Würzburg

Missbrauchskrise: Der Weckruf

Seit zehn Jahren ringt die katholische Kirche in Deutschland mit den Folgen des Skandals um sexuellen Missbrauch.

Missbrauch in der katholischen Kirche
„Alles muss öffentlich gemacht werden!“ Die Skandale um sexuellen Missbrauch Minderjähriger rückten vor zehn Jahren in den Fokus der Öffentlichkeit. Foto: Friso Gentsch (dpa)

Die Debatte um den sexuellen Missbrauch an Minderjährigen belastet die katholische Kirche in Deutschland seit zehn Jahren. Sie hat zu einem massiven Vertrauensverlust geführt. „Wir müssen lernen, anders Kirche zu sein, transparenter, offener, nicht in geschlossenen Kreisen, sondern im Miteinander, im Lernen von der Welt.“ So beschreibt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Reinhard Kardinal Marx, die Herausforderungen.
Nachdem Sexualdelikte an minderjährigen Opfern in den USA und Irland bekannt wurden, machte der damalige Leiter des Berliner Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes, im Jahre 2010 öffentlich, dass es Fälle von Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen auch in Deutschland gegeben habe. Die drei Männer, die als Erste das Schweigen durchbrachen, hatten 1980 ihr Abitur an der Jesuitenschule gemacht. „Es reicht nicht aus, dass ein Opfer bereit ist zu sprechen. Er muss ja auch jemanden haben, der bereit ist zuzuhören“, erklärt Matthias Katsch. Er ist Sprecher der Opferinitiative „Eckiger Tisch“. Einer der bereit war, zuzuhören, war Klaus Mertes. Ihm erzählten die drei Männer, was man ihnen angetan hatte. „Da wurde mir klar, wenn das stimmt, dann muss es hier allein schon bei dem einen ehemaligen Mitbruder mindestens 100 Opfer geben im Laufe von zehn Jahren – und da war es mir völlig klar: Da muss ich jetzt reagieren.“ So beschreibt Mertes den „Weckruf“, der ihn veranlasste, sich an die Öffentlichkeit zu wenden.

Studie durchleuchtete Bistumsakten

Um den Umfang der Taten zu analysieren und die erforderlichen Schlussfolgerungen zu ziehen, hat die DBK 2014 eine Studie zum Umfang des sexuellen Missbrauchs in Auftrag gegeben. Vier Jahre lang untersuchten Wissenschaftler Informationen aus 38 156 Akten der Bistümer. 2018 veröffentlichten sie ihre Ergebnisse. Die Unterlagen belegten, dass es zwischen 1946 und 2014 bei 1 670 Klerikern Hinweise auf Beschuldigungen wegen Straftaten des sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen gab. 3 677 Kinder und Jugendliche stellte die Studie als Opfer fest und wies zusätzlich auf die bekannte hohe Dunkelziffer bei diesen Taten hin. Mehr als die Hälfte der Opfer waren jünger als vierzehn Jahre. Drei von vier Betroffenen standen mit den Beschuldigten in einer kirchlichen oder seelsorgerischen Beziehung.

Bei lediglich einem Drittel der Beschuldigten wurden kirchenrechtliche Verfahren eingeleitet. Ein Viertel von ihnen endete ohne Sanktionen. 41 wurden aus dem Klerikerstand entlassen, 88 exkommuniziert. Für Matthias Katsch ist, neben den Tätern, die Kirche als Institution schuldig geworden. „Mitarbeiter und Vorgesetzte in der kirchlichen Organisation haben aktiv an der Vertuschung von Taten mitgewirkt“, ist sein Vorwurf. Papst Benedikt XVI. wandte sich bereits im Sommer 2010 bei einer Messe auf dem Petersplatz an die Opfer des Missbrauchs: „Wir bitten Gott und die betroffenen Menschen inständig um Vergebung und versprechen zugleich, dass wir alles tun wollen, um solchen Missbrauch nicht wieder vorkommen zu lassen.“

Sein Nachfolger im Amt, Papst Franziskus lud im Februar 2019 zu einem Anti-Missbrauchsgipfel ein und verschärfte danach kirchliche Rechtsvorschriften zum Umgang mit Missbrauchstaten. Priester und Ordensleute sind künftig verpflichtet, Informationen über Verdachtsfälle „unverzüglich“ bei den zuständigen kirchlichen Stellen anzuzeigen. Die Diözesen müssen leicht zugängliche Meldestellen einrichten. Neue kirchliche Straftatbestände sind sexuelle Handlungen mit Minderjährigen und Schutzbedürftigen sowie Herstellung, Besitz und Verbreitung kinderpornografischen Materials. Auch die Vertuschung von Missbrauchsfällen innerhalb der Kirche ist jetzt ein neuer Tatbestand. Bei allen Veränderungen im Blick auf die Bekämpfung des Missbrauchs im Raum der Kirche sieht Klaus Mertes die Rolle von Papst Franziskus durchaus kritisch. Bei aller guter Absicht erkenne der Papst nicht, dass der Missbrauch nicht von außen in die Kirche getragen werde, sondern eine systemische Dimension im Innern habe.

Beim Umgang mit den Opfern bietet die Kirche medizinische und psychotherapeutische Hilfe an. In der aktuellen Debatte geht es allerdings um finanzielle Entschädigungen. Eine von der Bischofskonferenz eingesetzte Arbeitsgruppe legte eine Empfehlung vor, nach der entweder eine pauschale Zahlung in Höhe von gut 300.000 Euro pro Fall oder abgestuft, nach der Schwere des Falles, zwischen 40.000 und 400.000 Euro geleistet werden solle. Folgt man dem Vorschlag, könnten Ansprüche von bis zu einer Milliarde Euro entstehen. Kritisiert wird daran, dass diese Beträge weit oberhalb der sonst in der deutschen Rechtsprechung üblichen Schadenersatzleistungen liegen.

Eine andere Frage ist, wer für diese Beträge in Haftung genommen werden soll. Der Beauftragte der DBK, Bischof Stephan Ackermann, teilte im November 2019 mit, er sehe „keine Alternative zur Zahlung von Entschädigungsleistungen für Missbrauchsopfer aus der Kirchensteuer“. Die Kirchenmitglieder seien hier als „Solidargemeinschaft in der Pflicht“. Schnell erhob sich Widerspruch gegen diese Forderung nach finanzieller Beteiligung aller an den Tatfolgen Einzelner. „Die Nutzung von Kirchensteuermitteln für Entschädigungsleistungen würde zu einer Welle der Empörung führen, deren Ausmaß kaum abgeschätzt werden kann", warnte ZdK-Präsident Thomas Sternberg. Die Frage der Haftung müsse sich zunächst an die Täter richten.

Kirchensteuer für Entschädigungen?

Unabhängig von allen Haftungsfragen muss es künftig vor allem darum gehen, Missbrauchsstraftaten auszuschließen. In den deutschen Bistümern unterstützen und vernetzen Präventionsbeauftragte die diözesanen Aktivitäten zur Vorbeugung von sexualisierter Gewalt und Grenzüberschreitungen an Schutzbefohlenen. Für die Deutsche Bischofskonferenz ist es wichtig, das Verfahrens zu Leistungen in Anerkennung zugefügten Leids weiterzuentwickeln. Ziele sind eine größere Einheitlichkeit des Verfahrens, Transparenz, Unabhängigkeit und Betroffenenorientierung. „Allen Beteiligten ist klar, dass eine Überarbeitung des Verfahrens weiter vorangetrieben werden soll, es bei der komplexen Thematik aber gleichzeitig Zeit, Sorgfalt und umfangreiche Abstimmungsprozesse braucht“, heißt es in einer Erklärung der DBK.

Durch die Skandale in öffentlicher Wahrnehmung

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) forderte zum Jahreswechsel von den Kirchen verbindliche Regelungen dahingehend, dass ein Missbrauchstäter nicht in einem kirchlichen Amt verbleiben dürfe. Die Ministerin erwartet, „dass die Kirchen konsequent an der Aufarbeitung der Fälle, der Entschädigung der Opfer und der Frage weiterarbeiten, wie die Täter zur Verantwortung gezogen werden“. Dazu müssten sie vor allem für den Bereich der kirchlichen Jugendarbeit wirksame Schutzkonzepte entwickeln. „Die Debatten der vergangenen zehn Jahre haben zumindest dazu geführt, dass das Thema Missbrauch stärker in der öffentlichen Wahrnehmung ist und es einen klaren gesellschaftspolitischen Konsens gibt, dass Missbrauch zu ächten und sicher kein Kavaliersdelikt ist.“

Die Bilanz von Matthias Katsch, die er auch in einem im Januar erscheinenden Buch „Damit es aufhört“ zieht, fällt kritisch aus: „Trotz der gesellschaftlichen Diskussionen sind Scheu und Abwehr immer noch ausgeprägt. Immer noch werden Missbrauchsfälle von den Verantwortlichen vertuscht, immer noch warten die Opfer auf angemessene Entschädigung. Der gesellschaftliche Kampf gegen sexuelle Gewalt hat gerade erst begonnen.“ Papst Franziskus beschreibt das Ziel der erforderlichen Weiterentwicklung für die Kirche ganz deutlich: „Wir müssen eine Kultur ins Leben rufen, die in der Lage ist, dass sich solche Situationen nicht nur nicht wiederholen, sondern auch keinen Raum finden, wo sie versteckt überleben könnten.“

 

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