kirchlichen Mitarbeiter Ehebrecht-Zumsande und Stephan Loos oder die seit Monaten kursierenden Irritationen wegen des bischöflichen Vorwortes zum umstrittenen Buch „Mit dem Segen der Kirche“ ohne bischöfliche Stellungnahme oder Erklärung. Von finanziellen Kürzungen des Betriebes der Katholische Akademie Hamburg, bislang besetzt mit acht Mitarbeitern, die in frisch renovierten und teuren Räumen in der Innenstadt Hamburgs residiert, ist trotz Finanzkrise des Bistums und beschlossenen Schließungen von sechs Schulen bislang nicht die Rede. So müssen viele Katholiken weiterhin – irritiert und verunsichert – auf substanzielle Klärung und Antworten seitens des Erzbischofs im Sinne des katholischen Lehramtes warten.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.